Die Klassik-Platte Kühl bis ans Herz
Pierre Boulez nähert sich seinem Hausgott Bartók ein weiteres Mal weihrauchfrei und analytisch
Es ist genau ein halbes Jahrhundert her, dass Pierre Boulez seinem Kollegen Béla Bartók einen nicht unkritischen Lexikonartikel widmete. Zwar wusste auch er von »jenen Glücksfällen«, in denen Bartók »unvergleichlich« sei. Doch insgesamt neigte Boulez auch bei seinen Hausgöttern – Berg, Webern, Schönberg, Strawinsky und eben Bartók – nie dazu, das Weihrauchfass zu schwenken.
An Bartók vermisste er 1958 den »inneren Zusammenhang der Sprache, was allerdings durch die Fruchtbarkeit der gestaltenden Fantasie in kurzlebigen Einfällen bemäntelt wird«. Literarische Heldenverehrung liest sich anders. Auch die Verwendung der Folklore im Werk des Ungarn war und ist Boulez suspekt. Und überhaupt: Von den Orchesterwerken werde voraussichtlich nur die Musik für Saiteninstrumente Bartóks Namen »lebendig erhalten«.
Einem weniger geistreichen Künstler würde man solche Sätze als pure Arroganz um die Ohren hauen. Boulez kann sie sich leisten, seine Verehrung äußert sich gerade im wachen, hochdifferenzierten Blick. Der hat ihn nicht daran gehindert, seinen frühen Bartók-Aufnahmen nach 1992 eine zweite, exemplarische Einspielung der großen Orchesterwerke folgen zu lassen – mit dem Chicago und London Symphony, dem London Philharmonic und den Berliner Philharmonikern. Den Abschluss bilden jetzt das postume, von Bartóks Freund Tibor Serly vollendete Violakonzert, das erste Violinkonzert und das Konzert für zwei Klaviere, Schlagzeug und Orchester.
Es ist kein Fehler, am Pult einen kühlen Kopf zu bewahren – Boulez beweist es. So sachlich, analytisch er sich den Partituren auch nähern mag, Bartóks Musik oszilliert auf dieser sechsten und letzten CD wieder in einer faszinierenden Abmischung von Klangfarben, rhythmischer Präzision, geschärfter Harmonik und – Boulez würde es nicht so gerne hören – subtilem Gefühl.
Auch er kann nicht verhindern, dass die spätere, amerikanische Konzertfassung der Sonate für zwei Klaviere nicht an die perkussive, archaische Urgewalt des von ihm so hoch geschätzten Originals heranreicht, sondern ein wenig domestiziert, ja romantisierend wirkt. Tamara Stefanovich und Pierre-Laurent Aimard spielen gleichwohl hinreißend. Und vor allem die Kopfsätze der beiden übrigen Konzerte werden von Gidon Kremer und Yuri Bashmet in gleißend intensives, zugleich wunderbar mildes Licht gerückt. Pierre Boulez am Ende einer großen Reise zu Béla Bartók.
Bartók: Concertos DG 477 7440
- Datum 28.10.2008 - 13:48 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 09.10.2008 Nr. 42
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