Ein fetter alter Schinken hat wieder Konjunktur im Buchhandel: das dreibändige Riesenwerk Das Kapital von Karl Marx. Vermutlich, weil das Publikum nach Erklärungen für die gegenwärtige Finanzkrise sucht. Und weil, wieder einmal, Zweifel am Kapitalismus reifen.

Was bietet Das Kapital? Marx beginnt im ersten, 1867 erschienenen Band mit der Beobachtung, dass warenproduzierende Arbeit eine private und keine öffentliche Angelegenheit ist. Zugleich aber ist sie ein gesellschaftlicher Vorgang, und diese Eigenschaft erweist sich auf dem Markt, wo die Käufer darüber bestimmen, ob (und in welchem Umfang) die jeweilige Arbeit fortgesetzt werden kann. Insofern ist der Markt eine Maschinerie für die Verteilung nicht nur von Gütern, sondern auch von Arbeit. Das ist der sinnvolle Kern der "Arbeitswerttheorie", die Marx bisweilen barock formulierte, was die Lektüre erschwerte und die Kritik erleichterte.

In den Dingen (Ware, Geld) die sozialen Beziehungen erkennen (Arbeitsteilung), das ist typisch Marx. Kapital war für ihn ebenfalls nicht einfach eine Sache oder Summe, sondern "ein gesellschaftliches Verhältnis": Der Kapitalist kauft Arbeitskraft, Werkzeug und Material, um Waren zu produzieren, wobei die Arbeitskraft die besondere Eigenschaft hat, mehr Wert zu erzeugen, als sie kostet. Anschließend zeigt der erzielte Verkaufserlös, ob sich das Unternehmen bewährt hat.

Nimmt das Unternehmen Kredit auf, ist er ökonomisch wie eine befristete Beteiligung zu sehen und der Zins als Abzug vom Gewinn. So sieht es Marx und kritisiert "die Vorstellung vom Kapital als einem sich durch sich selbst verwertenden Automaten". Sie wird vom Bankwesen auf die Spitze getrieben, das scheinbar Geld aus Geld erzeugt. Noch verrückter ist die Bildung "fiktiven Kapitals" in Form von Aktienkursen, das sich erst aus prognostizierten Dividenden und später sogar aus prognostizierten Kursen ergibt. Marx schreibt im dritten, 1894 posthum erschienenen Band des Kapitals auch vom "Zerplatzen dieser Seifenblasen von nominellem Geldkapital", das "die Nation um keinen Heller ärmer" mache – anders freilich, wenn eine Finanzkrise zu Stockungen der Produktion führt.

In den Aktiengesellschaften sowie im entwickelten Bankwesen sieht Marx eine Art Vorform des Sozialismus, denn die handelnden Personen seien überwiegend Bevollmächtigte, die "gesellschaftliches Kapital" einer Vielzahl von Personen und nicht ihr eigenes verwalteten. Freilich könnten sie aus genau diesem Grund "ganz anders ins Zeug gehen als der ängstlich die Schranken seines Privatkapitals erwägende Eigentümer" – bis es kracht. Ist der Zusammenbruch so gewaltig, dass er das Finanzsystem gefährdet, muss letztlich der Staat einspringen, was Marx natürlich erst recht als Beleg dafür anführt, dass alles zum Sozialismus tendiere.

Ende 1857 bereits hatte er in einem Leitartikel der republikanischen New York Daily Tribune über "Die Finanzkrise in Europa" die Bemühungen des Hamburger Senats beschrieben, das Kreditwesen durch den Ankauf schlechter Papiere zu sanieren. Die Hamburger meinten offenbar, "das Vermögen der gesamten Gesellschaft, welche die Regierung vertritt, hätte die Verluste der privaten Kapitalisten zu vergüten". Marx setzt fort: "Diese Art Kommunismus, wo die Gegenseitigkeit völlig einseitig ist, erscheint den europäischen Kapitalisten ziemlich anziehend."

Zeitgemäße Lektüre also. Ihr Problem liegt darin, dass sich Marx auch auf irrige Annahmen stützt. Für ihn erzeugt, zum Beispiel, nur die Arbeit an Sachen einen Wert. Auch wenn er im dritten Band die wachsende Bedeutung der Dienstleistungen und der Informationsarbeit ahnen lässt – mit seiner Theorie ist der heutige Kapitalismus nicht zu erklären. Und dessen Ablösung durch den Sozialismus hat sich, wenn überhaupt, als Episode erwiesen.