Frankreich Der Schöne am Kiosk
Eine gelangweilte Hanseatin möchte dem Alltag entfliehen. Unsere Autorin schickt sie ins Hotel Val des Roses an der Côte d’Azur. Am Strand kauft sie sich einen Kaffee, der ihr Leben verändert
Es war Schicksal gewesen, am ersten Tag an den Strand zu gehen, vielleicht sogar ein Fehler, dachte sie und hob das Fernglas wieder, mit dem sie das Boot beobachtete, das wie reglos im Himmel schwamm. Aber vielleicht war es auch einfach nur der Beginn des Lebens, das mir zusteht, dachte sie, während sie darauf wartete, dass es Nachmittag würde.
Sie hatte das Hotel im Internet gefunden, ohne dass sie einen Ferienort gesucht hätte. Manchmal genügte es ihr, sich schöne Hotels anzusehen, um das, was sie umgab, verschwimmen zu lassen. Das Val des Roses sah nach einem sehr schönen Hotel aus. Weiß und unwirklich, mit wehenden Gardinen und all dem Quatsch, dass man meinte, sofort dort liegen zu müssen, auf altem Parkett in der Sonne.
Wie solche Hotels wohl hießen, bevor sie »Boutiquehotels« genannt wurden? Häuser für Gäste, die stereotype Fünfsternehotels hassten.
Und dann Boutiquehotels bevorzugten, die sich ebenso ähnelten, mit handgewebten Stoffen, zu viel Leinen und Waschbecken, die auf alten Holztischen befestigt waren.
Sie hatte sich vorgestellt, dass ein feines Hotel und ein gut riechender Ort ausreichen würden, um ihre Traurigkeit zu beenden, die keinen Anfang und kein Ende kannte. Und hatte plötzlich ein Zimmer gebucht, das ging heute schneller, als einem gut tun konnte.
Sie war atemlos gewesen, als das Flugzeug in Nizza gelandet war, das Licht rosa, die Luft roch nach Meer. Das Taxi fuhr am Jachthafen von Antibes entlang, zu der Halbinsel, auf der ihr Hotel lag, das noch angenehmer war als auf den Bildern. Die weiße Villa versank in Jasminduft, im Garten kletterten Blühhecken herum, ein kleiner Teich trug Seerosen, und der Pool war so azurblau wie das Meer, das zwanzig Meter entfernt silberne Wellen produzierte.
Ihr Zimmer war in einer Art vollkommen, dass sie sich darin fühlte wie ein Klumpen Vogelkot an der Windschutzscheibe eines frisch polierten Aston Martin. Dieses unglaublich schwule, französische Design. Stets waren da weiße Bettüberwürfe, große Kissen, Vorhänge aus Leinen und Korbwaren im Spiel. In so einem Raum hatte sie sich noch nie länger als eine Stunde aufgehalten, und sie erinnerte nicht, wann diese Stunde gewesen sein sollte.
Zwei Balkone gab es, auf denen sie sich abwechselnd übergeben konnte
Sie hatte sich gefragt, was sie mit all den Dingen machen sollte, mit den Ecken, Sesseln, Körben und Decken, die um Benutzung bettelten – zwei kleine Balkons gab es, auf denen sie sich abwechselnd übergeben konnte. Habe ich gerade übergeben gedacht?, hatte sie gedacht und aus dem Fenster gesehen, auf das Meer, das ihr winkte. Ja, dann komm ich doch, hatte sie gedacht und war aus dem Hotel durch einen Gang aus Jasminhecken an den Strand gegangen.
Das Meer hatte keine Bewegung nötig. Es war reich geboren. Die Geräusche, die normalerweise vom Leben erzeugt wurden, waren von Watte gedämpft, durch die ab und zu entferntes Lachen drang. Verunsichert hatte sie in ihrem billig wirkenden Kleid im Sand Platz genommen. Es war zu hell, und allein sein schien sich nicht zu gehören. Familien, Paare, Teenager, alle sahen gut aus vor dem Horizont, der flirrte wie in der Wüste, obwohl sie noch nie in der Wüste gewesen war.
