Piraterie Wir lagen vor Mogadischu

Die somalischen Piraten sind die Gewinner im Krieg gegen den Terror

Ein somalisches Piratenboot, das gerade vom gekaperten ukrainischen Frachter abgefahren ist. Das Schiff ist beladen mit Panzern und Munition

Ein somalisches Piratenboot, das gerade vom gekaperten ukrainischen Frachter abgefahren ist. Das Schiff ist beladen mit Panzern und Munition

Was sich derzeit vor der somalischen Küste abspielt, klingt wie eine Folge aus der Serie »Globalisierung – dumm gelaufen«: Russische und amerikanische Kriegsschiffe belauern einen ukrainischen Frachter, beladen mit Panzern und Munition, die vermutlich für den Südsudan bestimmt waren, sich nun aber in der Hand somalischer Piraten befinden, die wiederum für das Schiff samt Crew und Fracht ein Lösegeld in Millionenhöhe fordern.

Die gute Nachricht: Moskau und Washington können offenbar doch noch kooperieren, wenn sie denn wollen. Die schlechte Nachricht: Die Ursachen der somalischen Piraterie liegen nicht auf dem Wasser, sondern auf dem Festland. Sie ist eine Folge des »Krieges gegen den Terror«. Kollateralschaden heißt das im Jargon der Militärs, und im Fall Somalia ist die Kriminalität auf hoher See weder der einzige, noch der schlimmste. Mehr noch als Afghanistan ist Somalia der Beweis dafür, dass der war on terror gescheitert ist. Schlimmer noch – er hat eine humanitäre Katastrophe mitverursacht.

Piraterie boomt dort, wo der Staat Häfen, Hoheitsgewässer und Waffenhandel nicht mehr unter Kontrolle hat. In Somalia gibt es seit 1991, seit dem Sturz der sozialistischen Diktatur, kein staatliches Gewaltmonopol mehr – von einer Grundversorgung der Bevölkerung ganz zu schweigen. Seither taucht das Land allenfalls noch als Synonym für Black Hawk Down im Bewusstsein der internationalen Öffentlichkeit auf, als Schauplatz des Abschusses amerikanischer Militärhubschrauber 1993. Es war das erste medial-militärische Desaster der Supermacht USA nach Ende des Kalten Krieges. Finger weg von Somalia! So lautete damals die Lehre.

Die war gut zehn Jahre später hinfällig. Weil Washington Al-Qaida-Mitglieder in Mogadischu vermutete, rüstete es mehrere Clan-Milizen und die international anerkannte Übergangsregierung zum Kampf gegen Islamisten auf. Ergebnis: Die Islamisten, ihrerseits gespalten in Gemäßigte und Extremisten, übernahmen Mitte 2006 die Macht und stellten unter dem Beifall einer kriegszermürbten Bevölkerung Ansätze von Staatlichkeit wieder her. Sie entwaffneten Milizen, öffneten Schulen, schützten Häfen und Küsten. Die Zahl der Piratenüberfälle sank gegen null.

Dann marschierte im Namen des »Krieges gegen den Terror« die äthiopische Armee mit US-Rückendeckung in Somalia ein. Das vorläufige Fazit dieser Operation: Straßenkrieg und organisierte Kriminalität verwüsten das Land schlimmer denn je. Die Hauptstadt Mogadischu ist eine Ruinenlandschaft. Die Clans sind zunehmend fragmentiert, einheimische wie ausländische Dschihadisten attackieren Zivilisten und die äthiopischen Besatzer, die ihrerseits brutal gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. Drei Millionen Menschen sind auf Notrationen der UN angewiesen. Deren Hilfsschiffe aber sind längst begehrte Beute von Piraten, an deren Geschäften vermutlich auch die vom Westen unterstützte somalische Übergangsregierung verdient.

Hoffnungsloser Fall, die Welt ist schlecht, was soll’s?, könnte man jetzt mit leichtem Schwindelgefühl sagen. Somalia ist weit weg, dort stehen keine deutschen Soldaten. Dort kommen auch nie welche hin.

Falsch. Somalia liegt ziemlich nah. Fangen wir mit dem Naheliegendsten an: Drei Millionen Menschen einer Hungersnot zu überlassen ist keine Option. Daraus folgen Handlungszwänge, etwa die Zusicherung militärischer Eskorten für Hilfsschiffe. Bis auf Weiteres aber müssen UN-Vertreter bei nationalen Verteidigungsministern um Begleitschutz betteln, was ein Skandal ist.

