Film Die großen Spaziergänger von Lüttich

Wie alle Filme von Jean-Pierre und Luc Dardenne spielt auch "Lornas Schweigen" wieder in Liège. Ein Streifzug mit den Brüdern durch ihre Heimatstadt

Irgendwann, in dreißig Jahren vielleicht, an einem regnerischen Tag, werden die fleißigen Bürger von Liège sich wie jeden Morgen aus dem Bett erheben, sich die Augen reiben, gähnen und das Radio andrehen, um sich munter zu machen. "Guten Morgen!", wird ein gut gelaunter Moderator sagen. "Falls Sie noch nicht ins Freie geblickt haben, möchte ich Ihnen sagen: Bleiben Sie im Bett, draußen herrscht Dardenne-Wetter!" Die Bürger von Liège werden zum Fenster gehen, die Vorhänge zur Seite ziehen und einen Tag sehen, der sich wie ein nasser, kalter Lappen über die Straßen legt. Sie werden frösteln, und sie werden leise vor sich hin murmeln: "Tatsächlich: Dardenne-Wetter!"

So wird es kommen, ganz bestimmt. Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben sechs Spielfilme gedreht, die allesamt in Liège und Umgebung spielen, und in keinem dieser Filme scheint die Sonne. Wenn sie einmal auftaucht, dann ist sie so kalt wie Stahl. Nun ließe sich fragen, was es die Bürger von Liège angeht, wenn zwei der Ihren die Stadt und ihre Umgebung in düsteren Farben zeichnen, wenn sie ihre Protagonisten frierend durch die Straßen gehen lassen, auf der Jagd nach einer Bleibe, nach einem billigen Vergnügen, nach etwas Geld oder einfach nur nach der Möglichkeit, sich zu wärmen. Wen kümmert’s? Sollen sie doch! Allerdings haben die Brüder schon zweimal die Goldene Palme von Cannes gewonnen, was sie zu berühmten Söhnen der Stadt gemacht hat. Man kommt also nicht mehr an ihnen vorbei. Als im Haus des Tourismus von Liège die freundlichen Frauen hinter dem Schalter mit großer Selbstverständlichkeit sagen: "Ach, die Dardennes!", um im nächsten Atemzug zuzugeben, dass sie noch nie einen Film der beiden gesehen hätten, da weiß man, dass die Brüder auf dem Wege sind, auch eine Institution dieser Stadt zu werden. Marketingexperten würden von einer Ressource reden.

Die Stahlstadt spuckt Menschen und ihre Geschichten aufs Pflaster

Überhaupt, welch ein Glück die Brüder für Liège sind! Die Stadt hat sich ja verloren in den letzten Jahrzehnten. Die Hochöfen, die in ihren besten Zeiten 37000 Arbeiter beschäftigten, stehen heute wie ausgebrannte Kathedralen an den Ufern der Maas. Schwarz, verbraucht und ohne große Hoffnung warten sie darauf, dass jemand sie wiederbelebt. Vor zwei Jahren kaufte sich der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal hier ein und nahm einen Hochofen in Betrieb. Seither ist wieder Zischen und Fauchen aus den Röhren der Werke zu vernehmen – so also muss es gewesen sein, als es noch in allen Öfen glühte, als Rauch aufstieg und den Himmel verdunkelte, als sich Abwässer schäumend in die Maas ergossen.

In dieser Welt sind die Brüder Dardenne aufgewachsen, und sie haben sie mit ihren Filmen nie verlassen. "Wir kennen uns hier einfach am besten aus", sagen die beiden, wenn man sie danach fragt, warum alle ihre Filme in Liège und seiner Umgebung spielen. Dabei huscht ein Lächeln über ihre Lippen, oder vielleicht bildet man sich das auch nur ein. Die beiden sitzen in den Räumen der von ihnen gegründeten Produktionsfirma Les Films du Fleuve, und vor den Fenstern fließt die Maas vorbei – der Fluss, an dem die beiden ihr ganzes Leben verbracht haben. "Wir kennen uns hier am besten aus" – dieses Understatement lässt die suggestive Kraft der toten Industrie von Liège nur noch unheimlicher erscheinen.

