Seit drei Jahrzehnten beschäftigt sich der Soziologe Ulrich Beck mit den Veränderungen moderner Gesellschaften. Früh dachte er über die Folgen der Globalisierung nach. Auf seinen Klassiker "Die Risiko- gesellschaft" (1986) folgte im vergangenen Jahr "Die Weltrisikogesellschaft". Nun beschreibt der 64-Jährige die Folgen des Klimawandels und der Globalisierung für unseren Begriff von Gleichheit

Immer mehr Kinder in Deutschland wachsen in Armut auf. Millionen von Menschen aus den Armutsregionen der Welt riskieren ihr Leben, um am vermuteten Reichtum westlicher Länder teilzuhaben. In Europa wie den USA, aber auch in China, Brasilien, Russland und Indien öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich. Derartigen Nachrichten liegt ein bestimmtes Weltbild der Ungleichheit unter den Menschen zugrunde, das im Übergang zur modernen Gesellschaft entstanden ist und das nun, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, im Zeitalter von Globalisierung und Klimawandel, in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Die vormoderne Gesellschaftsordnung stand und fiel mit der Annahme, dass die Menschen von Natur ungleichwertig seien und dass der Ursprung der sozialen Ungleichheit in Gottes Willen zu suchen sei. Mit der aufklärerisch-revolutionären Forderung der Gleichheit aller Menschen zerbrach dieses Weltbild. Wenn die Menschen von Natur nicht ungleich, sondern gleich sind, dann unterliegt die soziale Ungleichheit dem Wandel, dann können die Privilegierten von heute die Ausgestoßenen von morgen sein. Und politisch heißt dies: Alle Ungleichheiten sind prinzipiell veränderbar und rechtfertigungspflichtig.

Allerdings erfuhr und erfährt dieses Prinzip seit dem 18. Jahrhundert seine Anwendung in der Realität Europas und der USA immer nur innerhalb klarer Grenzen und mit charakteristischen Auslassungen. Alle Menschen sind gleich – aber diese Gleichheit gilt nicht für Schwarze, Juden und Frauen, und sie endet vor allem an den Grenzen des Nationalstaates. Entsprechend mögen die sozialen Ungleichheiten jenseits des nationalen Gartenzaunes blühen und gedeihen, das ist Anlass für moralische Empörung, bleibt aber politisch irrelevant. Schließlich existiert auch eine klare Grenze zwischen Gesellschaft und Natur, und damit zwischen sozialer und natürlicher Ungleichheit. Jene bedarf der politischen Rechtfertigung, diese nicht.

Alle diese Prämissen werden heute fragwürdig. Die Überlagerung, man könnte auch sagen: der Zusammenprall wachsender globaler Gleichheitserwartungen (Menschenrechte) und wachsender globaler und nationaler Ungleichheiten einerseits mit den radikal ungleichen Folgen des Klimawandels und Ressourcenverbrauchs andererseits kann schon bald dieses ganze Prämissengehäuse nationalstaatlich eingrenzbarer Ungleichheit hinwegfegen wie der Hurrikan Katrina die Armenhäuser von New Orleans.

Wir erleben erneut einen epochalen Wandel der Welt- und Gesellschaftsordnung, der jedoch gerade erst im öffentlichen Bewusstsein ankommt. Diesen Wandel möchte ich mit vier Thesen beschreiben.

1. Soziale Gleichheit wird zu einer weltweiten Erwartung
Zum Problem, zum Konfliktstoff werden soziale Ungleichheiten nicht, weil die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, sondern dann und nur dann, wenn anerkannte Gleichheitsnormen und Gleichheitserwartungen – Menschenrechte – sich ausbreiten. Wer die politische Wirksamkeit sozialer Ungleichheiten verstehen will, muss nach der Geschichte der sozialen Gleichheit fragen.