Ich träume von einer globalen Sprache des Verstehens und der Menschlichkeit. Ich denke dabei nicht an Esperanto, sondern an eine Sprache des Herzens. Der Weg, diese Sprache zu erlernen, ist Herzensbildung. Man muss Menschen lieben und ihnen Vertrauen entgegenbringen. Wenn ich einem Menschen begegne, sehe ich: Hat er warme Augen? Wie sehen seine Hände aus, wie ist die Körpersprache? Manchmal kenne ich jemanden erst zehn Minuten lang, und wir glauben, uns schon Jahre zu kennen. Egal, in welchem Land ich bin, ich spreche Leute an. Dann habe ich das Gefühl, ich bin dort eher zu Hause. Schranken kann man aufbauen, aber es muss sie nicht geben. In meinem Leben hat die Liebe viele Schranken überwunden.

Liebe muss man lernen. Ich habe sie in meinem Elternhaus, und ganz besonders von meiner Mutter, erfahren. Sie hat nach dem Krieg fünf Kinder großgezogen. Sie hat immer gesungen und war fröhlich. Ich habe nie gehört, dass sie auch nur in einem Satz schlecht über einen Menschen gesprochen hat. Das war mir als Kind nicht immer geheuer. Man wusste ja manchmal auch anderes zu sagen. Aber sie fand an jedem etwas Gutes. Ich wünsche mir, dass viele Menschen das erfahren dürfen. Liebe. Urvertrauen. Geborgenheit. Dass sie mal jemanden anfassen, Zeit haben für den anderen. Man kennt diesen anderen erst nicht, aber wenn man weggeht, kennt man ihn. Reiche dem anderen deine Hand, und du bekommst Wärme.

Eine Begegnung wie mit Erik zum Beispiel, einem Kind, das einen Schlaganfall hatte. Wir haben mit der Kinderschlaganfall-Hilfe eine Eltern-Kind-Betreuung in der Nähe von Bremen aufgebaut. Da war ein kleiner Junge, dem hatten sie die Schädeldecke geöffnet. Er trug deshalb einen Helm und saß im Rollstuhl. »Warum bist du hier?«, fragte ich ihn. – »Ich hatte einen Schlaganfall.« – »Und wie kam das?« – »Ich bin mit meiner Mutter ins Kino gegangen. Das war am 24. Februar 2008. Danach bin ich mit meinem Freund zum Fußballplatz gegangen. Auf einmal bin ich umgefallen und konnte nicht wieder aufstehen.« Dann fing er furchtbar an zu weinen. Ich sagte: »Erik, wenn ich dir morgen einen ganz lieben Brief schreibe und schicke dir ein Paket, kannst du dann aufhören zu weinen?« Da ging ein Lächeln über sein Gesicht. Das ist die größte Belohnung, die man erfahren kann.

Wie finden wir Menschen zueinander? Indem wir lernen, zu teilen. Wir können nicht andere in Armut versinken lassen und sagen: Verhungert doch! Ich hoffe, dass ich noch viele Menschen kennenlernen darf, egal, aus welchem Land und welcher Schicht. Man kann nur aus den Unterschieden lernen.
Dürfen wir den Traum haben, irgendwann einmal friedlich miteinander zu leben? Wir dürfen nicht nur. Wir müssen.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

Liz Mohn, 67, geboren in Westfalen, begann 1958 als Telefonistin beim Bertelsmann-Buchclub. Sie wurde die Lebensgefährtin des Konzernchefs Reinhard Mohn, den sie 1982 heiratete. Seit 2002 ist sie Vorsitzende der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft. Außerdem hat sie die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe gegründet, deren Präsidentin sie ist.

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