Grossbritannien Wenn das mal klapptWenn das mal klappt

Bei der Faltradweltmeisterschaft im Park des englischen Blenheim Palace zählt nicht nur das Tempo. Auch der bestgekleidete Fahrer bekommt einen Preis. Oliver Maria Schmitt ist mitgeradelt

Noch eine halbe Stunde bis zum Start. Mühsam habe ich mein Fahrrad vorschriftsmäßig zusammengefaltet und an der Startposition verstaut. Mein Hemd ist völlig durchgeschwitzt, ich lockere den Krawattenknoten. O Gott, wo ist meine Zigarre? Ich bin ganz benommen. Die vielen Eindrücke, die Aufregung.

Die Septembersonne feiert den letzten großen Auftritt des Jahres und taucht den Landschaftspark rund um Blenheim Palace in milchig helles Weichzeichnerlicht. Vor mir, in einer Senke, ruht still ein großer See. Über seine engste Stelle spannt sich eine monumentale Brücke, die Bäume am Ufer machen erste Farbvorschläge, die Gegend drum herum hat einen eleganten grünen Samtanzug an, im Hintergrund thront prächtig der Palast. Durch einen Triumphbogen habe ich diesen Park betreten. Das passt, dachte ich: Hier wirst du also deinen großen Sieg erringen, so wie sich die gigantische Anlage selbst den Siegen verdankt, die John Churchill Anfang des 18. Jahrhunderts für die englische Krone errang. Dafür wurden ihm die Herzogswürde und einige Hundert Hektar nördlich von Oxford verliehen. Er durfte sich Duke of Marlborough nennen und eines der größten Schlösser Europas bauen, damit sein Nachfahr, der elfte Duke, auf den Latifundien Mineralwasser abfüllen, ein Sägewerk und eine Miniatureisenbahn betreiben, Schlosshochzeiten anbieten und nun auch als Gastgeber für das merkwürdigste Fahrradrennen der Welt fungieren kann: die Brompton World Championship 2008.

Wer teilnehmen will, muss mit dem eigenen Klapprad erscheinen und die richtige Garderobe tragen. Eng anliegende Radlerkleidung ist nicht gestattet, Jackett, Hemd und Krawatte sind zwingend vorgeschrieben, das gilt für Damen wie Herren. Nur in diesem Outfit ist man ein echter Brompton-Fahrer. Das »Brommie« nämlich ist ein Hightech-Klapprad, das in nichts den lächerlichen orangefarbenen Schrotträdern gleicht, die früher in unseren Kellern und Garagen vergammelten. Es ist äußerst robust und lässt sich zu einem verblüffend kleinen Päckchen falten. Vor allem in London wird das Wunderding gefahren, von Pendlern, die mit Anzug und Krawatte in die U-Bahn steigen. In der engen, muffigen tube darf man keine großen Fahrräder transportieren – ein Klapprad, das sich auf Aktenkoffergröße verkleinern lässt, dagegen schon.

Dank des patentierten Klappmechanismus kann man das Brompton innerhalb weniger Sekunden auf- und wieder zusammenfalten. Wenn man es kann. Ich habe mir soeben ein Brommie geliehen, bin mit der Technik nicht vertraut und spiele nun die alte Comedynummer mit dem Mann und dem Klappstuhl durch. Bei jedem Faltvorgang entsteht etwas Neues, nur leider niemals ein Fahrrad. Ein Herr in Tweedsakko, Fliege und Reiterhose kann das nicht mehr mit ansehen und zeigt mir die entscheidenden Handgriffe. Denn das Rennen startet nach Le-Mans-Art: Man muss auf sein geparktes Fahrzeug zurennen, es auffalten und losfahren. Er liebe Bromptons, sagt Mr. Tweed, diese Räder seien endlich mal wieder ein Beispiel für erfolgreiche britische Technik. Von Cowley ist er hergeradelt, einem Vorort von Oxford, wo der Autohersteller Morris früher den legendären Morris Minor baute, eine Art britischen Volkswagen. Zwar sind inzwischen fast alle englischen Fahrzeugfirmen in fremder Hand. Das Brompton aber ist weltweit das bestverkaufte Klapprad und damit ähnlich erfolgreich wie die Beatles. Schon nach ein paar Minuten Üben kommt auch bei mir ein Fahrrad heraus.

