Warum sie?

Sie war nur eine unbekannte Tote. Blutverschmiert lag sie in dieser mehrstöckigen Kühltruhe. Wenige Zentimeter unter den unbeweglichen Körpern der anderen, die an diesem Tag ihr Leben verloren hatten, drei Männer und diese junge Frau. Allen hatte die Gewalt ihre Signatur eingeschrieben. Mal winzige Punkte, über das Gesicht und den Oberkörper verstreut, als ob Regentropfen durch die Haut geschlagen wären, mal tiefe Risse in der Brust und im Bauch, mal nur ein Hohlraum, als ob der Tod keine Kontur hätte. Sie hieß Iman Mohammed Hamdan, und warum es nun diese Tote war, die uns, den Fotografen Sebastian Bolesch und mich, nicht losließ, kann ich nicht sagen. Vielleicht weil wir insgeheim unterstellten, eine Frau könne nur unschuldig sein – als seien Männer prinzipiell verdächtiger, als sei ihr Tod gerechter.

Warum wir am nächsten Tag einfach vor der Tür ihres Vaters standen, noch bevor der sein Kind hatte beisetzen können? Ich weiß es nicht genau. Wir hatten eigentlich später zum Friedhof gehen wollen. Und erst danach mit den Angehörigen über den Tod Imans sprechen. Doch unser Übersetzer hatte sich durchgesetzt. Gegen die Bedenken, dass ein solcher Besuch bei der Familie zu früh sei, gegen die Überzeugung, dass jede Trauer ihre Zeit brauche, auch im Krieg, dass es respektlos sei, einfach so einzudringen in die Privatsphäre dieser Familie.

Und doch waren es letztlich genau diese zwei Stunden, die wir ungebührlich früh am Haus der Toten waren, durch die wir mehr über das Leben und Sterben in Gaza erfuhren als je zuvor:

In der Kühle des Morgens suchen die Männer ein wenig Wärme im Frühlicht vor dem Haus von Mohammed Ibrahim Hamdan. Sie sitzen an die Wand des Nachbarhauses gelehnt, auf kleinen Hockern und Stühlen, in lange Mäntel gehüllt, stumm. Was sollen sie ihm auch sagen, dem Lehrer des Viertels, der niemals sich politisch eingemischt hat. Und so sitzen sie einfach hier miteinander, einig im Trauern und doch vereinzelt, weil diesen Morgen nicht ihr, sondern Mohammed Hamdans Kind zu Grabe getragen wird.

Imans Vater sitzt da, in sich versunken, die rot-weiße Kefije um den Kopf geschlungen, in einem grauen Wollmantel, und er muss die Worte suchen, als würde erst mit dem Sprechen wahr, was alle anderen schon wissen: Gestern wurde bei einem israelischen Einsatz seine 25-jährige Tochter getötet, ihre Mutter schwer verwundet und sein jüngster Sohn verletzt.

Drinnen, hinter der grauen Mauer, die das Grundstück von Mohammed Hamdans Haus säumt, trauern die Frauen und Mädchen der Familie unter sich, sie sitzen schwerfällig auf Treppenstufen, stehen gegen die Wand gelehnt, weinend.