Ihr war heiß gewesen, aber sie war so verspannt, dass es ausgeschlossen schien, vor all den Menschen ins Wasser zu gleiten, also war sie zum Kiosk gegangen. Sie wollte weder Kaffee noch Limonade, allein hatte sie keine Idee, wie sie sonst mit dem Genießen ihres Urlaubs hätte beginnen können. Als sie an der Reihe war, blickte sie auf und merkte, wie sie rot wurde, wie sich Flecken auf ihrem Hals ausbreiteten und sie das Stottern begann.
Hinter dem Tresen stand der schönste Mensch, den sie jemals gesehen hatte. Wohl Anfang 30, mit halblangem Haar, das ihm über Augen gefallen war, die blau waren und ein wenig schräg, das Gesicht schmal wie der ganze Mann. Er hatte gelächelt, als er ihr den Kaffee gereicht hatte, mit schlanken braunen Händen, an deren Fingern zwei Ringe steckten, und das war zu viel für sie gewesen. Sie war mit ihrem Kaffee zurückgestolpert, so schwitzend, dass ihr Make-up spürbar die Wangen hinablief, kaum mehr Atem findend. Sie hatte sicher zwei Stunden mit rasendem Herzschlag starr gesessen, der Kaffee war in den Sand getropft und sie unfähig gewesen, sich zu bewegen oder zu denken.
Schönheit macht den Menschen wahnsinnig, weil sie so selten ist in dieser Welt der Hässlichkeit, egal ob Landschaft oder Person, denn die Schönheit machte einem immer die eigene Unzulänglichkeit bewusst, machte einen sich noch minderwertiger fühlen als ohnehin schon. Man möchte die Schönheit essen, um sie nie mehr hergeben zu müssen.
Das war der erste Tag dieses Urlaubs gewesen, auf den sie gespart hatte und der an jenem Tag bereits geendet hatte, denn sie war nicht mehr in der Lage, an etwas anderes zu denken als an das Bild des jungen Mannes in ihrem Kopf. Dabei hatte sie daheim doch genau gesehen, wie alles würde: sich selbst, wie sie am Strand einen sehr großen Schwertfisch in den Händen hielt – keine Ahnung, woher dieses Bild kam, aber es sah reizend aus, die erloschenen Augen des Tieres passten hervorragend zur Farbe ihres Badeanzuges. Sich selbst, wie sie in einem einfachen, herzensguten Restaurant Schwertfisch aß, sich selbst, wie sie in Straßencafés an der Croisette Sonnenuntergänge mit einem großen Hallo begrüßte, kleine, tuffige Chanelkleider anprobierte und mit hochhackigen Pantoffeln die Strandpromenade auf und ab lief, an der Seite ein rosafarbenes Hündchen. Nun, bei diesem Bild war es wohl ein wenig mit ihr durchgegangen. Aber wie hätte sie auch eine rechte Relation finden sollen in Hamburg-Winterhude?
Sie wohnte in einer 37-Quadratmeter-Wohnung, Backsteingebäude, Blick auf den Hinterhof, 2 Zimmer ohne Balkon, 400 Euro, kalt. Mit Anfang dreißig war sie eingezogen, sie hatte damals einen Job gehabt, den sie unterdes vergessen hatte, und gedacht: Für den Übergang ist das doch hervorragend. Sie war derweil Ende vierzig und im Übergang hängen geblieben, in dieser Wohnung, weil sie nie reich geworden war, allein, weil sie sich nicht hatte festlegen wollen. Sie hatte immer gedacht, dass noch etwas käme, weil das richtige Leben irgendwann begänne. Nun schien es aufhören zu wollen, schneller, als sie es sich vorgestellt hatte.
Es war zu heiß zum Schlafen, die Schenkel zu dicht beieinander, die Sehnsucht zu stark, zu laut der Duft, der von draußen ins Zimmer drang. Alle paar Sekunden wurde das Zimmer hell vom Licht des Leuchtturms auf dem nahen Hügel. Jede Nacht fiel sie erst gegen Morgen in einen leichten Schlaf, aus dem sie angestrengt erwachte.
