Afghanistan

Pflicht, Mut und sehr viel Frust

Wer behauptet, Deutschland führe in Afghanistan keinen Krieg, verdrängt die Wirklichkeit und verprellt die Soldaten. Reise an eine unübersichtliche Front

Es war ein bezeichnender Augenblick. Auch: ein peinlicher Moment. Pressekonferenz während des jüngsten Afghanistanbesuchs des Bundesverteidigungsministers. Frage eines Journalisten: »Sind wir hier im Krieg?« Franz-Josef Jung, emphatisch: »Wir befinden uns nicht im Krieg!« Der neben ihm stehende Isaf-Kommandeur, der amerikanische Viersternegeneral David McKiernan, der viele Jahre in Deutschland gedient hat und mit einer Deutschen verheiratet ist, fixiert den Fragesteller. Ungerührt, militärisch knapp formuliert er seine gegenteilige Ansicht: »Of course, we are at war.«

Der Amerikaner hat recht: Wir befinden uns im Krieg am Hindukusch. Die 3500 deutschen Soldaten, die im Norden Afghanistans Dienst tun, sehen es genauso. Sie sind nicht nur bewaffnete Entwicklungshelfer, sie stehen im Kampf, werden beschossen, werden auch »angesprengt«, wie es im Bundeswehrjargon heißt, und haben bittere Verluste, 26 Tote und ein Lazarett voll Verwundeter. Wenn sie tagsüber Patrouillen fahren, um Präsenz zu zeigen oder auch Stärke zu demonstrieren, oder wenn sie im Nachteinsatz durchs Gelände robben, kommt keiner auf den Gedanken, es wäre nicht Ernst.

Wer da weiterhin behauptet, wir stünden in Afghanistan nicht im Krieg, macht sich der Wirklichkeitsverdrängung schuldig. Es ist kein klassischer Krieg, bei dem ein Botschafter in Frack und Zylinder förmlich die Kriegserklärung überreicht hätte. Gleichwohl ist es ein Krieg. Ein asymmetrischer Konflikt, ein Guerillakonflikt, den der Gegner mit primitiven Waffen führt, Minen, Mörsern, Raketen, Sprengfallen, Selbstmordattentätern. Die Soldaten, die nicht Stabsdienst tun, Instandsetzungsarbeit leisten, den Nachschub am Laufen halten oder die Aufklärungsfotos unserer Tornados auswerten, setzen Tag für Tag, Nacht für Nacht ihr Leben ein. Aber auch im Feldlager kann keiner sich seines Lebens sicher sein.

In Masar-i-Scharif habe ich gleich am ersten Tag einer achttägigen Expedition an den Hindukusch einen Raketenangriff erlebt nach einem Besuch bei dem starken Mann der Provinz Balkh, dem ehemaligen Mudschahedin-Kommandeur und nunmehrigen Gouverneur Mohammed Atta.

Der deutsche Verantwortungsbereich im Nordosten Afghanistans umfasst neun der 34 Provinzen des Landes, ist 160000 Quadratkilometer groß (fast halb so groß wie die Bundesrepublik), beherbergt 30 bis 40 Prozent der afghanischen Bevölkerung, die zahllosen Stammesverästelungen in 64 verschiedenen ethnischen Gruppen angehören; und grenzt an Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Pakistan und China (am Pamir hat Deutschland eine 76 Kilometer lange Militärgrenze mit der Volksrepublik).

Die Bundeswehr hat es in ihrer area of responsibility mit drei Kriegsherren zu tun, ehemaligen Mudschahedin jener Nordallianz, die Ende der 1980er die Sowjets aus dem Lande trieben und dann, Ende der 1990er, der Herrschaft der Taliban ein Ende bereitete: dem Usbekengeneral Raschid Dostum im Westen, dem mit Dostum verfeindeten Tadschikengeneral Mohammed Atta in der Mitte und Burhanuddin Rabbani im Osten (er starb vor wenigen Tagen). Keiner von ihnen hat je eine Kriegsakademie von innen gesehen; ihre Generalsterne haben sie sich im Kampf gegen die Russen und die paschtunischen Taliban erworben. Von Kabul, der Regierung des Präsidenten Hamid Karsai, halten sie herzlich wenig.

