Es ist nicht mehr lange hin bis zum nächsten Klima-Marathon in Kopenhagen Ende 2009. Hinter den Kulissen feilen Politiker und Sachverständige an Verhandlungstaktiken, Propagandastrategien und Kompromisslinien. In der Zwischenzeit möchte ich Sie einladen, einen Schritt zurückzutreten und sich folgende Fragen zu stellen: Wie müsste eine faire Lösung des Klimaproblems aussehen? Wie sollten wir Pflichten und finanzielle Lasten der nötigen CO₂-Reduktionen verteilen, wenn es dabei gerecht zugehen soll und keiner übervorteilt werden darf?

Was bislang zur Gerechtigkeit unter Luftverschmutzern gesagt wurde, ist unbefriedigend. Wer etwa in der chaotischen Debatte um Grenzwerte für den europäischen Straßenverkehr nach Gerechtigkeit gesucht hat, verlor schnell den Überblick. Doch wozu der ganze Streit? Grenzwerte für Autos sind dem Klima gleichgültig. Wer mit dem sparsamsten Auto herumfährt wie ein Irrer, schadet dem Klima mehr als der Besitzer einer Luxuslimousine, die in der Garage bleibt. Nicht die Autos sind das Problem, die Autofahrer sind es. Aber nicht nur die – jedermann trägt zu dem Problem bei: der Bahnfahrer und der Fluggast genauso wie der, der seine Wohnung heizt. Die Bösen sind nicht die anderen, sondern wir alle, die Konsumenten. Ob wir unseren Tank leerfahren, ob wir Kiwis verzehren, die von Neuseeland angeflogen kommen, oder einander Tulpen aus Afrika schenken – es zählt jedes Gramm CO₂, das wegen unserer unzähligen kleinen Einzelentscheidungen in die Luft geblasen wird. Und jedes Gramm zählt gleich viel, denn ein Gramm CO₂ ist ein Gramm CO₂ ist ein Gramm CO₂.

Für Inder und Chinesen sollte dieselbe Regelung gelten wie für uns

Wer hier Gerechtigkeit schaffen will, steht vor einer ungeheuren Aufgabe. Er müsste nicht nur einen fairen Ausgleich zwischen viel fahrenden Smart-Besitzern, schnell fahrenden Golf-Besitzern und wenig fahrenden Porsche-Besitzern schaffen, sondern auch zwischen dem Tulpen liebenden Bahnpendler mit hoch geheizter Altbauwohnung und dem, der auf Mallorca überwintert und seiner Vorliebe für neuseeländische Kiwis frönt. Angesichts dieses Durcheinanders lässt sich kaum definitiv ermitteln, ob sich die vielen Verordnungen und Pläne aus dem neuesten Klimaprogramm der Bundesregierung dazu eignen, die Lasten der CO₂-Reduktionen gerecht zu verteilen. Kann schon sein, dass sie sich eignen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist geringer als die für sechs Richtige im Lotto.

Wenn wir gedanklich anders ansetzen, wird es schlagartig einfach: Jeder Mensch hat das Recht, genauso viel CO₂-Emissionen zu verursachen wie jeder andere. Das gilt für Chinesen und Inder so wie für uns. Und zwar ab sofort! Den ersten Teil dieses Grundsatzes (»jeder Mensch«) übernehme ich von Angela Merkel. Mit dem zweiten Teil (»ab sofort«) gehe ich weit über das hinaus, was Merkel gesagt hat. Ab sofort heißt: vom 1. Januar 2013 an, dem anvisierten ersten Geltungstag der Nachfolgeregelung von Kyoto. Dass ich damit keine Stürme der Begeisterung auslöse, weiß ich. Das Publikum staunte schon bei Merkels mutigem Plädoyer – obwohl sie die Sache nur langfristig anpacken will.

Zwar müssen wir die Bundeskanzlerin loben, weil sie sich als erster Regierungschef eines reichen Industrielandes darauf festgelegt hat, dass jedem Erdenbürger genau dieselben CO₂-Emissionen pro Jahr zustehen. Tadeln müssen wir sie aber, weil sie die weltweite CO₂-Gerechtigkeit erst für das Jahr 2050 anvisiert. Das ist ungefähr so, als ob ein Mann den Verfechterinnen des Frauenwahlrechts entgegnet hätte: »Zugegeben, das augenblickliche Wahlrecht ist ungerecht – ich schlage vor, wir ändern es später; sagen wir, in zweiundvierzig Jahren.«

In zweiundvierzig Jahren ist die Hälfte von uns tot. Wer also beim CO₂-Problem die faire Verteilung der Lasten und Pflichten auf das Jahr 2050 vertagt, stellt für die meisten der jetzt lebenden Menschen keine Gerechtigkeit her. Doch wenn wir die Lasten ab sofort fair verteilen wollen, so wird denjenigen am meisten aufgebürdet, die pro Kopf überdurchschnittlich viel emittieren. Das sind wir – die Bewohner des reichen Nordens. Am schärfsten würde es die Amerikaner treffen. Jedes Jahr emittieren sie pro Kopf 20.100 Kilogramm, das ist ungefähr doppelt so viel wie der deutsche Durchschnitt. Wir Deutschen emittieren aber immer noch ungefähr doppelt so viel wie der durchschnittliche Erdenbürger, auf dessen Konto 4400 Kilogramm CO₂ gehen. Das wiederum ist doppelt so viel CO₂, wie die Erde nach Ansicht der Fachleute in den nächsten Jahrzehnten verkraftet: 2000 bis 3000 Kilogramm pro Kopf und Jahr (beim jetzigen Stand der Weltbevölkerung).

Diese wenigen Zahlen erklären, warum die Kanzlerin vorsichtshalber davon abgesehen hat, vorzuschlagen, die Lasten der CO₂-Reduktionen ab sofort fair zu verteilen. Denn wenn wir unseren CO₂-Ausstoß von einem Jahr aufs nächste vierteln sollen, dann verpassen wir unserer Wirtschaft einen ungeheuren Schock, den nicht viele Unternehmen und Arbeitsplätze überleben würden. Heißt das, dass wir keine Klimagerechtigkeit gewähren können, ohne volkswirtschaftlich Selbstmord zu begehen? Gemach; ich gehöre nicht zu den ökologischen Antikapitalisten, denen ein Bankrott der kapitalistischen Volkswirtschaften am liebsten wäre. Nein, wenn es schon gerecht zugehen soll, dann unter möglichst geringen Wohlstandsverzichten und ohne Harakiri. Also können wir nicht verlangen, dass der ökologisch vertretbare Grenzwert von heute auf morgen erreicht wird. Noch sind wir weit davon entfernt, den CO₂-Anteil in der Atmosphäre abzusenken. Er steigt, und dieser Anstieg beschleunigt sich zurzeit. Dem Global Carbon Project zufolge stieg der CO₂-Anteil in der Atmosphäre 2006 um 1,8 ppm (Teile CO₂ je eine Million Teile Luft), im Jahr 2007 bereits um 2,2 ppm. Es wäre einstweilen viel gewonnen, wenn wir diesen Trend stoppen könnten, ohne Inder und Afrikaner zu übervorteilen.