Was ist schwieriger als das Einfache? Einmal abgesehen davon, dass es im polystilistischen Getöse der Postmoderne leicht mit Einfalt verwechselt wird und Wahrheiten immer schwerer von Banalitäten zu unterscheiden sind, gerät rasch in den Verdacht der Koketterie, wer auf das Einfache aus ist, auf die Essenz, auf die Vermeidung von Prachtentfaltung und Virtuosität. Was ist peinlicher als Bescheidenheit mit Ausrufezeichen?

Julia Hülsmann ist keine Virtuosin. Lieber als sich selbst inszeniert sie andere. Anderseits liegt ihr nichts ferner als Koketterie. Die vierzigjährige Pianistin wuchs in Bonn auf, ließ sich an der Hochschule der Künste Berlin ausbilden – zu ihren Lehrern gehörten Walter Norris, Aki Takase und David Friedman. Noch während des Studiums wurde sie Mitglied von Peter Herbolzheimers Bundesjugendjazzorchester. Abschluss 1996, Thema ihrer Diplomarbeit: »Müssen wir anders sein? Zum Selbstverständnis von Jazzpianistinnen« (der Schluss, in Kürzestform: nein). 2000 folgte ein längerer Aufenthalt in New York, mit Unterricht bei (unter anderen) Richie Beirach und Maria Schneider. Dann machten sie drei Produktionen mit Vokalisten/Sängerinnen – Rebekka Bakken, Anna Lauvergnac, Roger Cicero – ziemlich bekannt. Von ihrem Trio aber, ihrer regelmäßigen working group seit 1997, gab es bis eben gerade mal eine einzige CD bei einem Kleinstlabel.

Für die Vokalprojekte, allesamt bei ACT erschienen, schrieb oder arrangierte sie allein ihre Musik. Jenes mit Bakken, Scattering Poems, beruhte auf vertonten Texten von E. E. Cummings, die CD mit Lauvergnac, Come Closer, war eine Hommage an Randy Newman, und die mit Roger Cicero, Good Morning Midnight, interpretierte in einem kühnen Zeit- und Kultursprung Gedichte von Emily Dickinson, der großen amerikanischen Lyrikerin des 19. Jahrhunderts. Sie waren allesamt erfolgreich, machten Hülsmann aber nicht berühmt – im Schatten ihrer selbst gewählten Protagonisten wurde sie wenig wahrgenommen. Das wird sich, steht zu vermuten, schnell ändern mit der CD, die ECM in den nächsten Tagen von ihrem Trio vorlegt. In der kontinuierlichen Arbeit mit dem Bassisten Marc Muellbauer und dem Drummer Heinrich Köbberling hat Hülsmann einen so bemerkenswerten Integrationsgrad erreicht, eine Dichte des sogenannten Interplay, dass sie auch Manfred Eicher von ECM überzeugte, sonst nicht eben eine Adresse für deutschen Jazz.

Als Pianistin ist Hülsmann mit den eindringlichen Linien ihrer rechten Hand gewissermaßen selbst ihre Sängerin. »In meiner Musik dreht sich alles um die Melodie«, sagt sie. Im Hinblick auf House und Techno und die Dominanz des Rhythmischen in der Populärmusik der letzten Jahrzehnte überhaupt könnten wir sagen: Die Suche nach der verlorenen Melodie ist ihr heimliches Generalthema. Das klingt, wie The End Of A Summer, der Titel ihrer neuen CD, nach Nostalgie, nach Abschied und Verlust und nach dem Versuch, diesen im Gedenken noch einmal aufzuheben. Nach Herr, es ist Zeit… und überhaupt nach Rilke und seiner orphischen Kunst. Hülsmann sucht mit kleinen Bewegungen, der Minimalisierung auf eine Ästhetik der kleinen Differenz, starke Emotionen und dichte Atmosphären. Nicht nur ihre fünfsätzige Suite Drei Farben weiss, ein Auftragswerk für das Grabenfest Wien 2004, erinnert an Robert Rymans Bilder.

Julia Hülsmann ist als Pianistin und Komponistin eine Lyrikerin. Sie sucht die knappe Form mit langem Nachhall, nicht die große erzählerische Geste. Dabei scheut sie jede Art von Tiefenschwindel. Vor Popsongs schreckt sie keineswegs zurück, auf ihrer jüngsten CD interpretiert sie neben sechs eigenen Stücken und drei Titeln ihrer Partner auch einen solchen, Seals Kiss From A Rose. Er klingt wie von ihr erfunden – und ihre Originale klingen wie Standards. Wie sie mit Seals Hit umgeht, ist bezeichnend für ihre Kunst überhaupt. »Ich hörte das Stück im Radio, und es gefiel mir. Das Originalarrangement ist ziemlich bombastisch. Wir machten es kleiner, intimer, ohne viel zu ändern – wir sorgten nur dafür, dass es besser atmen konnte.« Sie trieb dem Song das Pathos aus.

Atem, Raum, Sparsamkeit sind überhaupt Stichworte für ihre Musik. Durchsichtigkeit der Interaktionen im Kollektiv. Zurücknahme, das auch. Das längste Stück, Not The End Of The World, ein Versuch über eine absteigende Skala aus ihren New Yorker Jahren, dauert keine sieben Minuten, und Hülsmann, immer ebenso Komponistin wie Improvisatorin, lässt die Musik der Melodie entlang wachsen, in Weiterungen, Umkehrungen, Wiederholungen ihrer scharfen kleinen Miniaturen. »Sprengsätze« wäre dafür ein zu martialisches Wort: Es sind eigentlich musikalische Haikus. Man könnte dieses Konzept »asketisch« nennen, wäre die Sprödheit nicht als gebremste Emphase erkennbar. Produzent Eicher erinnert gern an das Klavierspiel von Carla Bley (auch sie in erster Linie eine Komponistin). Andere führte Hülsmanns Sparsamkeit zum Vergleich mit Monk oder Ahmad Jamal.

Mir kommt eher Shirley Horn in den Sinn, vielleicht auch wegen einiger verwehter Anklänge des Titelstücks an eine berühmte Interpretation der großen verstorbenen Weltmeisterin in der Disziplin Langsamkeit. Allein, wie jeder Vergleich hinkt auch dieser. Hülsmann ist Hülsmann, undogmatisch und offen. »Man ist ja immer so ein Mischgebilde, und aus verschiedenen Musikrichtungen, auch Pop und Klassik, versuche ich etwas Neues zu machen«, sagt sie. Insgesamt arbeitet sie beharrlich an der Vermeidung von allem Ornamentalen und bewegt sich hin auf das Zentrum einer sehr eigenen Lakonik. Sie schafft bewohnbare, allerdings nie muffig gemütliche musikalische Räume. »Gefühle sind fürs Publikum« – den berühmten elitären Satz von Strawinsky wendet sie ins Positive.