Ist das der Fluch des tauben Komponisten, der dein Gehör trübt? Du sitzt vor den Lautsprechern, lauschst einem Weltklassepianisten, doch die Dreiklänge verschwimmen, die Harmonien verhallen, die Musik steht im Nebel. Spielt das Gehör verrückt? Ist das der Preis, dass du eine Woche lang nichts als Beethoven gehört hast – immer wieder diese 32 Klaviersonaten? Gibt es eine gerechtere Strafe für diesen absurden Selbstversuch als die Umwölkung der Sinne?

Alles halb so wild, keiner taub oder verrückt. Der Pianist ist schuld, doch handelt er korrekt und in fremder Mission. András Schiff hat sich der Pflicht unterworfen, den ersten Satz der Mondschein-Sonate so zu spielen, wie er in den Noten steht. »Senza sordino« heißt es da, ohne Dämpfung, das Pedal dauerhaft getreten, Hall per Bleifuß – so hört man das nie. Es klingt kurios. Hat Beethoven das gewollt? Er kann nicht antworten. Sein aktuelles Sprachrohr ist diesmal ein eigenwilliger Ungar, der mit dem Komponisten seit Langem per Du ist, feinsinnig und fast intellektuell wirkt, doch von jetzt auf gleich explodieren kann. Der 54-jährige Schiff gilt längst als Großpianist, jetzt betritt er den Olymp: Er hat alle Beethoven-Sonaten aufgenommen. Willkommen im Club!

Wer diese 32 Sonaten bereits ganz oder in Teilen eingespielt hat, der hat sich abgearbeitet und bis zum Äußersten aufgeputscht. Manche sind nicht ganz durchgekommen, doch kaum einem, der es bis zum Ende geschafft hat, ist der Zyklus missraten – wer es so weit bringt, kann kein Kleingeist sein. Er hat vielleicht zu sehr den Titanen herausgekehrt oder das Sensibelchen, hat vielleicht das Poetische überhört oder das Jähe begradigt. Doch fast alle, die Beethoven spielen, sind zu ihm und seiner Musik auf Atemnähe vorgedrungen. Und wenn sie fertig sind, wollen sie meist wieder von vorn anfangen: So ein Zyklus verändert alle, den Hörer und den Pianisten. Beethovens klavieristische Bibel ist eine Angelegenheit für einen Sisyphus. Hat einer die späte c-Moll-Sonate op. 111 gespielt, weiß er, dass er, reifer und wissender geworden, gleich wieder von vorn anfangen kann.

Schiff hat seine Serie chronologisch angelegt und jetzt mit der achten und letzten CD beendet, darauf die berühmten drei letzten Sonaten. Das Protokoll weiß, was sich bei Beethoven gehört, und raunt dir zu: Spätwerk! Metaphysik! Geheimnisse! Thomas Mann lesen! Der Hörer fühlt sich wie ein Tor, für den der Pianist die Schlüssel zu einem Stockwerk hervorholt, in das man nur unter Vorbehalt eintreten darf. Für die Arietta in der c-Moll-Sonate op. 111 gehört sich ein Schweigegelübde. Schuhe sind auszuziehen, laute Atemzüge zu unterlassen. Dem gesanglichen langsamen Satz der As-Dur-Sonate op. 110 nachzuspüren ist nur Menschen mit meditativer Begabung erlaubt. Die E-Dur-Sonate op. 109 legt Schiff an als rhapsodisches, fast sphinxhaftes Märchen, als zarte Erkundung lyrischer Territorien, die nichts zu tun haben mit den virtuosen, kontrapunktischen Strecken der atemberaubenden Hammerklavier-Sonate op. 106. Dieses E-Dur-Werk ist eine Insel, die eine herrlich trügerische Sicherheit bietet.

Man kann, am Ende des Selbstversuchs mit allen 32 Stücken, aber auch zurückblicken auf den ganzen Zyklus und sich selbstkritisch fragen: Bist du, Hörer, dieser Mammutunternehmung überhaupt gewachsen? Bist du nicht eher der Gelegenheitstäter, der einmal im Quartal querbeet eine Scheibe auflegt? Oder einer dieser Verrückten, die nachts um 3.15 Uhr aus dem Schlaf erwachen, weil sie am Nachmittag der zweite Satz der Sturm-Sonate kirre gemacht hat und sie ihn jetzt abermals hören müssen? Schwingst du dich zum Analytiker auf, der zu dozieren weiß, wie diesen oder jenen Takt Wilhelm Kempff gespielt hat oder der frühe Friedrich Gulda, von Solomon Cutner und Maurizio Pollini ganz zu schweigen?

Egal, diesmal bist du nicht allein. Schiff hat die Aufgabe übernommen, dein Wächter und Begleiter, dein Führer und Lehrer zu sein, und er hat es sich wahrlich nicht leicht gemacht. Alle Sonaten hat er live eingespielt, an acht Abenden in der Tonhalle Zürich, vor lebendigem Publikum – und das macht das Hören fast unheimlich. Du hörst Schiff nicht nur zu, wie er was macht, du wirst auch ein bisschen von Nervosität ergriffen, weil du mit diesem Klavierspiel sympathisierst und Fehler fürchtest, Gedächtnislücken. Außer dir scheint indes keiner auf den Pianisten zu achten: niemals Huster, null Beifall. War überhaupt jemand im Saal? Jeder vor diesen Platten fühlt sich vermutlich ein bisschen wie in Kafkas Vor dem Gesetz, nämlich als einziger Hörer, was natürlich Unsinn ist. Diese CDs sind jedenfalls Dokumente einer Authentizität, wie sie sich nur Künstler leisten können, die sich ihrer Sache vollkommen bewusst sind und sie gleichsam von oben überschauen.

Das Gesetz gilt aber auch für seinen Diener András Schiff, der aus dieser Bewusstheit erst einmal das Legendengerümpel forträumt. Für ihn ist die Mondschein-Sonate (deren Titel nicht vom Komponisten stammt) nichts als die Klaviersonate cis-Moll op. 27/2, vor allem ist sie kein Lieblingsstück für galante Astronomen. Ihr berühmter Kopfsatz entsteht als absolute Musik, für die sich Beethoven eine fast abstrakte Idee imaginierte – den kopfkalt sich entfaltenden, für sein eigenes Echo tauben Klang. Schiff begreift das genial: Er lässt alle Konvention fahren und spielt das Stück gewiss delikat, aber auch streng und zügig, es steht irgendwo zwischen Bach und Ligeti, und der leise assistierende Hall ist ein ungeheurer Effekt. Schiff fühle sich hier, sagt er, an die gespenstischen Triolen aus Mozarts Don Giovanni erinnert, kurz nach dem Mord am Komtur. Seltsam, dass das einem nie aufgefallen ist.