Die beschlossene EU-Mission gegen Piraterie soll vom Jahresende an Abhilfe schaffen und nicht nur Hilfstransporte, sondern auch den Frachtverkehr schützen. Somalias Piraten bedrohen nicht irgendein Gewässer, sondern den Golf von Aden, eine der wichtigste Handelsrouten der Welt. Dass diese Mission zu klein sein wird, ist bereits absehbar. Warum also nicht per UN-Mandat eine multinationale Küstenwache für Somalia einrichten? Zu teuer? Nicht so teuer wie ein Öltanker, den Piraten im Golf von Aden in Brand schießen. Genau das haben sie vor Kurzem versucht.

Bleibt das eigentliche Problem: der »Krieg gegen den Terror«. Den können nur die beenden, die ihn ausgerufen haben, die USA. Aber die anderen Nato-Länder, die EU und ganz besonders Deutschland könnten einer neuen Regierung in Washington sehr viel deutlicher als bisher klarmachen, dass sie diesen Krieg weder in Afghanistan noch in Somalia länger mittragen.

Einem Frieden wären beide Länder damit noch keinen Schritt näher. Aber die Chancen würden steigen, eine humanitäre und politische Katastrophe wieder auf eine humanitäre und politische Dauerkrise zurückzustutzen. Das wäre in diesen Tagen schon viel.

 
Leser-Kommentare
    • colca
    • 10.10.2008 um 11:13 Uhr

    Werte Frau Böhm,
    Ihr Artikel unterscheidet sich wohltuend von der übergroßen Mehrheit außenpolitischer Beiträge, die sonst so in der ZEIT zu lesen sind.
    Schon dass Sie die pikante Geschichte der gescheiterten Panzerlieferung aus der Ukraine in den Südsudan erwähnen, verdient meine Hochachtung. Man liest ja in den Mainstreammedien eher wenig darüber, WER alles dafür sorgt, dass in den sudanesischen Bürgerkriegen die Waffen nicht knapp werden.
    Ansonsten bin positiv überrascht, endlich einmal ein kritisches Wort über die verheerenden Folgen des "War on Terror" in der ZEIT zu lesen - einem Blatt, welches ja üblicherweise seiner Leserschaft einen niebelungentreuen Transatlantizismus vorexerziert, der wenig Raum für substanzielle Kritik lässt.
    Also nochmals Danke und Respekt für Ihren Aufsatz - ein echter Lichtblick.
    Vielleicht sind ja Frauen nicht nur die besseren Autofahrer, sondern auch geeignetere Journalisten ;)?

  1. Es ist doch komisch, das man in den europäischen Medien (fast) nichts über Afrika hört. Außer zu Weihnachten vielleicht.
    Dabei sind die meisten Staaten dort weit entfernt von Frieden oder Stabilität und das ständig.
    Die Aktion der USA in Somalia erinnert mich irgendwie an den Iran in den 60/70ger Jahren des letzten Jahrhunderts. Schön, das sie lernfähig sind. ; )
    Warum müssen die sich eigentlich immer einmischen? Warum sagt Europa nicht endlich mal: "Jetzt ist genug!"
    Ach nein, dazu müsst man sich innerhalb Europas einigen und das scheint ja, zumindest in den wichtigen Fragen, nicht möglich.
    Zum Thema:
    Mit Geleitschutz für die UN-Lieferungen auf See wird es nicht getan sein. Wenn die Verteilung innerhalb des Landes nicht beaufsichtigt wird ist das für die Verschiedenen Kriegsparteien nur wieder die Ergänzung zu den Waffenlieferungen und das kriegsgebeutelte Volk schaut in die Röhre.
    Das die UN-Vertreter bei Nationen betteln gehen müssen ist eine Schande.
    Wenn wir schon eine Weltpolizei haben (USA) dann können wir doch wenigstens auch so etwas wie eine handlungsfähige Weltregierung zu stande bringen, oder?

    • joscic
    • 10.10.2008 um 12:26 Uhr

    Weil es keinen effektiven Kuestenschutz mehr vor Somalias Kueste gab wurden die Gewaesser von illegalen internationalen Fischern leergefischt. Das zwang die Fischer vor Ort, sich selbst zu schuetzen.

    "The piracy industry started about 10 to 15 years ago, Somali officials said, as a response to illegal fishing. Somalia’s central government imploded in 1991, casting the country into chaos. With no patrols along the shoreline, Somalia’s tuna-rich waters were soon plundered by commercial fishing fleets from around the world. Somali fishermen armed themselves and turned into vigilantes by confronting illegal fishing boats and demanding that they pay a tax."

    So wird die Entstehung der Piraterie in der New York Times online vom 30. September sehr anschaulich und einleuchtend erklaert.

    "Somali Pirates Tell Their Side: They Want Only Money"

    Johannes

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