»Ich bin glücklich, dass sie hier sind. Sie bombardieren keine Zivilisten«

Mohammed Atta residiert hinter hohen Mauern in seinem schwer gesicherten Palast im Zentrum von Masar-i-Scharif. Der Gouverneur legt Wert auf seine goldenen Sterne: »Full rank General Atta Muhammad Noor« steht auf seiner Visitenkarte. Doch tritt er mir in seinem Amtszimmer, das eher einem schwülstig möblierten Salon gleicht, in Zivil gegenüber. Maßgeschneiderter Anzug, handgenähte Lackschuhe, eine teure Uhr am Handgelenk – mit seinem dunklen, sorgfältig gestutzten schwarzen Bart und seiner tiefen Stimme ist der Gouverneur eine eindrucksvolle Erscheinung. Aber auch eine zwielichtige Figur. In den Drogenhandel sei er verwickelt, heißt es in den Büros der internationalen Gemeinschaft.

Weltmännisch dankt Atta zunächst den Deutschen: »Ich bin glücklich, dass sie hier sind. Sie bringen humanitäre Hilfe und Sicherheit. Sie arbeiten mit uns. Sie bombardieren keine Zivilisten.«

Im Hintergrund dreht sich laut knarzend ein Globus aus Halbedelsteinen, seine quietschende Achse müsste dringend geölt werden. Daneben läuft ununterbrochen der Fernseher. »Manches ist gut gemacht worden«, sagt Atta. »Wir haben Demokratie und Sicherheit. Auch in den Provinzen gibt es Schulen und Universitäten. Die Ärzte können wieder arbeiten. Aber es sind auch Fehler gemacht worden.« Er richtet sich straff auf in seinem Polstersessel mit den rot-goldenen Armlehnen. »Man hat Pakistan aus der Verantwortung entlassen, jetzt hilft es den Taliban. Es gibt auf dem Verteidigungssektor keine wirkliche Koordinierung, verschiedene Länder verfolgen verschiedene Strategien. Die Entwicklung ist nicht in allen Provinzen stabil. Das Geld, Hunderte von Millionen, fließt in die unsicheren Provinzen. Ich sage Präsident Karsai dauernd, dass er dem Norden mehr Aufmerksamkeit schenken soll. Hier ist es schließlich ruhig. Die Leute haben kein Vertrauen mehr in die Regierung.«

Und sie sind auch enttäuscht von der internationalen Gemeinschaft. »Die hat uns Gott-weiß-was versprochen, aber ihre Versprechen nicht gehalten. Zig Millionen Dollar wurden uns in Aussicht gestellt, aber wo ist das Geld geblieben?« Die Bauern fühlen sich belogen, berichtet Atta weiter. Gab es nicht die Zusage, ihnen Alternativen für den Anbau von Schlafmohn zu bieten? Nichts sei daraus geworden. Dabei sei die Provinz Balkh nun frei von Mohnfeldern. »Ich hatte einen Plan. Er hat funktioniert.«

»Frei von Mohnfeldern« heißt freilich nicht, dass es keine Labors gäbe, die das Opium verarbeiten, und keinen florierenden Handel. Atta verdient gut daran – davon sind die UN-Vertreter felsenfest überzeugt. Aber da er in seiner Provinz auf Ruhe und Ordnung hält und mit seiner Privatmiliz dafür sorgt, dass niemand aus der Reihe tanzt, lässt man den powerbroker der Region schalten und walten. Würde er abgesetzt, könnte Balkh leicht im Chaos versinken. So gilt Konrad Adenauers zynisch-realistischer Satz: Wenn man kein sauberes Wasser hat, muss man sich eben mit schmutzigem Wasser behelfen.

Rückfahrt ins Feldlager durch den wuseligen Verkehr der 800000-Einwohner-Stadt Masar-i-Scharif. Es wird viel gebaut. Am meisten fällt die Vielzahl brandneuer Tankstellen ins Auge. Wie im Kosovo, so verdienen sich auch hier die örtlichen Machthaber damit eine goldene Nase.

Plötzlich klingelt das Telefon: »Alarmstufe Rot!« Camp Marmal, das drei Quadratkilometer große deutsche Feldlager, steht unter Raketenbeschuss.« Mit Schutzweste und Stahlhelm rasen wir zurück und schlagen uns zu der Kantine durch, einem sicheren Gebäude. Ansage: »Es ist lebensgefährlich, die gehärteten Gebäude zu verlassen.« Eine Stunde später: »Red Alert still ongoing. We had another impact. This is not an exercise!« Keine Übung also, Angriff mit Steilfeuer. Endlich kommt die Meldung: »Einschlagstelle gefunden.« Ein paar Hundert Meter weiter, und es hätte verlustreich werden können. Nach vier Stunden dürfen wir unseren sicheren Unterschlupf wieder verlassen.