Das Leben konnte hell sein und nach Pinien duften, dachte sie
Müde ging sie zum Frühstück, es war zu hell und in ihr diese merkwürdige Befangenheit, die kleine Hotels auslösen können. Musste man alle Bewohner der sechs Zimmer mit Namen kennen, fragte sie sich und versuchte, an einen Tisch zu schleichen. Geschlichen wird nicht, der 27-jährige Hotelbesitzer sprang ihr entgegen und begann zu plaudern, erzählte davon, wie seine Familie, die aus Belgien stammte, das Haus vor sieben Jahren als Ruine gefunden und alles von Hand renoviert hatte. Er strahlte die Unbesorgtheit eines jungen Hundes aus, der keine Probleme kannte. Hatte sie gerade junger Hund gedacht?
Sie fühlte sich wie seine Großmutter. Und war froh, als das Telefon klingelte, sie zu Tisch konnte auf der gedeckten Terrasse. Zwei homosexuelle Paare lasen Zeitung, zwei Damen plauderten, ein britisches Paar lächelte ihr entgegen, und sie fühlte sich fehl am Ort, fehl in ihrem Leben. Aß etwas und ging zurück in ihr Zimmer.
Sie wartete.
Von da an jeden Tag.
Dass es Nachmittag würde, sie zum Strand könnte und sich in Sichtweite von ihm platzieren, mit einem Tuch um ihre Hüften, die im Licht so wenig jung aussahen.
Hätte sie sich in einem 3sat-Film befunden, wäre in dieser Wartezeit eine nachdenkliche Saxofonmelodie eingespielt worden. Sie hasste Saxofon. Der Lehrer unter den Instrumenten.
Sie sah sich den Himmel an, der mit dem Meer zusammenfloss, rosa, hellblau, golden, und jetzt schob sich ein Boot in den Horizont, nein, jetzt nicht auch noch ein Boot, dachte sie und meinte, ihr Mund stünde offen, ein wenig Speichel rönne ihr die Mundwinkel hinab.
In den ersten Tagen hatte sie sich noch zu Unternehmungen gezwungen, durch die sie besinnungslos getaumelt war.
War nach Cannes gefahren, durch hässliche Viertel, bis sie die Croisette gefunden hatte, an der sie von allen unbeachtet saß und langbeinige, scheinbar 17-jährige Mädchen an der Seite russischer Geschäftsleute beobachtete. Was mochten das für Geschäfte sein, die plötzlich Millionen stinkreicher Russen in die Welt entließen? Woher kamen die? Wo sie hinwollten, war klar: an die teuersten Plätze der Welt. Zum Eventwohnen. Zwei Wochen an der Côte, zwei Wochen in St. Moritz, den Rest des Jahres blieben ihre Hütten leer. Sie lief schwitzend durch Cannes und erkannte, dass die Läden nicht für sie waren, auch gebrach es ihr in ihrer Nervosität an jedem Kaufimpuls, sie wollte nur – zu ihm.
Einen näheren Kontakt als den, dass sie jeden Tag einen Kaffee bei ihm kaufte und er sie anlächelte, hatte es noch nicht gegeben. Jeden Tag ging sie aufgeregt an den Strand, hatte Angst, dass er nicht da sein könnte, dass der Kiosk abgebrannt wäre, eine Bombe den Strand verwüstet hätte. Jeden Tag lag der Strand in derselben Gleichgültigkeit da, sie zitterte und kaufte ihren Kaffee, sein Lächeln ließ sie rot werden, nichts bemerken sollte er und doch sie sehen.
