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ir leben in rasend schnellen Zeiten, dauernd ändern sich die Spielregeln, unsere Wünsche kollidieren mit der Realität und mit gesellschaftlichen Normen, Gefühl und Verstand hinken hinterher beziehungsweise gehen verschiedene Wege. So ist es auch mit einer Lebensform, für die sich Menschen, besonders in den Großstädten, immer häufiger entscheiden: dem Alleinsein. Den Nouvelles solitudes hat die französische Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen ein sehr kluges Buch gewidmet, in der deutschen Übersetzung wurde daraus der Solotanz – Anleitung zum Alleinsein. Unterzeile: Glück und Unglück einer neuen Lebensform.

In ihrer Praxis in Paris, so berichtet Marie-France Hirigoyen, tauchen immer mehr Menschen auf, die an ihrer Unfähigkeit zu fühlen leiden; aber – und das ist neu: Unter ihnen wächst die Zahl derer, für die das Alleinsein nicht bloß Leid und Entbehrung bedeutet; sie leben allein, weil sie es wollen, sie ziehen ein freies, wenn auch nicht immer leichteres Leben vor. Die Gesellschaft hält sie entweder für egoistisch oder minderbemittelt ("keine[n] abgekriegt"), zum Dinner werden nur Paare eingeladen.

Aber dies sind nun mal die Tatsachen, die die Autorin analysiert: Jede zweite Ehe wird geschieden, die Trennungen nichtehelicher Gemeinschaften sind noch gar nicht gezählt; unsere Lebenserwartung steigt weiter, und es sinken damit die Chancen, den Traum von lebenslanger Liebe und Treue zu leben. Diese Erosion hat natürlich mit dem Umsturz des Geschlechterverhältnisses zu tun. Die Frauen haben davon am meisten profitiert. Ihr Jahrhundertgewinn, die Freiheit, von ihnen selbst erfochten, erweist sich aber auch als verlustreich: Sie sehnen sich nach Liebe und Geborgenheit und finden sich wieder in Beziehungen, in denen sie weiter Mädchen für alles sind, Haushalt, Kinder und so weiter. Für das private Glück stecken sie beruflich zurück: Sie fühlen sich reingelegt. Eine wachsende Zahl von Frauen lehnt es deshalb ab, den Alltag mit einem Mann zu teilen; ihre Identität, so sagen diese Frauen, könnten sie nur wiederfinden, wenn sie allein lebten. Und dies sind ihre Erfahrungen, berichtet die Autorin: Es gebe große Solidarität unter alleinstehenden Frauen, untereinander hätten sie oft tiefere und reichere Beziehungen als zu den Männern – was sie durchaus mit Bedauern feststellen.

In dieser Zeit des Umbruchs und der Gefühlsexperimente, schreibt die Psychoanalytikerin, sei die Verwirrung der Männer besonders groß. Freie Frauen konfrontieren sie mit ihrem Machtverlust, aber auch mit paradoxen Wünschen: Der Mann ihrer Träume soll ein Macho sein, aber sanft und mit weiblichen Tugenden. Während der verwirrte Mann nach der "weiblichen" Frau barmt, sexy und schutzbedürftig. Es scheint manchmal, schreibt die Autorin, als gehörten Männer und Frauen rivalisierenden Clans an, die sich scharf beobachten. Marie-France Hirigoyen zitiert aus einem "gemeinsamen Programm der Frauen", das eine Rechtsanwältin 1978 veröffentlicht hat. Darin stand ein kleiner Satz, der hasserfüllte Reaktionen auslöste: "Wenn es darum geht, die patriarchalische Familie abzuschaffen, könnte es notwendig sein, das eheliche Zusammenleben während mindestens einer Generation auszusetzen." Heute ist diese Empfehlung zum Teil Wirklichkeit geworden.

Wie die Liebesbeziehungen haben sich auch die Arbeitsverhältnisse verhärtet, es herrschen häufig Angst und eine gnadenlose Konkurrenz in Zeiten der Arbeitslosigkeit oder des viel zu frühen Ausscheidens aus dem Berufsleben.

Sehr genau hat Marie-France Hirigoyen beobachtet, was der überbordende Gebrauch der Neuen Medien mit uns macht, und kommt zu dem Schluss: "Paradoxerweise erzeugen die neuen Technologien, indem sie die Kommunikation erleichtern, Einsamkeit."

Was machen wir aus all den neuen Einsamkeiten? Aus einer Zeit, in der Menschen vor allem ihren Gebrauchswert beweisen müssen, auf dem Arbeitsmarkt wie auch auf dem explosionsartig gewachsenen elektronischen Beziehungsmarkt der Datingwebsites, dem die Psychoanalytikerin ein interessantes Kapitel widmet?

"Wir müssen", schreibt Marie-France Hirigoyen, "unsere noch allzu häufig negativen Vorurteile in Bezug auf die Einsamkeit überdenken. Das Alleinsein ist bei Weitem nicht immer ein Symptom für eine Charakterstörung, sondern kann im Gegenteil – immer häufiger übrigens – auf eine reiche Persönlichkeit hindeuten." Das Alleinsein zu wählen sei dann keine weltverachtende Flucht, sondern der Wunsch, in sich zu gehen, sich zu festigen, frei zu werden, man selbst zu sein und das Glück nicht allein von anderen abhängig zu machen. Einsamkeit als eine Etappe eines Reifeprozesses, an dessen glücklichem Ende man in dem anderen nicht den Rivalen sieht, sondern den Weggefährten.

Die Autorin, wunderbar belesen, zitiert Rainer Maria Rilkes Worte an einen jungen Dichter: "… lieben Sie Ihre Einsamkeit und tragen Sie den Schmerz, den sie Ihnen verursacht, mit schön klingender Klage… Was nottut, ist doch nur dieses: Einsamkeit, große innere Einsamkeit. In sich gehen und stundenlang niemandem begegnen – das muss man erreichen können."

Marie-France Hirigoyen: Solotanz – Anleitung zum Alleinsein

Verlag C. H. Beck, München 2008; 206 S., 12,95 €