Roman
Dieses Buch ist quälend, arrogant, verlabert, technikbesoffen. Es ist eine Erleuchtung.
Dietmar Dath
Dietmar Daths »Abschaffung der Arten« ist der erste deutsche Roman, der eine ernsthafte literarische Aufmerksamkeit hat für den großen Epochenwandel unserer Zeit.
Ihn zu lesen, heißt: In die grelle Sonne zu blicken
Tiere in Büchern sind langweilig. Der sprechende Hund, das säuselnde Kätzchen, die schlaue Mutter Eule erfordern einige Langmut. Die Fabel in ihrer strengen Gelehrsamkeit und übersichtlichen Nutzanwendung hat einen kindischen Beigeschmack. Was soll uns das endlose Getue mit Dachsen, Fröschen und Mäusen, die reden wie das Schulmeisterlein Wurz? In der Schule haben wir gelernt, dass Tiere in der Dichtung sprechen, weil sie Unbotmäßiges frei aussprechen durften. Der Esel darf in der Fabel die verhasste Ständeordnung kritisieren, die Schnecke darf den Kapitalismus geißeln und für die SPD Reklame machen.
Eine zarte Rauchwolke der Subversion und der Besserwisserei lag von Anfang an über diesem Lieblingsgenre aller Pädagogen. Dass Dietmar Dath, dieser genieverdächtige, der Belehrung und Aufklärung seiner Leser seit je besonders zugeneigte Autor, sich nun auf dem literarischen Höhepunkt seines vielfältigen Schaffens der verwaisten Tierfabel annimmt und sie zu neuem revolutionärem Leben erweckt, ist zunächst eine gute Nachricht, nicht nur für den Schulunterricht. Vielleicht kann Dath in Tiereszungen freimütiger sagen, was wir in seinen bisherigen Streitschriften, Briefromanen und Schulerinnerungen noch nicht ganz verstanden haben.
Und so beginnt das bisher bedeutendste Buch von Dietmar Dath: Die Erde und die Tiere sind endlich frei. Der Mensch ist, abgesehen von ein paar tierähnlich gehaltenen letzten Ansichtsexemplaren, den »Minderlingen«, samt seinen Todsünden, seinem Wachstumsglauben, seiner »Klimascheiße«, seinem öden Raubtierdarwinismus von der Erde verschwunden. Niemand weint ihm eine Träne nach. Der Fabeldichter Dath und seine Tiere nennen das menschenlose Zeitalter ungerührt »die Befreiung«. Kleinliche humanistische Sentimentalitäten und das menschelnde Bedauern über den Zustand der Welt, die innere und äußere Verödung des Lebens, das den vornehmsten Teil der modernen Weltliteratur einmal bewegte, sind ihnen fremd. Der Untergang des Abendlandes – da ist Dath unzimperlich wie weiland Oswald Spengler – war fällig und notwendig. Und wer die Zeitalter und die Jahrtausende im Sechserpack zur Kasse bringt, kann sich mit dem zwischenmenschlichen Wechselgeld nicht aufhalten. Dath rechnet in Datenströmen und in Kontinenten. Nicht in Herzensangelegenheiten und Teenachmittagen. Er zitiert gerne Lenin und schreibt Bücher für das kommende posthumanistische Zeitalter.
Für diesen pseudomilitärischen, männlichen Imponierstil – »der Golf von Persien, das kaspische Becken, das Südchinesische Meer, das Nilbecken sind die Konfliktschauplätze, von denen wir hören werden« (aus der Streitschrift Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus) – hat Dath schon viel Bewunderung und Kritik erfahren. Wohlwollen und Neugier bringen all jene diesem großstrategischen Erzählen entgegen, die in der Enge des zurzeit die Literatur beherrschenden ostdeutschen Neorealismus an Erstickungsnot leiden, die sich langweilen in den Dresdner oder Altenburger Gassen, in denen mit Kenner- und Könnermiene über die Haltbarkeit sozialistischer Haushaltsquirle debattiert wird. Mit Abscheu reagieren die anderen, die selbst Dresdner Haushaltsquirle in beliebiger Zahl zu schlucken bereit sind, wenn sie damit nur den gelahrten Gedankenspielen des »Blenders« Dath entkommen. Beide haben recht.
Das Buch ist wirklich unausstehlich – und will es auch sein. Es ist quälend, arrogant, belehrend, aufgekratzt, gönnerhaft, seminaristisch, spiritistisch, technikbesoffen, angeberhaft, juvenil, blutrünstig, albern, verlabert, jargonhaft und einiges Unverzeihliche mehr. Und doch ergibt die aberwitzige Summe dieser literarischen Schrecken erstaunlicherweise einen Lustärger, der ein aufreibendes intellektuelles Vergnügen bereitet.