In La Promesse, dem Film, mit dem sie 1996 zum ersten Mal die Golden Palme gewannen, sagt der junge Menschenschmuggler Igor zu den illegalen Einwanderern, die er in übel riechende, feuchte Unterkünfte kutschiert: "Da draußen, das ist Belgien. Da gibt es Geld, da gibt es Arbeit, viel Arbeit und viel Geld." Man sieht die Stahlfabriken und dieses eisige Licht, während das kindliche Gesicht von Igor strahlt, als warte da draußen wirklich das Paradies und nicht eine von Ausbeutern bevölkerte Hölle. In solchen Momenten ist beides authentisch, die Trostlosigkeit und das Versprechen, die bittere Realität und die wärmende Hoffnung. In solchen Momenten weiß man, warum die Brüder Dardenne ihre Filme hier spielen lassen: In Liège liegen die Geschichten buchstäblich auf der Straße.

Auch in Berlin, Paris, in London oder in Hamburg wird man ohne Mühe Menschen finden, wie sie die Dardennes in ihren Filmen zeigen: an den Rand Gestoßene, die mit allen Mitteln um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen. Doch hier ist es offensichtlich, dass eine ganze Stadt, ja eine ganze Gegend darum kämpft, sich neu zu finden – und dass sie darin Erfahrung hat. Der große französische Historiker des 19. Jahrhunderts, Jules Michelet, schrieb über Liège: "Dies ist eine Stadt, die sich immer wieder auflöst und sich immer wieder neu erfindet, ohne je zu ermüden." Die Geschichte dieses Wandels ist in die Architektur der Stadt eingeschrieben, und sie spiegelt sich in den Schicksalen der Menschen. Eine Stadt, die sich wie Liège unter heftigen Zuckungen häutet, spuckt Menschen aus ihrem Inneren aus und wirft sie aufs Pflaster. Dort lesen die Brüder ihre Geschichten auf. Wie gute Journalisten recherchieren sie, informieren sich, knüpfen Kontakte. Vor allem aber streifen sie unermüdlich durch die Stadt: "Die Brüder", sagt ihr Location-Manager Philippe Groff, "sind große Spaziergänger."

Es mag ein Zufall sein, dass die Dardennes die Protagonistin ihres neuen Films Lornas Schweigen ausgerechnet in der Bahnhofsgegend ihren Traum finden lassen: ein etwas heruntergekommenes Geschäftslokal, in dem Lorna gemeinsam mit ihrer großen Liebe Sokol eine Snackbar eröffnen will. Doch gibt es keinen besseren Ort für Lornas Hoffen und Sehnen. Liège nämlich hat sich auf seiner Suche nach einer postindustriellen Identität einen neuen Bahnhof geschenkt, einen vom spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava errichteten, 400 Millionen Euro teuren Bau – er soll der Stadt Halt geben und eine Zukunft. Die Albanerin Lorna ist hier angeschwemmt worden, und hier, am Bahnhof, zeigt sie ihrem Freund Sokol ihren belgischen Ausweis vor. "Gib ihn mir!", sagt Sokol und greift ihn sich, prüft ihn wie einen Edelstein. Kaum dass sie ihn weggepackt hat, will er ihn noch einmal sehen: "Zeig her, zeig her!" Er dreht und wendet ihn erneut, ungläubig, dass sie, Lorna, es geschafft hat, Bürgerin des Wohlstandsparadieses EU zu werden. Dann muss Sokol weg. Er fährt nach Deutschland, wo er schwarzarbeitet. Zum Abschied sagt er noch: "Wir müssen bei unserem ursprünglichen Plan bleiben, dann wird alles gut!"

