Das Rätsel von Poesie und Schönheit wird erst im zweiten Teil des Abends gelöst, gleich nachdem die Band aus der Pause zurück ist. Ein Dutzend Klassiker hat sie bereits hinter sich gebracht, darunter den Tanz bis ans Ende der Liebe und den Gesang vom Herzen, das keinen Begleiter hat, er aber wird noch einmal anheben, die Frauen zu loben. Und die Frauen, vertreten durch drei reizende Backgroundsängerinnen, werden ihm antworten wie ein aus Versehen in der Hitparade gelandeter griechischer Chor. Verraten wir die Pointe noch nicht, nur so viel: Der späte Cohen ist ein Zauberkünstler alter Schule. Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger.

Punkt acht hat er mit einem Hüpfer die Bühne erklommen, im dunklen Nadelstreifenanzug, in den alle Zurückhaltung eingewoben ist, die ein Stoff ausstrahlen kann. Seine Oberlippe – die Videoleinwände offenbaren es – ziert der Ansatz eines Schwerenöterbärtchens, und für die ein oder andere Nummer greift er zur alten Gitarre. Sein eigentliches Requisit jedoch ist in diesen Tagen der Hut. Cohen zieht ihn gern und oft, er knetet ihn in der Hand, wenn einer der Musiker zu einem Solo ansetzt, er hält ihn sich demütig vor die Brust, wenn der Jubel allzu hemmungslos aufbrandet. Vor allem aber ist der Hut das Gefäß, aus dem er mit leichter Hand all jene Zeilen schüttelt, die der Saal längst auswendig kann.

Leonard Cohen in der betonierten Nüchternheit der Berliner O2 World, das ist ein als Konzert getarnter Dankgottesdienst. Cohen spielt Cohen, Material aus vierzig Jahren, Abgehangenes und Unvergängliches, Folkiges und Schmalziges, nicht tot zu Kriegendes und überraschend neu mit Leben Erfülltes. Dass die Band beherzt bis zur Kitschgrenze geht, Saxofone säuseln und Harfen erklingen, gehört zum Spiel: Cohen hat den Widerstand gegen den Wohlklang nicht mehr nötig. Mit einer Grandezza, wie sie nur Veteranen aus alten Schlachten zu Gebote steht, lässt er das Publikum teilhaben an einem Streifzug durch sämtliche Erleuchtungen spiritueller, sexueller und auch pharmazeutischer Art, die seinen Ruf als melancholischer Troubadour begründet haben. Und das Publikum dankt es ihm, indem es andächtig mitmurmelt. »First we take Manhattan, and then we take BERLIN!«

Ein Wunder, dass er überhaupt noch einmal auf der Bühne steht, man wähnte ihn bereits halb im Jenseits. Auf dem Mount Baldy, jenem kalifornischen Klosterberg, wo er sich lange schon zenbuddhistischen Studien hingibt, habe er seinen Frieden gefunden, hieß es – allein eine ruchlose Managerin, die mit der Kasse durchbrannte, sei für seine Rückkehr verantwortlich. Danken wir also auch der Frau für ihre unfreiwilligen Liebesdienste, sie ist es, die den Stein erneut ins Rollen brachte. Und doch hat das, was da oben geschieht, so gar nichts von einer Pflichtübung zur Sicherung der Rente. Zu sehen ist ein ergrauter, immer noch schöner Mann, der sich seine alten Lieder neu erobert.

Vieles an Cohens Material wirkt, als sei es gestern erst beim Zeitunglesen geschrieben worden: Democracy Is Coming To The USA, ein Zorn- und Spottlied auf das amerikanische Politbüro:»I love the country, but I can’t stand the scene.« Oder The Future, eine düstere Prophezeiung all der Katastrophen, die mittlerweile eingetreten sind. Es sind Songs über den bösen Appetit, der die Welt beherrscht: Oh Herr, gib uns endlich den Untergang, den wir verdienen, Börsenkrach, Atombomben und analen Sex inbegriffen. Und dann wieder another side of Leonard Cohen: Suzanne, allein zur Akustischen, und Hey That’s No Way To Say Goodbye, ein Protestlied gegen das Endgültige. Als Verführer und armer Sünder ist Cohen ein Schöngeist geblieben, ein Romantiker des Flachlegens.

Dass dennoch Abschied in der Luft liegt, man spürt es in den Momenten, in denen der 74-Jährige seinen eigenen Songs hinterherhorcht, als gehörten sie bereits nicht mehr ihm. Gar nicht übel, was da einer Mutter Sohn zuwege gebracht hat, scheint seine Gestik sagen zu wollen, hört ruhig noch einmal hin, bevor es irgendwann endgültig vorbei ist. Ein Hauch von Zen liegt zu später Stunde über dem Repertoire: Der letzte große Erotomane der Songkultur tritt vor seinen Schöpfungen zurück – um schließlich doch zu einem fulminanten Zugabenteil anzusetzen, in dem der Muse Marianne Tribut gezollt wird und ein alter Gassenhauer das immer wieder hinausgezögerte Ende seiner Liaison mit dem Publikum kommentiert: Goodnight, my darling, das Bett ist kalt, doch die Arme sind weit. »There’s a man still working for your smile.«

Bleibt das Rätsel von der Poesie und der Schönheit. Cohen enthüllt es, indem er einen Schritt zur Seite macht und noch einmal seinen Parzen-Chor vorstellt: Sharon Robinson, die ihm zuletzt beim Vertonen seiner Gedichte zur Seite stand, als die Kraft, Melodien zu erfinden, ihn schon verlassen hatte, und die fabulösen Webb-Schwestern, zwei Engelswesen mit Alabasterhaut, die geholfen haben, seine Weisen die ganze Zeit über mit einem Du-damm-damm zu untermalen. Jetzt ist das Orchester verstummt, die Lichter drohen auszugehen, und noch immer bezirzen die drei den alten Mann mit ihrem Sirenengesang: da-du-damm-damm, da-du-damm-damm, nichts als da-du-damm-damm.