Gespräch beim Kommandeur von Camp Marmal, Brigadegeneral Jürgen Weigt. Er hat mittlerweile einen Trupp ausrücken lassen, um die Angreifer aufzuspüren. Mitten in unser Gespräch platzt die Meldung: »Herr General, groups in contact! Feuer von beiden Seiten. Bisher keine Ausfälle gemeldet.«

»Verstanden. Wir machen jetzt show of force . Mörser in Stellung bringen. Aber wir schießen nicht in uneinsehbare Bereiche. Feuer bleibt unter meinem Führungsvorbehalt!« Anders als die Amerikaner im Süden, schießt die Bundeswehr nicht blindlings drauflos.

»Die Lösung liegt nicht darin, so viele ›bad guys‹ wie möglich zu töten«

Draußen dunkelt es. In der Finsternis verkrümeln sich die Angreifer in der Steppe. Hätte der General mehr Leute schicken sollen? Stimmt die Behauptung, nur zehn Prozent des Kontingents gingen überhaupt hinaus aus dem Feldlager? Jürgen Weigt beherrscht mühsam seinen Zorn: »Die Behauptung, dass wir uns nur mit uns selbst beschäftigen, ist – gelinde gesagt – eine Unverschämtheit. Wir erfüllen einen Auftrag. Marmal ist eine forward support base. Wir leisten Unterstützung für alle Nationen. Die Soldaten haben klare Funktionen innerhalb des Lagers. Auch unsere Patrouillen sind kein Selbstzweck. Sie verfolgen bestimmte Ziele: Aufklärung, um uns ein Bild der militärischen und zivilen Lage zu verschaffen, oder Begleitung von Transporten. Es geht nicht darum, möglichst viele Soldaten aus dem Lager herauszubringen – wir müssen lage- und auftragsgerechte Fähigkeiten zusammenstellen. Ohnehin liegt die Lösung nicht darin, so viele bad guys wie möglich zu töten oder auszuschalten. Unser Auftrag besteht darin, die Entwicklung des Landes zu sichern und denen das Handwerk zu legen, die diese stoppen wollen.«

Nachdenklich setzt der Kommandeur von Camp Marmal hinzu: »Es gibt hier keine einfachen und schnellen Lösungen. Was wir brauchen, ist eine Exit-Strategie, die uns erlaubt, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann wir unsere Aufgabe erfüllt haben.«

Kundus, die uralte Handelsstadt, ist der zweitgrößte Standort der Bundeswehr im Norden Afghanistans – und der unruhigste. In einer Schreibstube hängt an der Wand der »traurige Kalender«, wie der Feldwebel sagt. Die Tage, an denen es knallte, sind auf dem Jahreskalender der katholischen Militärfürsorge markiert. Viele ruhige Tage hat es nicht gegeben. Kein Wunder, dass die Nerven blank liegen, zumal bei den Fallschirmjägern, die es in erster Linie erwischt hat. Und da ist kein Soldat, dem nicht die drei schlimmsten Vorkommnisse ständig vor Augen stehen.

6. August. Ein Patrouillenfahrzeug bleibt mit Motorschaden liegen. Daraufhin wird eine zweite Patrouille zur Bergung der Havaristen losgeschickt. Die Soldaten sitzen ab und bilden einen Sicherungskordon um die Unfallstelle. Da rast mit Vollgas ein Mofa auf die Gruppe zu. In der Nähe des liegen gebliebenen Fahrzeugs sprengt sich der Fahrer in die Luft. Der Spieß wird leicht verletzt, zwei Mann erleiden Verbrennungen an Ohren, Nase und Beinen.

Wenige Tage danach braust wiederum ein Motorradfahrer auf einen deutschen Sicherungsposten zu. Die Soldaten bringen ihre Waffen in Anschlag. Einem der Posten, einem alten Motorradfreak, fällt auf: Das ist ja ein ganz neues Motorrad! Der wird sich doch nicht mit einer nigelnagelneuen Maschine in die Luft sprengen wollen, kommt es dem Soldaten in den Kopf. Er drückt nicht ab. Kurz vor dem Kontrollposten biegt das Motorrad seitwärts ein.