Heute ist Bike Blenheim Day, zum ersten Mal hat der Herzog die längst zum Unesco-Kulturerbe zählenden Gärten für Radler aller Art freigegeben. Gleich beginnt die Weltmeisterschaft. Zwei Taiwaner fragen mich nach dem Weg zum Startfeld. Ich habe keine Ahnung. Yoon und Lee sind aus Taipei angereist, sie haben eine Geschäftsreise nach England mit der Teilnahme verbunden. In Taipei fahren beide Klapprad, das teure Brompton sei sehr beliebt, denn seit die Handys unsichtbar klein geworden seien, tauge es als gut sichtbares Statussymbol. In China komme man mit dem Plagiieren kaum nach.

Wir folgen der gut gekleideten Masse. Graue und schwarze Businessanzüge mit und ohne Nadelstreifen, Damen in Flanellhosen mit Blusen und Bindern, ein Gentleman im weißen Sommeranzug, Studenten in gestreiften Boating-Blazern, wie man sie in Oxford beim Stocherkahnrennen trägt, Teenager mit ungelenk gebundenen Krawatten – sie alle suchen ihre nummerierten Startpunkte. Eine betagte Dame mit riesigem Strohhut benutzt ihr zusammengefaltetes Klapprad als Rollator und stärkt sich mit einem Stoß Asthmaspray. In der Seniorenklasse gibt es auch einen Preis zu gewinnen.

Habe ich überhaupt eine Chance? Das letzte Rennen, an dem ich teilnahm, ist hundert Jahre her, es waren irgendwelche Bundesjugendspiele; und das letzte Zweirad, auf dem ich saß, wurde von zwei mächtigen Zylindern angetrieben und wog so viel wie ein Kleinwagen. Aber Geschwindigkeit ist nicht alles. Seit ich erfahren habe, dass auch der bestangezogene Fahrer einen Preis bekommt, rechne ich mir ernsthafte Chancen aus. Die Konkurrenz ist zwar gut gekleidet, aber gegen meinen weit geschnittenen Breitnadelstreifenanzug in Kombination mit psychedelischem Las-Vegas-Hemd, roter Siebziger-Jahre-Serviettenkrawatte, roter Sonnenbrille und schwarzen Hochglanz-Doc-Martens hat sie wohl kaum eine Chance. Allenfalls der Typ mit den zum Helm passenden schwarz-weißen Karostrümpfen könnte gefährlich werden.

Auch sonst habe ich mich für dieses Rennen gut vorbereitet, habe viel Wasser getrunken zum Whisky, viele Proteine sunny side up zum full English breakfast geordert und mich ansonsten an die Lebensmaxime des berühmtesten Bewohners von Blenheim Palace gehalten. Kein Geringerer als Winston Churchill wurde nämlich hier geboren, im Schloss sind die rotgoldenen Locken zu besichtigen, die man ihm als Fünfjährigem vom Haupt säbelte; und drei Meilen weiter, in Bladon, ist er begraben. Er erfand nicht nur ein eigenes Zigarrenformat, sondern auch die Devise »No sports«, liebte Champagner und die Malerei und wusste, dass nur der gewinnen kann, der auch an den Sieg glaubt.

Auf dem Startfeld neben mir steht Steve, ein Student aus Oxford. In seiner Kombi aus dunklem Jackett, weißem Hemd, Krawatte und kurzen Hosen sieht er ein bisschen aus wie Angus Young von AC/DC, der gern in Schuluniformen auftrat. Er will wissen, ob ich »der spanische Fahrer« sei. Ich verstehe nicht. Na, ob ich denn nicht das Gerücht gehört hätte: dass die Spanier, die schon zweimal den Klapprad-Cup geholt hätten, auch in diesem Jahr wieder siegen wollten. Deshalb hätten sie einen ehemaligen Radprofi eingeschleust, der auch schon im Team von Lance Armstrong gefahren sei. Wie er heißt, welche Nummer er hat – keiner weiß was.