Es ist viel schöne Unbekümmertheit und heitere Rechthaberei in diesem biotechno-literarischen Baukastenspiel, das Dath hier in der Rolle eines Über-Darwin im Schnelldurchlauf spielt. Die erste Population, die nach dem Ende der Menschheit die Erde bevölkert, sind sprechende Tiere, die »Gente«. Die gute alte Evolution hat ihre bewährte und gefürchtete Laufbahn verlassen und ist – nein das Wort fällt nicht, muss aber gemeint sein – zur gezielten Zuchtwahl übergegangen. Neue Wesen werden »komponiert« und »aus der Naturgeschichte in die Geschichte geholt«. Die Biotechnik bestimmt das Sein und das Bewusstsein. Der Darwinismus und sein blutiges irdisches Tun werden zivilisiert. Die Schöpfung, in der Friede und Freiheit bedauerlicherweise nicht programmiert waren, wird gentechnisch im politisch erwünschten Sinn nachgebessert: Ein gentechnologischer Linksruck bringt die Erde dem Paradies ein Stückchen näher. Eine dritte Population, die »Keramiker«, die sich gegen die »Gente« in verworrenen Kämpfen durchgesetzt haben, führen deren links-technologisches Beglückungswerk fort. Spätere Generationen, die wie schamanistische Hegelianer »Denken in Sein umgestalten« können, werden in den Schlusskapiteln sogar den Mars bevölkern.
Das menschliche Zeitalter, kurz »die Langeweile« genannt, bedenken die verbesserten Tiere mit mildem Spott. Erinnert sich noch jemand an den Profit? Das war so eine Religion, die sie in der Langeweile hatten. Oder an solch alberne Marotten wie das sinnlose Anhäufen von abstraktem Reichtum, das strohdumme Fressen und Gefressenwerden? Der Fabeldichter Dath ist ein Mann mit Botschaft. Er macht dem Genre Ehre. Er will seine Leser, die »mit ihrem Los als gebildete Fellachen und Tagelöhner« angeblich unzufrieden sind, wachrütteln. Er will unsere Angestelltenseelen aus dem Winterschlaf reißen. Denn er ist, was selten geworden ist, nicht umsonst ein politischer Schriftsteller.
Gegen Volkspädagogik in der Literatur lässt sich viel einwenden. Aber fraglos ist dieser Roman aus dem Geist des Menschenparks ein enthusiastisches Plädoyer für ein besseres und gerechteres Leben. Ein Bauplan für eine schöne neue Welt, die durch allerhand undurchsichtiges biotechnisches und maschinenstürmerisches Abrakadabra befreit ist von den »grauen Aschenbechergesichtern« unserer spätkapitalistischen Tage.
Die feurige Begeisterung des 38-jährigen Autors für die Gentechnik und den Maschinenbau erinnert dabei zwar manchmal an die roten Backen, mit denen ein entzückter Knabe seinen Spielkameraden die beglückenden Funktionsweisen seiner neuen Carrera-Autobahn erläutert. Dennoch ist dieses Buch der erste ernst zu nehmende Fall einer literarischen Aufmerksamkeit für den Epochenwandel, in dem wir leben, seitdem die Spitzentechnologien in der westlichen Welt bereit sind, die Codes des Lebendigen umzuschreiben. Dass Peter Sloterdijk, der Autor des Aufsatzes Regeln für den Menschenpark, den Werbetext für dieses halsbrecherische Unternehmen verfasst hat, muss an dieser Stelle der Übersicht halber vermerkt werden.
Wer allerdings hofft, von derartigen Umstürzen und Himmelfahrten in einer alles Alte und Verstaubte hinwegfegenden Sprache Kunde zu erhalten, wird enttäuscht. Daths Sprache klingt zombiehaft und öde. Sie kennt keine Farben, keine Gerüche, keine Geräusche und keine Zwischentöne. Es ist eine futuristische Seminar- oder Cybersprache, ein gefühlloser, aber hochspannungsgeladener Text, der die Grenzen zwischen dem Seelischen und dem Maschinellen für unser technologisches Zeitalter offenbar auch sprachlich ganz neu vermessen will. Die vorherrschende Redefigur ist – ähnlich wie in Daths Vierzehn Briefen über Drastik und Deutlichkeit – das männlich belehrende (meist wie eh und je: eine Frau/ein Weibchen belehrende) Fachgespräch mit alltagssprachlichen Verschleifungen. »Gedankentext« statt »Erfahrungsliteratur« heißt das ästhetische Programm. Keine »kuschelige ranschmeiße an die reporter aus dem schwingungsleben der pop-gegenwart«, wie es im Roman Dirac einmal züchtig heißt. Diese entbehrungsreiche, überaus ungefällige Technik ist allerdings zu aufdringlich und zu verstörend, als dass es sich dabei um eine Schwäche handeln könnte, auf die zu stoßen man sich brüsten dürfte. Im Gegenteil. Aggressiv, durch hemmungslose Übertreibung und unvorstellbaren Hochmut noch gesteigert, soll jedem Anflug eines herkömmlichen Kunstgenusses vorgebeugt werden.
