DIE ZEIT: Herr Uhlmann, in dem Song »Voran voran« des neuen Albums Ihrer Band Tomte ist eine Zeile zu hören, die wir aus nicht ganz objektiven Gründen zitieren: »Willst du die Welt verändern / lies ein ganzes Jahr die ZEIT.«

Thees Uhlmann: Ich meine das genau so. Wie viele Leute lesen jede Woche die ZEIT und das ZEITmagazin? Vielleicht zwei Millionen? Man hält das für selbstverständlich, aber das ist doch klasse, Mensch!

DIE ZEIT: Finden wir ja auch. Trotzdem sind die Zeilen für einen Popsong ungewöhnlich.

Uhlmann: Ich hatte, bevor ich sie schrieb, im Fernsehen Cameron Diaz gesehen, die mir erklärte, dass ich mein Handyladegerät aus der Steckdose ziehen soll, weil das echt die Umwelt schützt. Gleichzeitig flog sie ihrem damaligen Freund Justin Timberlake mit einem Privatjet hinterher. Da bekomme ich Depressionen. Diese Pseudopolitisierung! Und dann dachte ich: Lest eine ordentliche Zeitung, lest ein gutes Magazin, das bildet! Bildung kann viel Quatsch verhindern. Die Leute wollen ja etwas Gutes tun: Sie sollen bei sich selbst anfangen.

DIE ZEIT: Bei Tomte spielen Texte eine große Rolle. Wäre das was für Sie: Romane zu schreiben wie Sven Regener, der Sänger von Element of Crime und Autor der »Herr Lehmann«-Trilogie?

Uhlmann: Regener ist ein Vorbild, ganz klar, seine abgeklärte Art, sein trockener Humor machen ihn zum Helmut Schmidt des deutschen Pop. Ich weiß nicht, ob ich genug Ideen hätte für einen Roman. Christian Kracht fällt ein, dass Lenin 1918 in der Schweiz bleibt und nicht in Russland die Revolution anzettelt, sondern in Zürich. Finde ich irre, würde ich nicht drauf kommen. Aber es müssen nicht immer nur die großen Dinge sein, die man gerne liest. Auch in kleinen Texten kann Wahrheit stecken. Als ich bei Ihnen gelesen habe, dass Kurt Beck immer noch ein Faxgerät im Auto hat, habe ich einiges über Kurt Beck verstanden. Er erinnert mich an meine Mutter, die mir gesagt hat: »Thees, ich hätte gerne E-Mail, aber ohne Internet.«

DIE ZEIT: Sie lieben Ihre Mutter trotzdem mehr als Kurt Beck?

Uhlmann: Ja, aber es ist gut, dass weder sie noch er das Land regiert. Meine Mutter ist für manchen Spruch gut. Als ich Teenager war und sie sich Sorgen machte, weil ihr Junge merkwürdige Musik hörte und aus seinem Heimatstädtchen in Niedersachsen nach Hamburg fuhr, um merkwürdige Konzerte zu besuchen, prophezeite sie: »Eines Tages finde ich dich in der Bahnhofstoilette mit ’nem Joint im Arm.«

DIE ZEIT: Sie hat sich eben Sorgen gemacht! Sind Sie ein politischer Mensch?

Uhlmann: Ja, ich unterhalte mich auch gerne über Politik, und dazu gehört, eigenes Unwissen zuzugeben. Ich warte immer noch darauf, dass ein Passant bei einer dieser Umfragen im Privatfernsehen mal sagt: »Sorry, mit dem Thema kenne ich mich nicht gut genug aus.« Stattdessen hörst du nur: »Die da oben machen doch eh, was sie wollen.«

DIE ZEIT: Macht es für Popmusiker Sinn, sich für eine Partei zu engagieren?

Uhlmann: Ich hätte eine Idee für den Bundestagswahlkampf der Grünen, damit sie deutlich über zehn Prozent kommen. Sie sollten Aufkleber für Autostoßstangen machen, wie in Amerika: »Vote Özdemir: Döner-Schwabe from outta hell«.