Euphorie kippt um in Verzweiflung. David Nibbs, ein Neuseeländer vom Team Kiwi, rechnet sich sowieso keinerlei Chancen aus. »Wir haben insgesamt nur einmal trainiert«, sagt er und schaut mich mit kleinen, roten Äuglein an. »Gestern Abend im Pub. Und das viel zu lange.« Er wird recht behalten und später mit seinem Team den letzten Platz machen.

Ein Gentleman mit Megafon erklärt die Regeln. Wer sein Fahrrad vor dem Start nicht ordentlich zusammengeklappt hat, dem droht ein »walk of shame«. Nun sind alle Fahrer optimal präpariert. »Wo ist überhaupt das Ziel?«, fragt einer, der sich offensichtlich viel auf sein Kostüm aus Frack und Zylinder einbildet. In Wien trägt das jeder Kutscher. »In welche Richtung müssen wir denn fahren?«, will ein Mann mit rosa Melone wissen. »Immer den Schrauben und Speichen nach!«, antwortet das Megafon. »Der Spanier soll mal die Hand heben«, schreit einer. Zwanzig Hände heben sich in den Himmel. Aufstöhnen.

Das Startsignal! Wir wetzen zu den Rädern, ein vierhundertfaches Klicken und Knacken zeugt von den Mühen des Leistungsklappens, dann eiern wir los. Auf einem Brompton fährt man wie ein Affe auf dem Schleifstein, allerdings auf einem extrem schnittigen und wendigen Schleifstein. Auf meinem fahrenden Hochsitz rolle ich dem Ostflügel von Blenheim Palace entgegen, wir biegen rechts ab, Schussfahrt hinunter zum See mit der vom Barock-Architekten John Vanbrugh erbauten Grand Bridge. Dann treten wir uns hoch. In der Ferne ragt die vierzig Meter hohe Siegessäule in den Himmel, auf welcher sich der erste Duke verewigt hat, dem es offenbar nicht reichte, den größten nichtköniglichen Palast Britanniens zu besitzen. Die Taiwaner sind längst an mir vorbeigezogen, Oxford-Steve sowieso, das komplette Mittelfeld auch. Sakkoschöße flattern im Wind. Ich trete, ochse und triebele, schwitze und keuche, sehe rosa Kringel und zeitweise schwarz … und endlich das Ziel. Noch einmal gebe ich alles und erreiche mit letzter Kraft die Ziellinie.

Kein Jubel, kein Blitzlichtgewitter, nichts. Nur ein Mann mit gelber Flagge, der mich weiterwinkt und ruft: »Second lap!« Ich muss eine zweite Runde fahren, die doppelte Strecke! Der Parcours ist gar nicht 6,5 Kilometer lang, sondern 13! Eine solche Distanz ist ja schon im Auto anstrengend zu fahren.

Ich erinnere mich, dass Profifahrer immer versuchen, im Windschatten zu bleiben, um Kräfte zu sparen. Doch bin ich allein auf weitem Parcours. An der tödlichen Steigung nach Vanbrughs Brücke kommt mir plötzlich ein riesiger Brocken entgegen, eine Lawine. Es ist ein Mann wie ein Felsklotz, auf seinem Rücken steht »Team Kiwi«. Sein Kopf zeigt Rotglut, er strampelt vergeblich gegen die Schwerkraft an. Das Bier zieht nach unten, er fährt fast schon rückwärts. Im letzten Moment schere ich vorbei. Da entdecke ich vor mir eine Lady im rosa Rock. Sie hat einen fantastischen Vogelnesthut, ein fantastisches Dekolleté und merkwürdigerweise keinen Schlips. Ist er in den Tiefen ihres Ausschnitts versunken? Egal, ich hänge mich erfolgreich in ihren Windschatten. Aber nur so lange, bis die Lady keucht, ich solle sofort aufhören, so dämlich hinter ihr herzufahren. Sie hole sonst die Polizei.