27. August. Der Hauptfeldwebel Mischa Meier sitzt auf dem Beifahrersitz eines Dingos, des gepanzerten Allschutz-Transportfahrzeug. Die Route führt am Kundus-Fluss entlang. Die Straße sieht ungefährlich aus; keine Schubkarre steht am Wegesrand wie so oft, wenn eine darin versteckte Bombe per Handy ausgelöst wird. Ohnehin sind die Isaf-Fahrzeuge mittlerweile mit einem »Jammer« ausgerüstet, der jegliche Funkverbindung in der Nähe ausschaltet. Der Weg scheint also frei. Das Fahrzeug biegt in eine Kurve ein. Mit dem rechten Vorderrad gerät es genau auf ein Improvised Explosive Device (IED), einen improvisierten Sprengkörper, den in diesem Augenblick ein »Triggerman« auslöst, der sich in 150 Meter Entfernung in einer Baumgruppe am Flussufer versteckt hat. Auf ganz altmodische Weise bringt er den unter der Fahrbahn vergrabenen Sprengsatz – oft ein Bündel alter Artilleriegranaten, mit neuem Sprengstoff angereichert, der die Granaten entzündet – über ein langes Kabel zur Explosion. Hauptfeldwebel Meier hatte keine Chance. Er war sofort tot.

28. August. Nicht immer geht es so glimpflich ab wie vor Kurzem, als ein Wachposten einem stur auf ihn zuhaltenden Pkw in den Motorblock schoss – aus dem Wagen kippte besinnungslos ein völlig bekiffter Fahrer. Erhöhte Wachsamkeit ist angesagt. Der Anschlag auf den Bergungstrupp liegt erst drei Wochen zurück, das Attentat auf Mischa Meier noch keine 24 Stunden – Anlass genug, auf der Hut zu sein. Ein Oberfeldwebel und ein Mannschaftsdienstgrad bemannen eine Straßensperre. Sie haben auf einem Fahrzeug mit auflafettiertem Maschinengewehr Posten bezogen. Ein Auto nähert sich. Es missachtet alle Haltesignale und rollt weiter auf die Sperre zu. Laut Weisung ist von einer bestimmten Distanz an im Nahbereich das Feuer zu eröffnen. Die Soldaten halten sich an ihre Vorschriften und schießen. Ein tragischer Irrtum: Es war kein Anschlag. Die arglose Fahrerin und ihre zwei kleinen Kinder sind tot.

Die Schützen sind am Boden zerstört. Vollends, als aus der Heimat berichtet wird, ein Staatsanwalt habe gegen die beiden ein Ermittlungsverfahren wegen Totschlags eingeleitet, doch die Bundeswehr wolle ihnen keinen Anwalt stellen; einen Rechtsbeistand müssten sie selber suchen und aus eigener Tasche bezahlen. Gnädigst wird ihnen mitgeteilt, sie könnten zur Finanzierung der Anwaltskosten einen zinslosen Kredit erhalten. Kann es wundernehmen, dass die Soldaten empört sind über so viel fühllose Weltfremdheit der Juristen im Bendlerblock?

»Täglich sind sie der Gefahr ausgesetzt«, sagt ein Major. »Täglich werden sie auf die Probe gestellt und müssen in Sekundenschnelle entscheiden: Sollen sie abdrücken, um das eigene Leben und das der Kameraden zu retten?«

Und dann das: Strafverfolgung, weil sie ihre Pflicht getan haben. Ständig sich in Gefahr begeben. Jawohl, auch: andauernd in Spannung, ja in Angst leben. Und das alles für 92 Euro Zuschlag pro Tag. »Denen steht’s hier.« Der Major weiß, wovon er spricht.

Die Fallschirmjäger – drei Züge in Kundus – sind prächtige Burschen, ob Hauptfeldwebel, Hauptmann oder Gefreite. Die blutigen Vorfälle der jüngsten Zeit haben sie gebeutelt, aber auch zusammengeschweißt. Befehl? Auftrag? Das Ziel, Afghanistan zu stabilisieren? Gewiss. Aber was sie Tag für Tag aufrechterhält, ist nicht die große Strategie, das hehre politische Ziel. Es ist der Zusammenhalt der Kameraden.

Über vieles, was sie von zu Hause hören, können sie nur den Kopf schütteln. Dass sie, die draußen in den Dörfern und Bergen den Kopf hinhalten, genauso bloß 92 Euro täglichen Einsatzzuschlag erhalten wie einer, der nur Schreibstubendienst tut. Dass es keine Tapferkeitsauszeichnung gibt, ja nicht einmal ein Verwundetenabzeichen. Und dass sie, wenn sie in den lehmfarbenen Bergen des Hindukuschs getötet werden, aufgrund einer ministeriellen Verfügung nicht als »gefallen« bezeichnet werden dürfen, sondern lediglich als »ums Leben gekommen« – wie der Soldat in der Heimat, der sich im Wochenendverkehr zu Tode fährt. Da wünschen sie sich doch mehr Verständnis. Sie fühlen sich nicht gewürdigt.

