Er hat dieses System einmal bekämpft, jetzt kommt es zu ihm in Therapie. Ein paar Kilometer östlich der Bankentürme von Frankfurt am Main sitzt der Psychologe Werner Gross, 59, im Erdgeschoss eines Offenbacher Altbaus. In den siebziger Jahren hatte er "gute Kontakte in die Frankfurter Hausbesetzerszene". Heute melden Banker und Broker sich bei ihm für die Therapiestunde und seine Coachingseminare. Ein Drittel seiner Patienten arbeitet in der Finanzwelt, und wenn sie aus ihren Türmen hier runterkommen, wissen sie, dass sie in der Realität gelandet sind. Im Bahnhofsviertel von Offenbach ist der Glanz der Bankenwelt fern. Zwischen Discountern und Dönerläden bleibt kein Raum für Spekulationen.

Frankfurt im Herbst 2008 , das ist eine Stadt, in der eine diffuse Angst umgeht. Keine Panik, aber das flaue Gefühl, dass vieles nicht mehr so sein wird, wie es war. In allen Therapiestunden von Werner Gross geht es dieser Tage nur um die Frage: Was hat die Krise angerichtet, was werden die Folgen für mich sein? Hier im Herzen des deutschen Finanzmarkts treibt sie die Menschen noch mehr um als im Rest der Republik.

Die Reaktionen, die der Psychotherapeut jetzt zu hören bekommt, erinnern ihn ein wenig an die Zeit nach dem 11. September. Die Katastrophe heute hat zwar nicht dasselbe Ausmaß, es hat keine Toten gegeben. Aber die Verarbeitung der Ereignisse ist ähnlich. Die Leute wüssten, dass es ihnen bisher ganz gut ging. Jetzt haben sie Angst, dass sie rausmüssen aus der Komfortzone, ihrem persönlichen Paradies.

Werner Gross mag das System einmal bekämpft haben, aber als Alleinschuldige des Crashs sieht er die Banker nicht. "Sie sind selbst Opfer der Vorgaben des Systems", sagt er. Sie hätten ihren Kunden eben nicht nur festverzinsliche Wertpapiere verkaufen können, es mussten auch mal Aktienpakete sein. Gross kennt Banker, die zum 40. Geburtstag drei Millionen Euro auf dem Konto haben wollten: "Die hatten ganz konkrete Zahlen im Kopf." Jetzt ist die Illusion dahin, dass es immer weiter nach oben geht.

Der Psychotherapeut erzählt von der Angst im Herzen der Finanzwelt. Sie legt sich nicht nur auf Frankfurt. Wer sich dieser Tage auf eine Reise durch die Republik macht, kann spüren, wie sehr das Vertrauen in das Finanzsystem gebrochen ist. Volksbanken und Sparkassen erleben einen Sturm auf ihre Filialen, weil die Menschen ihr Geld dort sicher wähnen. Ein defekter Bankautomat in einer Kleinstadt nahe Kiel reicht, um einen ganzen Ort in Aufruhr zu versetzen. Gold- und Münzhändler sitzen vor leeren Vitrinen, weil so viele ihr Geld in Gold anlegen. Mittlerweile ist in Deutschland kaum mehr ein Krügerrand zu bekommen.

Wuppertal, Rathaus, Johannes-Rau-Platz 1

Johannes Slawig trägt stets Fliege zum Anzug, und wenn ihn einer für bieder hält, ist ihm das nur recht. Er verwaltet öffentliches Geld für 350000 Bürger, da soll keiner auf die Idee kommen, er sei nicht penibel. Slawig, 53, ist Kämmerer der Stadt Wuppertal. Seit zehn Jahren verwaltet er die Kassen, er war immer ordentlich. Nun könnte sein Ruf doch noch leiden – und Wuppertal viel Geld verlieren. Und Städten wie Köln, Bochum oder Leipzig ergeht es genauso.