Harald Schmidt Bua, Bua!
Wie Harald Schmidt den "Hamlet" auf die Bühne bringt – ein Gespräch über das Regietheater, gute Zähne und die Wonnen der schwäbischen Heimat
DIE ZEIT: Herr Schmidt, Sie werden am Staatstheater Stuttgart Shakespeares Tragödie Hamlet als Musical zeigen. Premiere ist am 25. Oktober. Was erwartet uns?
Harald Schmidt: Es ist im Grunde eine Einführung in das Stück, reduziert auf sieben Schauspieler.
ZEIT: Wen spielen Sie?
Schmidt: Ich spiele den Geist des Vaters. Und Polonius, der dann ja auch stirbt.
ZEIT: Was bleibt vom Text?
Schmidt: Die Greatest Hits. Wir spielen die großen Refrains und Riffs an, so wie man Satisfaction anspielt und alle wissen: Ahhh, die Rolling Stones. So funktioniert Shakespeare auch in den ambitioniertesten Aufführungen. Hamlet, jetzt in Thomas Ostermeiers Inszenierung an der Berliner Schaubühne: Es fällt der Satz »Schwachheit, dein Name ist Weib«, und im Saal wird wissend genickt und tief geatmet. Zwischendurch wird mal auf die Uhr geguckt oder weggenickt, aber bei diesen Stellen sind alle da. Wir stellen noch mal die Figuren und den Plot vor: Wer träufelt da wem das Gift ins Ohr? Wir sind der musikalisch illustrierte Schauspielführer. Auch die Kostüme kommen direkt aus dem Schauspielführer der fünfziger Jahre: Schnabelschuh und Strumpfhose.
ZEIT: Sie überlassen die Regie dem Schauspieler Christian Brey und beraten ihn bloß. Wie hat man sich eine solche Zusammenarbeit vorzustellen?
Schmidt: Das läuft im Gespräch beim Essen, möglichst beiläufig: Was wolln wir, was wolln wir nicht? Auf gar keinen Fall wollen wir Regietheater. Das ist das absolute Schimpfwort in der Produktion. Übrigens generell bei den Schauspielern. Ebenfalls verboten: Psychologie. Komm mir nicht mit Psychologie. Wie meint Hamlet das? Antwort: Keine Fragen stellen, is Psychologie. Spiel es einfach!
ZEIT: Wie schafft man es, die verwickelte Handlung dieser Tragödie überschaubar zu machen?
Schmidt: Ich bin nicht mal sicher, ob Hamlet selbst durchschaut, was da alles geschieht. Ich hab mal meinen Kindern die Handlung vom Hamlet erzählt, damit die wissen, was ich da in Stuttgart treibe, und auch, um mir selber klarzumachen, was in dem Stück passiert. Die Kinder kriegen große Augen: Was, der eigene Onkel ist der Mörder? Wie, die eigene Mutter heiratet den Mörder? Die Brutalität vom Hamlet ist noch stärker, wenn man es in den Gesichtern der Kinder gespiegelt sieht.
ZEIT: Nietzsche sagt über den Hamletschen Charakter, Hamlet habe »erkannt«, und darum ekle es ihn zu handeln. Er habe durchschaut und könne nun das Lebensspiel nicht mehr mitmachen. Fühlen Sie sich da selbst beschrieben?
Schmidt: Eigentlich nicht.
ZEIT: Für Sie gilt also: durchschauen und trotzdem handeln?
Schmidt: Oder auch handeln, ohne zu durchschauen. Man sollte auch nicht zu viel handeln, finde ich. Man kann ja eh nichts bestimmen. Ich bin eher dafür, die Dinge laufen zu lassen. Das habe ich in China gesehen: wie die Leute an der Bushaltestelle stehen. So völlig unaufgeregt. Ich bin sofort bereit, jeden Chinesen für einen Laotse-Schüler zu halten, für einen Philosophen oder für einen Klosterleiter…
ZEIT: Auf jeden Fall für uns überlegen?
Schmidt: Ja, über Jahrtausende hin. Das ist die chinesische Erfahrung: Da man Geschichte eh nicht beeinflussen lassen, lässt man sie einfach an sich vorbeiziehen.
ZEIT: Der Einzelne ist nicht viel wert, also duckt er sich. Das deckt sich mit einem Ihrer Lieblingstexte in der dramatischen Literatur, der Rede von Saint-Just aus Dantons Tod von Büchner.