Das klingt dann so: »Sowenig die Menschen mutmaßlich je damals an Turing oder Shannon gedacht hatten, beim Schreiben ihrer E-Mails, sowenig fielen den Gente für gewöhnlich die Grundlagen ihrer chemischen Kommunikationstechnik noch ein, wenn sie die Moleküle flüstern, kitzeln, flirten ließen – das Geheimnis im Garten der Fruchtfliege, die paarungsleitende Pheromondusche von drosophila melongaster (…)« Das ist das Dada einer neuen wütenden Bürgerschreckliteratur, hässlich und unverschämt, aber ähnlich reizvoll wie das heilig-verspielte »jolifanto bambla ô falli bambla« im Karawanengedicht des jungen Hugo Ball (Dadaist, Pazifist, Katholik, Mystiker 1886 bis 1927), der sich genauso wie Dath viel mehr für die Flucht aus der Zeit und die geistige Welt als für seine aschengesichtige Gegenwart begeistert hat.
So will dieses hybride Buch alles Mögliche sein, banale Science-Fiction, biederes Splattermovie, stahlharter Techno-Sprech, schwülstiger tibetischer Totentanz, doch eines auf keinen Fall: ein literarischer Konsumartikel. Darin ist viel Verachtung für unsere Zeit, aber auch eine sympathische Besessenheit, die sich den Teufel darum schert, ob die Feinkost-Kritik in Berlin-Brandenburg – die nebenbei bemerkt sogar eine kriegslüsterne Schmonzette wie den jüngsten Roman von Christian Kracht wegen ihrer edlen sprachlichen Schokoladenglasur zum Verzehr empfiehlt – sich an diesem Sprachgeröll die Zähne ausbeißt.
Auffallend viele deutschsprachige Autoren reanimieren im Augenblick aus verständlichen Gründen die Schreibweisen des bürgerlichen Realismus der Vorkriegszeit. Sie wollen sich ihrer schon halb verlorenen Vergangenheit und ihrer in rasender Geschwindigkeit versinkenden Gegenwart in großen, respektablen Gesellschaftsromanen noch einmal versichern. Während diese Autoren das vergangene deutsche Jahrhundert mit verlässlichem festen Schuhwerk bedächtig ausschreiten – Norbert Niemann in seinem Roman Willkommen neue Träume, Julia Franck in der Mittagsfrau, Uwe Tellkamp in seinem Dresdner Großerinnerungsprojekt Der Turm – stürmt Dietmar Dath auf sieben Gummistiefeln in die Zukunft, den großen, den allergrößten Menschheitsfragen entgegen.
Das Letzte, was man von ihm hört, sind die drei Schlussseufzer aus dem Langgedicht The Waste Land von T.S. Eliot, mit denen er seinen Roman beendet: »Shantih shantih shantih«. Norbert Hummelt, der Eliots gewaltiges Gedicht gerade neu übersetzt hat, erklärt diesen vedischen, auf das spirituelle Verständnis von Dichtung anspielenden Gedichtschluss Eliots so: »Shantih wiederholt die Schlussformel einer Upanishad.« Es bedeutet: »Der Friede, welcher höher ist als alle Vernunft«.
Höher als alle Vernunft. Das ist ziemlich hoch. Wer dort hinaufwill, kann tief fallen. Es mag sein, dass Dietmar Dath zu hoch gestiegen ist. Es mag sein, dass er hochmütig, vielleicht sogar ein wenig hochstaplerisch ist. Es mag sogar sein, dass er mit diesem hochfahrenden Buch ins Straucheln gekommen ist. Die Blickrichtung jedoch ist faszinierend. Wer manchmal für Augenblicke begierig in die helle Sonne blinzelt, auch wenn die Augen dabei schmerzen, sollte dieses Buch lesen.
Der 1970 geborene Autor ist Experte für verspielte Bürgerschreckliteratur: 2005 erschien »Die salzweißen Augen«, 2006 »Dirac« und in diesem Frühjahr die Streitschrift »Maschinenwinter – Wissen, Technik, Sozialismus«. Sein neuester Roman, ebenfalls bei Suhrkamp erschienen, heißt »Die Abschaffung der Arten« und ist sein bislang bedeutendster
- Datum 24.10.2008 - 13:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 09.10.2008 Nr. 42
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