Gesundheit Generation extra large

Das Land wird immer fetter. Vor allem Kinder und Jugendliche futtern sich in Österreich krank, warnen die Ärzte

Zwei Runden soll Benjamin um den Sportplatz Auwiese im Wiener Augarten laufen – nur zum Aufwärmen. Langsam trabt der Elfjährige los. Er macht kleine Schritte, die Hände sind zu Fäusten geballt, die er an seinen prallen Oberkörper presst. Einige Erholungspausen später hat er das Pensum geschafft. Er keucht, ist schweißüberströmt. Jeden Freitagnachmittag beim Sportunterricht die gleiche Tortur. Wie ein Feldwebel treibt da Turnlehrer Johann Praunseis den Dickwanst und seine 14 wohlgenährten Klassenkollegen um den Platz. Kaum einer bewältigt die 800 Meter, ohne heftig schnaufen zu müssen. Und die weiten T-Shirts über den Speckbäuchen der Jungs sind klitschnass.

»Die müssten Sie erst einmal im Schwimmbad sehen«, sagt der 56-Jährige und schüttelt den Kopf. »Da sehen sie aus wie die Micheline-Männchen.« Seit 25 Jahren unterrichtet er Leibesübungen. Den Kampf gegen Playstation, Schnitzelsemmeln und Cola dürfte er verloren haben. Jedes Jahr ein bisschen mehr. Seine Burschen werden immer dicker, von Ausdauer keine Spur, und beweglich sind nur noch ihre Finger an den Spielkonsolen. Der drahtige Lehrer sieht sich als Vaterfigur für die Kinder, die meist bei ihren alleinerziehenden Müttern leben. »Die lassen den Buben alles durchgehen«, sagt er verächtlich. Bei ihm dürfen sie beispielsweise nur Wasser trinken. »Gell, Philipp, dich habe ich letztes Mal erwischt, wie du ein Sprite im Rucksack vor mir verstecken wolltest«, tadelt er einen rundlichen Jungen. Philipp senkt den Blick und trottet schuldbewusst auf das Spielfeld.

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Er ist einer aus der Generation X-Large, die Ärzten weltweit Kopfzerbrechen bereitet. Millionen Kinder wachsen von Jahr zu Jahr mehr und mehr in die Breite. Die Folge: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber, Diabetes und vieles mehr. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer »globalen Epidemie«. Ihre Prognosen sehen düster aus. Wenn sie so weiterfuttert, wird diese Generation noch vor der ihrer Eltern sterben. In Europa ist jeder vierte Jugendliche zu dick, in Österreich jeder fünfte. Das ergab die aktuelle EU-Studie Helena, die in zehn europäischen Städten, darunter auch Wien, den Lebensstil von Jugendlichen untersucht hat. Das Wiener Ergebnis ist besorgniserregend: 28,5 Prozent der Burschen und 16,4 Prozent der Mädchen sind übergewichtig. Jetzt schlagen auch Österreichs Ärzte Alarm. Früher vermutete man die Kinder mit Doppelkinn und Wampe vor allem jenseits des Atlantiks, dort, wo die kleinen Klöße wie Zirkusattraktionen durch Talkshows robben, weil sich ihre Knochen unter ihrer Körpermasse dermaßen verformt haben, dass sie nicht mehr richtig gehen können. Solche kleinen, fetten Wracks sind aber nicht mehr nur Freaks made in USA. Längst haben sich ihre österreichischen Altersgenossen mit Chips, Zimtschnecken und Muffins an sie herangemampft.

Den Speckrollen ist mit ein bisschen Sport nicht mehr beizukommen

»Sie brauchen nur auf die Straße zu gehen, um zu sehen, wie viele Übergewichtige herumlaufen«, meint Kurt Widhalm, Österreich-Beauftragter der Helena- Studie. Der Ernährungsmediziner leitet die Adipositas-Ambulanz für Kinder und Jugendliche am Wiener AKH. Jedes Jahr werden dort 1000 Patienten behandelt, die Nachfrage steigt stark an. In den vergangenen beiden Jahren suchten 200 Kinder, die jeweils über 100 Kilogramm wogen, die Dickenambulanz auf; 45 davon waren unter zehn Jahre alt.