Schmidt: Ein sensationeller Text: Bei Revolutionen, so lernt man da, müssen eben mal eine Million Menschen ins Gras beißen. Wir haben die gleichen Rechte wie ein Vulkan; wenn die Natur spuckt, gibt es Opfer, und warum sollten wir als Revolutionäre dieses Recht nicht auch haben. Wir sind dann der Blitzschlag. Ich habe diesen Text damals bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule Stuttgart vorgesprochen – allerdings nur deshalb, weil ich es zuvor im Fernsehen mit Christoph Bantzer vom Thalia Theater gesehen hatte.
ZEIT: Ihnen war von früh an klar, dass Sie selbst auf die Bühne mussten?
Schmidt: Woody Allen hat gesagt: Mozart wusste schon mit fünf Jahren, dass er Mozart ist. Und so war das bei mir auch. Ich wusste: Wenn ich warm werde, lacht der Saal. Los ging es im katholischen Gemeindehaus Nürtingen. Ich stand auf der Bühne an Fronleichnam und habe den Pfarrer angekündigt – mit seiner Stimme. Er war schon tot, als er auf der Bühne ankam. Ich war absolut hemmungslos, weil ich noch keine Bestätigung hatte. Damals habe ich quasi durchgespielt, daheim, in der Schule, jede Sekunde war Sperrfeuer. Und zwar mit der Schrotflinte: Irgendwas trifft man schon.
ZEIT: Mit Genugtuung?
Schmidt: Ehrlich gesagt, eher aus Zwang. Es wird gelacht, da setz ich noch einen drauf. Zwei Pointen gehen schief, das kann ja nicht sein, das muss ausradiert werden. Bei Klassenfahrten habe ich das Mikro beschlagnahmt, fünf Stunden lang.
ZEIT: Fünf Stunden?
Schmidt: Von Nürtingen bis Südtirol. Im Grunde habe ich in den 1300 Sendungen auf Sat.1 all das gemacht, was ich in Nürtingen schon auf dem Schulhof gemacht habe.
ZEIT: In gewisser Weise geben Sie alles preis. Würden Sie auch nackt auf die Bühne gehen?
Schmidt: So wie Ernst Stötzner in Macbeth? Ich glaube, es wäre für mich kein Problem. Das ist wie am Strand. Man weiß ja, wo man’s macht.
ZEIT: Und wenn die Eltern im Publikum wären?
Schmidt: Wäre mittlerweile auch kein Problem mehr, glaub ich. Die sind ja so mit reingewachsen. Und sie gehen auch nicht mehr überallhin.
ZEIT: Waren Ihre Eltern Theatergänger?
Schmidt: Meine Eltern waren nie im Theater. Das ist das Grauenhafteste: Theaterunterstützereltern, die zur Premiere Kuchen mitbringen. Bei mir ging das aber so: Ich saß mit 15 im Wohnzimmer und las aus der ZEIT den imaginären Artikel vor, in dem ich als Schauspieler des Jahres gefeiert werde.
ZEIT: Normalerweise hält man doch vor den Eltern geheim, was man sich im Innersten wünscht.
Schmidt: Ich nicht. Ich las also vor: Harald Schmidt ist das größte Genie der deutschen Bühnen… Mein Vater hat gelacht, und meine Mutter hat gesagt: Bua, Bua, hoffentlich erlebsch net mal eine große Enttäuschung. Aber mir war klar: Ich werde jetzt Schauspieler. Zu Hause war das dann kein Problem mehr. Meine Mutter hat allerdings den Nachbarn lange Zeit nicht gesagt, dass ich auf der Schauspielschule bin. Sie hat gesagt: Er ist auf der Musikhochschule. Orgel, das war okay. Aber Schauspieler – das war zu unseriös.
ZEIT: Heißt Schauspieler sein, sich auch immerzu selbst zu beobachten?
Schmidt: Ja, klar.
ZEIT: Man sieht sich selbst, von oben, als handelnde Person, mit reger Mimik?
Schmidt: Ich höre mich eher reden. Die Optik spielt nicht so eine große Rolle. Ich weiß, dass ich jetzt ungefiltert über Theater rede. Da überleg ich nicht: Sag ich’s jetzt, oder sag ich’s nicht? Wenn ich Interviews mit einer Boulevardzeitung habe, gibt es eben ’ne kleine Performance. Da behaupte ich dann, ich würde jetzt mit meinem Lebensgefährten zusammenwohnen oder so. Da geht’s ja drum: Die müssen mit Sprüchen nach Hause kommen, damit’s in Google läuft.