Sie wartete, bis der Abend kam und er seinen Kiosk schloss, sie ihm die Gelegenheit gab, sie anzusprechen, zum Abendessen einzuladen. Sie sah ihn an, manchmal nickte er ihr zu, und dann ging er am Ufer entlang in Richtung Altstadt. Mit einer halben Stunde Abstand folgte sie ihm. Am Strand entlang, einen Befestigungswall entlang, in die Stadt, durch die Gassen von Antibes, in der alle Häuser wirkten, als ob sie einem Jacques-Tati-Film entstammten. Die schönen Fensterläden und Stores, die hübschen Läden und Cafés und über allem die warme Luft, die sie aufheizte, sie an die Steine lehnen machte, vielleicht hatte er sie berührt, genau an jener Stelle. Sie sah ihn nicht. Ging enttäuscht in ihr Hotel, versuchte zu schlafen und sich zu sagen, morgen, morgen würde vielleicht ein Wunder geschehen. Sie hatte nicht damit gerechnet, doch war ihr klar, was sie erlebte – die letzte Leidenschaft in ihrem Leben.
Das Hotel war eines, das einem sehr schnell ein Zuhause werden konnte. Sie war vertraut mit den Damen, die darin arbeiteten, und den anderen Gästen, man grüßte sich und redete nicht miteinander. Sie hatte keine Angst mehr vor einem kleinen Gespräch mit Filipe, dem Besitzer, denn nach einigen Minuten ließ er sie immer gehen, an den Pool und die Pinienluft atmen, die von den benachbarten Villenvierteln herüberwehte. Den gab es wirklich, diesen blöden Pinienduft, sie war gestern durch die Sackgassen spaziert, an riesigen, gut geschützten, von Pinien bewachsenen Grundstücken vorbei, und ihr wurde so müde, weil sie wusste, was zu Hause auf sie wartete, im Regen – eine Stadt, in die sie gezogen war ohne Grund, geblieben, ohne nachzudenken.
Sie merkte bei all dem Außer-sich-Sein, wie Leben sein könnte. Es musste nicht bedeuten, in einer Stadt voller Regen zu leben, in ständiger Dämmerung, in hässlichen Läden unattraktive Produkte zu kaufen und sie in eine kalte Wohnung zu tragen. Leben konnte hell sein und gut riechend, und sie wusste nicht, warum sie an einen Ort zurückkehren sollte, der sie nicht erheiterte. Sie wollte hierbleiben, mit diesem schönen jungen Mann, in einem dieser Häuser in der Altstadt. Er würde morgens aus dem Bett gleiten und sie auf die Nase küssen. Weiter konnte sie nicht denken, nicht einmal nackt konnte sie ihn sich vorstellen, es wäre ihr pornografisch erschienen, und sie war sich sicher, dass er es ihr angesehen hätte.
Die Tage und Nächte verschwammen irgendwann zu einem Getränk, das wohlschmeckend war, sie aber wahnsinnig werden ließ. Sie hatte zu viel Schönheit gesehen. In ihr altes Leben zurückzugehen war unmöglich geworden. Sie verbrachte die Tage in ihrem Hotel, mit dem sie zusammenwuchs. Vielleicht fiel es irgendwann niemandem mehr auf, dass sie das Zimmer unterm Dach in Beschlag genommen hatte, sich dort Nahrungsmittel stapelten und Tiere, die sie am Wegesrand gefunden hatte. Sie saß auf ihrem Balkon und sah auf das Boot, das sich in all der Zeit nicht einen Meter bewegt hatte. Bekannte hatten die albernen Dinge, die sie daheim besaß, verkauft, ihre Wohnung vermietet, ihre Stelle gekündigt. Sie lebte nur noch für die Nachmittage, die Abende. An den Strand gehen, an ihren Platz, und warten, bis die Nacht kam. Bei ihm.
Vielleicht würde es irgendwann Winter werden.
Villa Val des Roses,
6 Chemin des Lauriers, Cap d’Antibes, Frankreich, Tel. 0033-685060629,
www.val-des-roses.com
. DZ ab 150 Euro
Sibylle Berg lebt in Zürich. Zuletzt erschien von ihr »Die Fahrt«; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007; 256 S., 19,90 Euro
- Datum 16.10.2008 - 04:41 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.10.2008 Nr. 43
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