Mit ein bisschen Obst und ein wenig körperlicher Bewegung wird sich das Problem nicht mehr lösen lassen. Zumeist sind die Ursachen für die alarmierende Zunahme von Übergewicht und Fettsucht Teil des modernen Alltags: Bewegungsmangel, hastig während des Fernsehens verschlungene Abendessen, Snacks vor dem Computer und die allgegenwärtigen Verführungen der Lebensmittelindustrie. Häufig fehlt den Eltern auch Problembewusstsein. »Dicke Kinder gelten als gesund«, sagt die Ernährungswissenschafterin Ingrid Kiefer. »Die Eltern denken: ›Das Kind muss Reserven haben, wenn es einmal krank ist.‹« Dass sich der Babyspeck einmal wieder auswachsen könnte, bleibt zumeist Wunschdenken.

»Sie war ein dünnes Kind, deswegen war ich etwas großzügig bei dem, was sie isst«, erzählt Cornelias Mutter. Später wurde Cornelia aber immer dicker, bis das zwölfjährige Mädchen bei einer Größe von 1,50 Meter fast 60 Kilogramm wog. »Sie war eben immer eine Genussesserin«, meint die schlanke Mutter. Seit Mai pilgert nun Cornelia jeden Donnerstag zu den Weight Watchers , um zu lernen, wie man abnimmt. In dem Haus am Karl-Lueger-Ring ist sie unter ihresgleichen. Da ist Florian, der sich seiner Schwimmreifen schämt, oder Julia, die ihr Kinn die ganze Zeit in die Höhe streckt, damit der Fettwulst darunter nicht so stark auffällt. Die Therapeutin erklärt den Wonneproppen, warum sie besser die Stiege statt der Rolltreppe nehmen sollten und dass Schinken weniger dick mache als fette Salami. Jedesmal, wenn vom Essen die Rede ist, leckt sich Florian die Lippen. Über einen Satz scheint er sich besonders zu freuen: »Alles ist erlaubt – aber in Maßen.«

Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrter Herr Khorsand,
    Kinder als "kleine fette Wracks" oder als "Klöße" zu bezeichnen, ist auf jeden Fall nicht das, was ich in einem Artikel der Zeit erwarten würde. Sie schreiben hier über Menschen - einen derartigen Stil würde ich vielleicht in der Bild oder ähnlichen Blättern erwarten, aber ganz bestimmt nicht hier. Etwas mehr Respekt für die Menschenwürde wäre doch wirklich angebracht - und eine Suche nach den Ursachen für das Phänomen wäre doch sicherlich interessanter und hilfreicher. Die Kinder als stumpfe fressende Monster darzustellen hilft doch nun wirklich niemandem weiter.
    Beste Grüße. Und mehr Erfolg für Ihre nächsten Werke. Dieser Artikel ist schlicht und einfach erbärmlich.