ZEIT: Vor drei Jahren hatten Sie ein Gespräch mit André Müller, dem Meisterinterviewer. Wie war das?
Schmidt: Nach dem Müller-Interview habe ich den ganzen nächsten Tag gekotzt, ich hatte Migräne, weil es mich so angestrengt hat. Da bin ich erstarrt in Respekt vor der Interview-Legende. Müller hatte den Tisch voll mit Material, Zitaten, Manuskripten. Das liegt vor ihm wie eine Landkarte. Und dann nimmt er so ein Blatt hoch und fragt: Wenn Kinder verhungern, is Ihnen doch egal, oder? Und ich: Nee, is mir nich egal. Er: Wieso, ich denk, Sie seien ein Zyniker. Dann sagt er über sich: Ich bin unglücklich; ich weine. Er wollte unbedingt, dass ich sage, ich hab keinen Spaß am Leben. Er will einen todunglücklichen Menschen präsentieren. Und ich bin drauf eingegangen. Für mich war der Level das legendäre Interview, das André Müller für die ZEIT mit dem damaligen Burgtheaterdirektor Claus Peymann führte und das ganz Wien in Aufruhr brachte. Da wollte ich hin. Im Nachhinein muss ich sagen: Pech gehabt, kleines Streberlein. Das war mein Streberehrgeiz, der mich da reingetrieben hat.
ZEIT: Wieso Streberehrgeiz? Haben Sie doch gar nicht mehr nötig. Sie standen schon mal auf der Cicero- Liste der wichtigsten Intellektuellen, auf Platz zwei. Nur Günter Grass war noch vor Ihnen.
Schmidt: Ich hatte gehofft, dass er zurücktritt von Platz eins nach der Enthüllung seiner SS-Vergangenheit. Wie ein disqualifizierter Tour-de-France-Sieger. Er hat es dann leider nicht gemacht. Und außerdem: Es war ja leider nur Cicero.
ZEIT: Nach Wien ans Burgtheater sind Sie dann aus freien Stücken nicht gegangen. Sie hätten mit Becketts Warten auf Godot dort gastieren können, jener Bochumer Inszenierung, in der Sie den Lucky gespielt haben. Das wollten Sie nicht, warum?
Schmidt: Matthias Hartmann, der Regisseur, der ja mittlerweile designierter Direktor der Burg ist, wollte vor ein paar Jahren unbedingt mit dem Godot an der Burg gastieren. Er sagte zu mir: »Wenn wir mit dir dort spielen, werden alle Leute kommen, die in Wien wichtig sind; dann kann ich in der Pause durchs Foyer gehen und die Visitenkarten einsammeln.« Das wollte ich nicht; ich wollte mich nicht vorführen lassen vor den Burgschauspielern.
ZEIT: Sie wirken in allen öffentlichen Zusammenhängen sehr kaltschnäuzig. Aber gewisse Dinge gehen Ihnen nahe.
Schmidt: Das war ein Standard von Billy Wilder: Emotionen immer mit dem Rücken zur Kamera. Es wird nie ein heulendes Gesicht gezeigt. Wenn es beispielsweise um Kinder geht, die in Not sind, klinke ich mich sofort aus, das geht mir zu nahe.
ZEIT: Wird man Komiker, weil man die Tragödie nicht aushält?
Schmidt: Es ist natürlich ein Klischee: Der Komiker ist der Tragöde, der nach innen weint. Aber es stimmt schon. In gewisser Weise zieht man die Vorhänge zu. In die Tragödie reingehen? Nein. Man spürt: Wenn man alles ein bisschen näher an sich ranließe, würde man durchdrehen. Dann könnte man sagen: André Müller, Sie können kommen, ich nehme die Tabletten gleich hier.
ZEIT: Sind Sie sentimental?