Ich habe keine Kraft mehr, lasse mich zurückfallen. Jeder muss sein eigenes Tempo finden, heißt es im Profisport, und ich bin gerade dabei. Die sorgfältig komponierte Landschaft ist doch eigentlich viel zu schön, um im Düsenjägertempo hindurchzuzischen. Ich komme wieder zu Atem, rücke die Krawatte zurecht und bestaune vielhundertjährige Eichen, Zedern und Ulmen. Eiben lassen die roten Früchte blinken, hier ein Teich und da ein Aussichtspunkt. Wie sagte Churchills Vater noch, als er seiner frisch Angetrauten zum ersten Mal das Anwesen zeigte? »Das ist die schönste Ansicht Englands!« William Turner kam zum Malen hierher, und König George III. rief nach Inspektion des Landsitzes bewegt aus: »Wir kennen nichts Vergleichbares!«

Schafe rekeln sich in pastoraler Pracht unter einer buckligen Buche, Fasane kreuzen die Fahrbahn, auf einer Wiese hoppeln die Karnickel wie im Teletubby-Land. Hier ein Grünspecht in der Luft, dort ein Verletzter auf der Fahrbahn. Er schreit vor Schmerzen. Sanitäter strecken seinen Fuß, um den Wadenkrampf in den Griff zu kriegen. Das hat man nun davon. Da lobe ich mir Churchills Devise. Ich radle derart gemütlich und beglückt durch die Bukolik, dass es mir in freier Fahrt gelingt, meine Churchill-Siegerzigarre anzuzünden. Dafür spenden die Zuschauer am Straßenrand bei der Zieleinfahrt Sonderapplaus. Ich belege einen sehr soliden 332. Platz und kreuze immerhin noch eine Viertelstunde vor dem Eintreffen des letzten Fahrers auf, eines Vietnamesen.

In Rauchwolken gehüllt, wanke ich zur Siegerehrung, lege mir schon die Dankesworte für die Verleihung des Titels »best dressed competitor« zurecht – da kommt alles ganz anders. Die Zeremonie wird zur echten Überraschung, und zwar für alle. Steve, der schon vor Stunden im Ziel eingetroffen ist, erzählt mir, dass der spanische Profi tatsächlich mitgefahren sei – und das wohl in einer Spitzenzeit. Eine Dame erscheint auf der Bühne und kündigt einen Überraschungsgast an, einen hageren Herrn im grün karierten Jackett mit rotem Einstecktuch, Prinz-Charles-Scheitel und aristokratischem Schnauzer: Seine Gnaden, John George Vanderbilt Spencer-Churchill, der elfte Duke of Marlborough, spendet uns den Glanz seiner Gegenwart. Er wird die Preisverleihung vornehmen. Klappräder in Kartons, silberne und goldene Zahnräder am roten Band wechseln den Besitzer. Dem Gesicht des Herzogs ist deutlich anzusehen, was er von solcherlei Volksbelustigung hält.

Die Gruppenwertung gewinnt, wie auch in den Vorjahren, das spanische Team Cap Problema. Hinter mir trinkt die neuseeländische Mannschaft auf die Sieger. Irgendwo zetert die Lady in Rosa, weil sie nicht glauben will, dass man sie wegen ihrer fehlenden Krawatte disqualifiziert hat. Ein drahtiger Spanier erklimmt vorschnell die Bühne, um das ersehnte goldene Ritzel für den schnellsten Brompton-Ritt entgegenzunehmen. Doch der Fahrradmechaniker Alastair Kay aus Yorkshire war schneller: um ganze drei Sekunden! Der spanische Exprofi, im letzten Jahr bei der Tour of Spain wegen Dopings disqualifiziert, ist fassungslos. Und ich bin es auch, denn der bestangezogene Fahrer ist der Typ in Frack und Zylinder. Mit einem Champagnerglas in der Hand lässt er sich fotografieren.

Ein Sprecher dankt für die Teilnahme an diesem »wunderbar exzentrischen britischen Event« und wünscht allen Beteiligten »noch ein schönes Picknick«. Der elfte Duke macht sich schnurstracks vom Rasen, ich hechte hinterher und kann ihm gerade noch eine Frage stellen: ob er denn jemals auf einem Fahrrad durch seine herrlichen Ländereien gefahren sei. Seine Gnaden schauen mich erstaunt an. »Oh no«, sagt er und eilt zügig davon. »Never!« Kein Zweifel – ein echter Churchill.

Blenheim Palace, Woodstock, England,www.blenheimpalace.com. Die Klappradweltmeisterschaft findet seit 2006 jährlich im Herbst statt.www.brompton.co.uk/bwc

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 09.10.2008 Nr. 42
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