Lorna geht durch die nächtlichen Straßen zurück in ihre Wohnung, die in einem trostlosen Vorort liegt. Aufrecht, schnell, entschlossen schreitet sie voran. Und doch lässt die wunderbare Darstellerin Arta Dobroshi den Zuschauer bereits spüren, wie Skrupel diese Fassade der Zielgerichtetheit aufweichen. Es regt sich etwas in Lornas Innerem. Durch ihr Bemühen, es in sich eingeschlossen zu halten, wird es nur noch sichtbarer. Der "Plan", von dem Sokol spricht, wird nämlich zum Tod eines Menschen führen.

In allen ihren Filmen zeigen uns die Dardennes Menschen, die wir eigentlich verachten müssten, denn sie lügen und betrügen, sie verraten, und sie stehlen, sie verletzen, und sie töten – und doch will es einem nie recht gelingen, diese Protagonisten wegen ihres Tuns zu richten. "Kunst ist kein Tribunal", sagt Jean-Pierre Dardenne, und sein Bruder Luc fügt hinzu, dass "man Sympathie für seine Figuren empfinden muss". Sympathie heißt nicht, dass man verzeiht. Die Dardennes verurteilen in ihren Filmen nicht, aber sie sprechen auch nicht frei – sie zeigen den Menschen so, wie er ist. Da gibt es Rosetta, die in dem gleichnamigen Film Verrat an dem einzigen Menschen begeht, der sich um sie kümmert. Da ist Roger, der in La Promesse mit professioneller Kälte illegale Einwanderer ausbeutet. Und Bruno in L’Enfant denkt sich nichts dabei, sein eigenes Kind zu verkaufen. Genügend Stoff, um an der Niedrigkeit des Menschen zu verzweifeln. "Aber es ist doch nicht so, dass Menschen, nur weil sie etwas Unmenschliches tun, unmenschlich sind", sagt Luc Dardenne.

Tatsächlich sind Menschen bei den Dardennes immer mehr als ihre schlimmen Taten. Erlösung von Schuld ist möglich, daran glauben die Brüder, und sie zeigen es in allen ihren Filmen. Auch in den Momenten, da sich der Mensch endlich von seiner Schuld befreien kann, bleiben die beiden ihrem nüchternen Stil treu. Wo in anderen Filmen Musik erklingen würde, um die Größe des befreienden Moments emotional zu verstärken, machen die Dardennes das, was sie während des gesamten Films machen: Sie bleiben mit der Kamera dicht an ihren Schauspielern, vom Anfang bis zum Ende. Rosetta bricht in der letzten Einstellung zum ersten Mal weinend zusammen, Igor spricht die fürchterliche Wahrheit in einem einzigen, simplen Satz aus; und Bruno findet Erlösung, indem er sich mit wenigen Worten stellt. Die Dardennes scheinen dies alles nur zu protokollieren, doch tun sie viel mehr als das. Sie betrachten Menschen mit ihrer Kamera so lange, so intensiv, bis sich die Geschichten wie von selbst entfalten. Das können sie nur tun, weil die Regisseure Vertrauen zu ihren Figuren und deren Handlungen haben. Alle Konzentration ist darauf gerichtet. Luc Dardenne sagt mit großer Überzeugungskraft und gleichzeitig so, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt: "Je länger man eine Sache betrachtet, desto einmaliger, desto schöner wird sie."

Das klingt schon fast nach einer meditativen Übung, die, wenn man sie nur richtig und lange genug wiederholt, das Bewusstsein auf eine neue Ebene hebt. Tatsächlich aber richtet sich der Blick der Brüder immer auf das Konkrete, und er weicht nicht mehr davon ab, bis sich dieses Konkrete auflöst. Die Arbeit der Dardenne-Brüder ist wie das beharrliche Befragen der Wirklichkeit, ohne dass Fragen gestellt würden. Auch Lorna entgeht diesem Blick nicht, auch sie löst sich auf, oder wie es Luc Dardenne sagt: "Die Lorna zu Beginn des Films ist nicht mehr die Lorna am Ende."