Schmidt: Sentimentalität ist erlaubt, aber sie sollte gefiltert sein. Wenn ich schon heule, wenn mir ein 2:1 gegen Uruquay aus dem Jahr 1912 einfällt…
ZEIT: …oder nur dann…
Schmidt: …ja, dann ist es ein Problem. Man wird ja meistens in Selbstmitleid ertränkt von anderen, und das ist unerträglich. Aber das Schwelgen in alten Zeiten ist okay. Ich merke zum Beispiel jetzt, obwohl ich schon 20 Jahre im Rheinland lebe, dass ich hier im Schwäbischen meine Wurzeln habe. Wenn hier einer Scheiße im Restaurant redet, sage ich: Toll, die Leute reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Über genau den gleichen Mann als Rheinländer würde ich in Köln sagen: Diese Proleten, das ist ja nicht auszuhalten. Ich hab mich auch völlig davon verabschiedet, zu sagen: Ich bin Kosmopolit. Das ist völliger Quatsch; ich bin ein dummer Touri, der auch kein Englisch kann, nur so ein Flughafen- und Hotelenglisch. Und seitdem ich das für mich kapiert habe, reise ich wunderbar unangestrengt.
ZEIT: Sie waren im Sommer bei den Olympischen Spielen in Peking und haben mit Waldi Hartmann für die ARD die Begleitberichterstattung gemacht. Wie war die Erfahrung?
Schmidt: Es war eine sehr familiäre und doch internationale Atmosphäre, und man ist den ganzen Tag umgeben von unglaublich tollen Körpern.
ZEIT: Sie kommen als Existenzialist mit Leuten zurecht, die ihren Körper gleichsam zur Kirche ausbauen?
Schmidt: Ich bewundere Leistungssportler. Ich hab vor ihnen einen Riesenrespekt. Wenn man erlebt hat, wie ein frischgebackener Olympiasieger in einen Saal kommt, was der ausstrahlt, das ist phänomenal. Jan Frodeno, Triathlet, tritt auf: Das ist eine unfassbare Energie, da platzt das Bühnenbild. Ob einer nun dopt oder nicht, ist mir letzten Endes egal. Denn: Er muss ja trotzdem die Leistung bringen. Mir ist auch aufgefallen, dass die alle ganz tolle Zähne haben. Zähne sind offenbar ein wichtiger Faktor für einen gesunden Organismus. Ich hab immer versucht, denen ins Gebiss zu gucken, während sie sprachen, ohne dass es allzu sehr auffiel.
ZEIT: Herr Schmidt, Sie sind mittlerweile Ensemblemitglied am Stuttgarter Staatstheater. Wie verteilen sich nun die Gewichte zwischen Theater und Fernsehen? Letztes Jahr sagten Sie an dieser Stelle, dass Sie das Fernsehen nur noch nebenher betreiben wollten und dass Sie im Theater ein spätes Glück gefunden hätten. Stimmt das noch?
Schmidt: Nein. Ich liebe das Theater nach wie vor, aber der Spaß am Fernsehen ist zurückgekommen. Ich würde sogar gern mehr als einmal pro Woche eine Sendung machen. Nächstes Jahr sind Bundestagswahlen, das wird ein ergiebiges Jahr.
ZEIT: Sie würden gern mehr Fernsehen machen?
Schmidt: Grundsätzlich ist die Bereitschaft da, ich weiß nur nicht, wo der Sendeplatz sein soll. Aber die Dinge sind in Bewegung. Ich habe festgestellt, dass allein in der Zeit, als wir Sommerpause hatten, etwa zehn Shows neu ins Programm genommen und gleich wieder gekippt wurden – toll. Nach einer Folge ziehen die mittlerweile den Stecker.
ZEIT: Letztes Jahr dachten wir schon, Sie leiteten den endgültigen Abschied vom Fernsehen ein.
Schmidt: Ach, diese Interviews haben eine geringe Halbwertszeit. Das war meine Stimmung damals, das war die Tagesform. Vielleicht sollte ich mehr Interviews geben. Vielleicht sollte ich hauptsächlich Interviews machen – das tägliche Interview, das das gestrige Interview relativiert.
Das Gespräch führte Peter Kümmel
- Datum 13.10.2008 - 14:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 09.10.2008 Nr. 42
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"Auf gar keinen Fall wollen wir Regietheater. Das ist das absolute Schimpfwort in der Produktion. Übrigens generell bei den Schauspielern. Ebenfalls verboten: Psychologie. Komm mir nicht mit Psychologie."
Wunderbar. Zwei Gründe, mal nach Stuttgart zu reisen und mal ins Theater zu gehen.
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