Liebe Bürgerinnen und Bürger,

wir leben in brüchigen Zeiten. Die internationale Finanzkrise hat uns vor Augen geführt, wie die Globalisierung unser Leben beeinflusst und wie schnell scheinbar Solides und Dauerhaftes ins Wanken geraten kann. Wie andere Staaten auch musste Deutschland zu drastischen Maßnahmen greifen, um das Wirtschaftssystem zu stabilisieren. Heute hat die Bundesregierung gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der Länder eine andere Strategie entwickelt, um unseren Wohlstand zu sichern. Diese Strategie ist langfristiger angelegt, auch sie wird auf die Dauer viel Geld kosten und fordert nicht nur die Politik, sondern die Mehrzahl der Bürger heraus. Ihr Ziel ist die Bildungsrepublik Deutschland.

Mehr als jemals zuvor leben unsere Unternehmen vom Wissen und Einfallsreichtum ihrer Mitarbeiter. Mehr als jemals zuvor braucht der Einzelne eine gute Ausbildung, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Doch schon heute fehlen unserer Wirtschaft Ingenieure und Facharbeiter. Dieser Mangel wird sich allen Prognosen zufolge verschärfen. Gleichzeitig finden Hunderttausende keinen Job, weil sie den gesteigerten Anforderungen nicht mehr genügen. Ihnen droht eine lebenslange Abhängigkeit vom Staat.

Deshalb heißt es zu Recht: Sozialpolitik im 21. Jahrhundert muss Bildungspolitik sein. Das gilt besonders für die Zuwanderer und ihre Familien. Fast jedes dritte Kind in Deutschland unter zehn Jahren hat einen Migrationshintergrund. Doch ohne dass sich die Schulleistungen dieser Kinder und Jugendlichen nachhaltig verbessern, wird die Integration scheitern, gerät das friedliche Zusammenleben in unseren Städten in Gefahr. Zugleich können wir es uns angesichts der schrumpfenden Bevölkerung nicht erlauben, Potenzial brachliegen zu lassen: weder das von Migranten noch das von Frauen oder älteren Arbeitnehmern.

Schon oft wurden diese Wahrheiten beschworen. Nun wollen Bund und Länder die Herausforderungen annehmen: in einer einzigartigen nationalen Anstrengung. Wir wissen dabei die Mehrheit der Bevölkerung auf unserer Seite. Kaum ein anderes Thema – das zeigen alle Befragungen – bewegt die Bürger so sehr wie der Zustand unserer Bildungseinrichtungen. Wenn sie den Eindruck haben, dass eine Regierung sie nicht pflegt, wird diese abgestraft. Das haben die letzten Landtagswahlen gezeigt.

Dabei ist manche Sorge übertrieben. Unsere Klassenräume und Hörsäle sind kein Notstandsgebiet, auch wenn die öffentliche Debatte dies mitunter suggeriert. Die meisten Schüler und Studenten erhalten eine solide Bildung. Unsere Doktoranden sind weltweit gefragt. Der deutsche Ingenieurabschluss ist weiterhin ein Markenzeichen. Nur in die USA und nach Großbritannien strömen mehr ausländische Studenten. Drei deutsche Nobelpreisträger in zwei Jahren – auch diese Bilanz kann sich sehen lassen. Auf meiner Reise durch die Bildungsstätten habe ich mich selbst überzeugt von der Begeisterung fürs Lernen und Lehren in diesem Land.

Dennoch sind die Zeiten vorbei, da andere Länder sich deutsche Schulen und Universitäten zum Vorbild nahmen. Bei Pisa schneiden unsere Schüler nur mittelmäßig ab. Nur wenige andere Industriestaaten haben eine so große Gruppe schwacher Leser und Rechner wie wir. In den internationalen Rankings taucht keine deutsche Hochschule unter den ersten 40 auf. Dabei ist Deutschland nicht schlechter geworden, aber andere Länder haben aufgeschlossen, uns sogar überholt. Eine Zahl mag dies verdeutlichen: Seit 1995 hat sich die Anzahl der Studierenden in den OECD-Ländern im Durchschnitt um 41 Prozent erhöht, in Deutschland nur um 5 Prozent.