Zu Beginn sehen wir eine junge Frau, die Geld auf ihr Konto einzahlt und danach ihren Freund anruft, um ihm zu sagen, dass bald genügend zusammensei, um endlich die Snackbar zu eröffnen. Lorna hat sich in die Hände des Menschenschmugglers Fabio begeben. Der hat sie an den Junkie Claudy verheiratet, der dafür wiederum Geld erhalten hat. Lorna bekommt die ersehnte Staatsbürgerschaft, ist aber längst schon einem Russen versprochen, der seinerseits Geld für die Heirat mit Lorna bezahlen wird – Geld, Geld, Geld. Und der Junkie Claudy ist diesem Deal mit seinem miserablen Leben im Weg. "Er ist doch nur ein Drogenabhängiger", sagt Sokol zu Lorna. Claudy ist Müll, nichts weiter. Und Lorna hält sich dieses menschliche Wrack, mit dem sie verheiratet ist, vom Leib, so gut es geht. Sie schreit ihn an, sie wehrt ihn ab, sie bemüht sich um Kälte. Doch sie schafft es nicht. Irgendwann nimmt sie Claudy als Menschen wahr, als einen, der leidet, hofft und kämpft. In diesem Augenblick ist Lorna verloren.

Zum Einschlafen ein Gebet: "Ich werde nicht in den Rinnstein fallen"

"Sobald sie ihn als Menschen sieht", sagt Luc Dardenne, "kann sie nicht mehr zurück." Lornas Panzer zerfällt Stück für Stück. Am Ende sehen wir, wie Lorna sich in einer Waldhütte verbarrikadiert, wie die Nacht hereinbricht, wie Lorna ein Feuer im Ofen macht, um sich zu wärmen, wie sie sich auf eine harte Bank legt und zu dem Kind, das sie möglicherweise in ihrem Bauch trägt, sagt: "Ich haben deinen Vater sterben lassen. Ich werde dich nie sterben lassen. Niemals!"

Die Hütte im winterkalten Wald, das wärmende Feuer, das ungeborene Kind, zu dem Lorna zärtlich spricht – da denkt man schnell, die Dardennes hätten sich in religiöse Symbolik geflüchtet. Sie selbst geben sich überrascht über eine solche Interpretation. "Auch wenn eine religiöse französische Zeitung eine ganze Seite darüber geschrieben hat", sagt Luc Dardenne, "wir sehen das gar nicht so, aber jeder ist frei zu interpretieren." Dieser "Meinungsunterschied" zeigt nur, dass ihr Werk nicht recht einzuordnen sei. Das spricht für sie.

Die Kraft der Dardennes ist die Unbestechlichkeit ihres Auges. Nur wer darüber verfügt, kann in die Abgründe unserer modernen Existenz blicken und dort Menschen entdecken, die noch in der dunkelsten Stunde ihre Würde bewahren wollen. Nur wer ein solches Auge hat, kann sehen, wie Lorna und Claudy allein durch ihr Menschsein aneinandergekettet sind. Es ist den Versuch wert, sich vorzustellen, was man sehen könnte, wenn man so schauen könnte wie die Brüder Dardenne. Geduldig, neugierig, beharrlich. Vielleicht träfe man – wie sie – irgendwann auf eine junge Frau wie Rosetta, auf eine Ausgestoßene, die sich auf einem improvisierten Bett zusammenkauert, irgendwo in einer der Bruchbuden der heruntergekommenen, ausgekühlten Stadt, und die vor dem Einschlafen ein Gebet aufsagt:

Ich heiße Rosetta
Ich heiße Rosetta
Ich habe eine Arbeit gefunden
Ich habe eine Arbeit gefunden
Ich habe einen Freund gefunden
Ich habe einen Freund gefunden
Ich habe ein normales Leben
Ich habe ein normales Leben
Ich werde nicht in den Rinnstein fallen
Ich werde nicht in den Rinnstein fallen
Gute Nacht

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 09.10.2008 Nr. 42
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