Neue Musik Kunst des Leidens

Uraufführung in Leipzig: Hans Werner Henzes Oratorium »Elogium Musicum« zum Angedenken eines toten Freundes

Als Hans Werner Henzes Oper L’Upupa oder der Triumph der Sohnesliebe vor fünf Jahren in Salzburg uraufgeführt wurde, glaubten viele, das altersmeisterliche Abschiedswerk des Komponisten gehört zu haben. Henze hatte eine orientalisch verzweigte Märchengeschichte vertont, seine Musik klang wie von einer höheren Lebenswarte aus ersonnen. Wer wollte, konnte in der Hauptfigur des greisen Großwesirs El Din ein Selbstporträt des Komponisten erkennen: In einem Turm lebt der Alte, einsam, den irdischen Dingen schon ein wenig entrückt. Seine über alles geliebte Upupa, ein Wiedehopf, Henzes Metapher für das Kunstschöne, ist ihm entflogen. Nach mannigfachen Abenteuern hält der Großwesir den Vogel am Ende wieder in den Händen und schenkt ihm mit einer berührenden Geste des Loslassens die Freiheit. In Interviews hatte Henze damals erklärt, die Mühsal des Musikschreibens falle ihm immer schwerer, es sei nun genug. Fortan wolle er nur noch die fünfhundert Jahre alten Olivenbäume auf seinem italienischen Landgut betrachten.

Viel ist seitdem passiert. Der heute 82-Jährige konnte vom Komponieren doch nicht lassen. Er begann seine nächste Oper, Phaedra, erkrankte schwer, erholte sich wieder – und in einer tragischen Wendung des Schicksals starb im vergangenen Jahr sein Lebensgefährte Fausto Moroni, der ihn zuvor gepflegt hatte. Dem Freund zu Ehren hat sich Henze, allem Kummer und allen körperlichen Gebrechen zum Trotz, eine weitere Komposition abgerungen: Elogium Musicum, ein mit Chor und großem Orchester oratorienhaft besetztes Werk, das jetzt von Riccardo Chailly, dem MDR-Chor und dem Gewandhausorchester in Leipzig uraufgeführt wurde. »Die Elogen«, schreibt der Komponist im Vorwort zur Partitur, »sind so etwas wie ein Nachruf, erfüllt von Erinnerung, von Zeugnis und von Trauer, Verlust und Klage.«

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In Henzes Schaffen haben sich Kunst und Leben immer bedingt, das Politische und Persönliche ist nie vom Künstlerischen zu trennen. Und so hält auf seine späten Tage noch einmal eine Altersverzweiflung, ein Schmerz, eine albtraumhafte Todesschwärze in seine Musik Einzug, wie man das nach dem traumschön entrückten Schluss der zehnten Symphonie und der altersmilden L’Upupa-Oper nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Schon in Phaedra war viel von dem Abgrund zu vernehmen, an dessen Rand Henze komponierend balancierte. In Elogium Musicum nun wird man Ohrenzeuge des Sturzes. Der Text (von Franco Serpa) imaginiert im ersten von vier Sätzen mit der für Henze typischen, bildhaften Fantasie zwei Falken (»wunderbare Vögel schnellster Kraft«), von denen der eine (»durchschossen, zerfetzt«) vom Himmel geschleudert wird, »die Flügel geöffnet wie Fächer fiel er in den dunklen Staub, rot, kalt, leblos«. Und dem anderen Falken bleibt nichts übrig, als wegzufliegen »in die Nacht, ohne dich, alleine«.

Die Musik dazu setzt mit einem elegischen Streichquartettsatz ein, steigert sich ins dramatisch Desparate und steuert zum Satzende auf die große Leere eines im Pianissimo ersterbenden Akkordes zu. Der Tonfall des Chors lässt erahnen, wie schwer es Henze gefallen sein muss, das Erlebte in Musik zu fassen. In einem grollenden Decrescendo der großen Trommel vor der bleischweren Textzeile: »Ich erinnere mich an einen traurigsten Tag« verleiht er der dumpfen, negativen Energie Ausdruck, gegen die er anzukämpfen hatte. Im zweiten Satz Nox dann erheben schattenhafte Vogelwesen bedrohlich ihr Klanghaupt, und die Welt liegt in scharfen Dissonanzen »wüst, grausam, blind«. Unfasslich, wie Henze es hier schafft, leidvoll Privates in Kunst aufgehen zu lassen, noch in den finstersten Momenten bleibt er der Traumwandler im Schönen, der er immer war. Formvollendet sind die melodischen Erinnerungsgesten, mit denen er dem amatissimi amici nunc remoti (»dem sehr geliebten Freund, der nun weit entfernt ist«), so der Untertitel, nachspürt. Von leichter Hand, mit sparsamen Linien, lässt er die Atmosphäre schillern. Und auf das Nachtdunkel folgt – typisch Henze – südliches Sommerlicht.

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