  2. Es schreit einen förmlich an: IM UNBEWUSSTEN liegen die Kräfte die die Betroffenen wie Marionetten treiben und wir spielen mit dem beschränkten bewussten Verstand Krieg dagegen! Man braucht sich nicht zu wundern, wenn da alles wirkungslos aneinander vorbei bzw. übereinander weg geht und nur immer mehr das Gegenteil des Erwünschten passiert. "Gesetz der das Gegenteil bewirkenden Anstrengung" nannte das der Coué-Schüler Prof. Charles Baudouin.
    Bei Coué kann man ganz einfach nachlesen, wodurch das Problem wächst und wie man es sofort lösen kann: "Da pochen wir nun stolz auf unseren freien Willen und glauben Handlungsfreiheit zu haben in allem, was wir tun, und sind in Wirklichkeit nur klägliche Marionetten in der Hand unserer Vorstellungskraft. Wir hören erst auf, Marionetten zu sein, wenn wir gelernt haben, unsere Vorstellungskraft zu meistern."
    In unseren Du-musst-Schulen lernen wir nur - verkehrt - uns mit unseren beschränkten bewussten Kräften zu erschöpfen; das kommt geradezu einem Zusammensammeln des Problems gleich. In der Ich-kann-Schule dagegen würde man lernen, sich von kleinauf an seine unbegrenzten unbewussten Kräfte zu wenden, man würde diese achten und schätzen und stolz auf sie sein und diese Kräfte würden uns dafür unsere Probleme lösen.
    Der Lebensschlüssel - das ist endlich offensichtlich - der dieses Problem lösen kann, ist nicht die Selbstquälerei und Selbstüberwindung mit Kräften, die man nicht im gerigsten beherrscht, sondern ein neuer geistiger Umgang mit den UNBEWUSSTEN Kräften. Coué hat vor 100 Jahren schon mit weltweitem Erfolg gezeigt, wie dieser Lebensschlüssel Autosuggestion funktioniert. Von seinem Vorbild kann man es auch heute ganz leicht lernen. Ich wünsche guten Erfolg.
    Franz Josef Neffe
    "Wenn ich mit deinen Talenten besser umgehe als Du, mögen sie mich und folgen mir lieber als Dir." fjn

    • Anonym
    • 02.02.2009 um 12:29 Uhr

    ich werde immer neidischer auf die Privilegien von ZEIT-Journalisten, die hier "Beleidigungen" und "Anzüglichkeiten" (das letztere betrifft Sie nicht) völlig unbeanstandet vom Stapel lassen dürfen.
    Mir, als Leser-Kommentator, hätte man so einen Text sofort gekürzt!

    Mal ernsthaft: Sie gehen sicher davon aus, dass Kinder ZEIT-ONLINE nicht lesen und hier lediglich "gelangweilte Lehrer" durch die Threads klicken? Wäre in diesem Falle auch besser, denn Kinder verinnerlichen solche Bezeichnungen leicht und erleiden einen bleibenden Knacks (nix von "am Riemen reißen" und abnehmen, wenn man sie derart beschimpft).

    Sechs, setzen Somaz Khorsand!

    Knüppel

    • mlarue
    • 03.02.2009 um 14:35 Uhr

    ... was erwartet ihr eigentlich, dass man es schönredet? Tut mir leid aber damit erreicht man gar nichts. Es ist ein gutes Mittel mal etwas agressiv Extreme anzusprechen, evtl sogar mal zu übertreiben. Wenn ich von einem "übergewichtigen Kid" spreche, sagt jeder der das hör "Ach ja". Wenn ich aber von einem "kleinen fetten Wrack" rede, horcht jeder auf. Außerdem, schaut euch mal um, wer da wirklich diese Probleme hat, soziale/wirtschaftliche Unterschicht evtl? Um solche Leute anzusprechen, ist eine eloquänte Wortwahl fehl am Platze, da muss man mit "BILD"mässigen Schlagzeilen auftrumpfen. Außerdem habe ich erst kürzlich mit paar Leuten über Beleidigungen diskutiert, wir sind der Meinung: die Wahrheit ist nicht beleidigend. Wenn jemand strunzdoof ist, und ich ihm das sage, dann ist es keine Beleidgigung, sondern lediglich Tatsachen. Und das gleiche gilt für diese übergewichtigen Kids, ich muss sie nicht erst in Watte packen.

  3. aber sie doch gleichzeitig kritisieren müssen.
    Der Artikel ist zwar wirklich nicht der allerbeste,doch wenn Herr Khorsand meint,dass die Lage so ist dann gilt z.B. :Dickwanst nicht als Beleidigung.
    Es ist höchstwahrscheinlich wirklich so dass die Kinder die er beschreibt dick sind,
    und so lange sie selbst für ihr Übergewicht verantwortlich sind darf man sie doch so nennen.

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