RomanSaschas Lieben

Gequassel im Hochhausviertel: Alina Bronskys Roman "Scherbenpark" erzählt aus dem Hartz-IV-Milieu, liefert aber nur Kulissen von 

Außergewöhnlich. Respektlos. Spitzentitel. So dröhnt der Klappentext dieses Romans. Als unverlangtes Manuskript kam er, und der Verlag gab’s sofort in den Druck. Alina Bronsky heißt die Autorin. Scherbenpark das Buch. Es erzählt von der 17-jährigen Sascha. Sie ist Russin, wohnt im Hochhausviertel – ach, lassen wir sie selbst reden:

»Besonders gut kann ich Mathe. Wenn ich mal eine Zwei kriege, kommt der Lehrer zu mir und entschuldigt sich.« So lernen wir sie kennen. Ihre Mutter ist tot, ermordet vom Stiefvater Vadim. Mit ihren zwei Geschwistern lebt sie im größten Betonklotz des Viertels und hat ein Ziel: Sie will Vadim töten. Genussvoll stellt sie sich den Mord vor. Vergiften, erschlagen, erschießen, weiß der Teufel. Bis sie den Journalisten Volker kennenlernt und dessen Sohn Felix. Als Retter im »silbrigen Audi« holt Volker sie aus dem Hochhausghetto. Dann beginnt eine diffuse Liebesgeschichte. Sie liebt mal Felix, mal Volker, knutscht mit beiden und anderen. Zu Hause warten das hysterische Pflegemütterchen und die Geschwister, die pausenlos weinen oder Tiere quälen.

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Alina Bronskys Heldin ist eine hyperzuverlässige Erzählerin. Sie teilt uns mit, welchen Film sie im Kino guckt, wo das Popcorn steht, ob’s im Haus einen Fön gibt und wie die Dunstabzugshaube funktioniert. Wenn sie die Bücher auf dem Nachttisch beschreibt, wartet man nur noch auf die ISBN-Nummer. Ihre Begegnungen mit anderen lesen sich so: »Sie hat kurzes schwarzes Haar, das verspielt gelockt ist, ziemlich rote Lippen und leicht zusammengekniffene Augen. Sie trägt ein eng anliegendes cremefarbenes Oberteil und eine dunkle Hose.« Man kann das Verdichtung nennen, muss man aber nicht. Außerdem gibt es sehr viel »sagte-er-sagte-sie«. Und sehr viel »ich«, im Schnitt 16 Mal pro Seite.

Was es nicht gibt, ist ein Erzählbogen. Die hineingeächzte Liebesgeschichte verendet genauso wie der Roman, den Sascha für ihre Mutter schreiben will. Wir begegnen Hochhäusern, Hartz IV, Alkohol, schreienden Kindern, erstem Sex, fiesen Russenbanden, stotternden Neonazis, Mord und Totschlag, aber das Ganze bleibt requisitenhaft. Formale Unebenheiten werden niedergequasselt. Gut, die Erzählerin ist pubertäre 17. Die Schriftstellerin indes nicht. Wir warten auf den Film.

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Leserkommentare
  1. ... vor allem aber, wenn ich mir die Zitate ansehe, fühle ich mich unwillkürlich an die "progressiven" Kinderbücher erinnert, die Anfang/Mitter der 70er Jahre bei Beltz & Gelberg erschienen: "Ich sehe die Elke und renne ihr nach. Die Elke hat Rosinen dabei. Wir essen sie auf. Wir gehen einen neuen Geheimweg. Hoffentlich begegnen wir der blöden Ingrid nicht. Die guckt immer nach gestopften Strumphosen. Und sie ist stolz, daß ihre Mutter die Wiehnachtsplätzchen beim Konditor kauft und nicht selbst bäckt. Die Elke findet auch, daß selbstgebackene Plätzchen viel besser schmecken." Und so weiter und so fort. Kindertagesläufe. "Erfahrungsliteratur". Eigentlich ganz nett. Nur daß sich das damals an Zehnjährige richtete. Und nicht an Erwachsene. Außerdem kam es aus einem Kinder- und Jugendbuchverlag. Und nicht von Kiepenheuer & Witsch. Obwohl, ist eigentlich auch ein Jugendbuchverlag. Oder? Nur daß die Jugendbücher heute von Erwachsenen gelesen werden. Bzw. Leuten, die sich dafür halten. Ganz schön blöd, das. Irgendwie. Fast so blöd wie die blöde Ingrid. Sagt die Elke.

  2. Zeitgeistiges Geplapper ist heute zum großen Teil adoleszentes Geplapper -und umgekehrt.

    Mich wundert nur, daß sich der Verlag Kiepenheuer & Witsch auf eine solche Ebene herabläßt, die eigentlich höchstens etwas für sog. "Literaturplattformen" im Internet ist.

  3. Oh Mann, ist das eine peinliche Rezension! Ist da jemand ein bisschen neidisch, weile eine junge Frau ein tolles Buch geschrieben hat und das einfach aus dem Stand? und fast jeder andere davon begeistert ist? Was soll diese Wortezaehlerei und die Behauptung falscher Tatsachen? Aber haha, wie lustig formuliert. Die Autorin wird es verschmerzen, da sie von allen anderen wichtigen Zeitungen begeisterte Kritiken bekommen hat. Und diese Kommentare - nix gelesen aber mitgepoebelt? Ich melde mich gleich wieder ab, Leute.

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  • Schlagworte Audi | Film | Hartz IV | Alkohol | Buch | Geschwister
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