»Wir haben hier alles schon erlebt. Jetzt langt’s«, sagt der Hauptfeldwebel. Die Bitterkeit ist nicht zu überhören. Aber nach Einbruch der Dunkelheit ziehen er und seine Leute sich die Schutzwesten an, schnallen den Helm fest, greifen sich ihre Waffen, Proviant (»Ohne Mampf kein Kampf«), drei, vier Liter Wasser – 40 Kilo Gepäck alles im allem – und rücken aus in einen der vielen Nachteinsätze. (Die GPS-Geräte, die ihnen die Rüstungsabteilung in der Heimat zugemutet hat, lassen sie zurück – das wären noch einmal 4,5 Kilo Traglast. Für 240 Euro haben sie sich alle lieber bei einschlägigen Großhändlern handygroße, federleichte GPS-Geräte gekauft, die den Zweck perfekt erfüllen.)

Es hat Informationen gegeben, dass Aufständische aus den nahe gelegenen paschtunischen Enklaven eine Aktion im Schilde führen. 150 Männer und Frauen machen sich auf den Weg, darunter fünf Spähtrupps von je 15 Mann, die einen Geländestreifen von fünf Kilometer Länge und drei Kilometer Breite durchkämmen sollen.

Oberst Rainer Buske, der Kommandeur in Kundus, hat mich eingeladen, das nächtliche Unternehmen aus dem Gefechtsstand zu beobachten. Abgedunkelt rumpelt die Fahrzeugkolonne durch das unwegsame Gelände. Dann heißt es absitzen. Zu Fuß geht es weiter, über Stock und Stein. Taschenlampen sind verboten. Die Soldaten erkennen die Landschaft durch ihre Nachtsichtgeräte zwar grünlich gefärbt, doch in aller Schärfe. Ich stolpere ihnen in der Finsternis tapsig hinterher. Die 18 Kilo schwere Bristol-Schutzweste drückt, der Helm ist ungewohnt. Plötzlich stehen wir vor zwei Fuchs-Transportpanzer. Wir haben den Gefechtsstand erreicht.

»Das ist ja am Arsch der Welt«, entfährt es einem. »Da sind wir noch nicht«, erwidert der Oberst. »Aber wir können ihn schon deutlich sehen.«

Vier Stunden im Fuchs (drei Meter breit, knapp sieben Meter lang) können einem verdammt lang werden. An der Frontseite hängt eine Geländekarte, davor eine Plastikfolie; darauf werden ständig die neuen Standorte der Spähtrupps eingetragen.

Um 21.15 Uhr kommt quäkend die Meldung: »Zehn Personen aufgeklärt, Verhalten unsicher.« Aufständische? Späte Feldarbeiter? Nomaden? Die Anspannung steigt. Eine Aufklärungsdrohne Luna wird angefordert, auch eine schneller verfügbare Aladin. Es stellt sich heraus: Es waren Nomaden mit ihrer Herde. Dann ist plötzlich ein Schusswechsel zu hören. Zwei verfeindete Gangstergruppen haben sich da beharkt, wird am nächsten Tag bestätigt. Ansonsten bleibt es heute ruhig. Gegen 1 Uhr rücken wir ab. Die Fallschirmjäger, verdreckt und abgekämpft, sind morgens um vier erst zurück im Lager. Sie sind erleichtert, dass nichts passiert ist. Am nächsten Abend schon werden sie wieder auf Patrouille gehen.

»Ist dieser Krieg überhaupt zu gewinnen? Und wenn ja: wann?«

Machen wir uns nichts vor: Wir sind in Afghanistan im Krieg – auch die Deutschen. Die Sicherheitslage verschlechtert sich rapide. Der Wiederaufbau hingegen stockt. Die afghanische Armee nimmt nur langsam Gestalt an. Die Polizei – bisher der korrupte Schwachpunkt der Obrigkeit – wird nun zwar von den deutschen Polizisten und Eupol auf Rechtschaffenheit, Gesetzestreue und Effizienz getrimmt, doch sie zahlt einen hohen Blutzoll. Von den 3000 Mann, die jährlich die Ausbildung durchlaufen, sind im Jahre 2007 sage und schreibe 1400 Mann – fast die Hälfte! – umgekommen. Die Regierung schwächelt, Präsident Karsai ist nicht viel mehr als der Oberbürgermeister von Kabul. Die örtlichen Kriegsherren machen ihm im Norden seine Autorität streitig, im Süden sitzen ihm (und den Alliierten) die Taliban im Nacken. Durch die offene pakistanische Flanke – 2400 Kilometer nicht zu kontrollierende Grenze – strömen immerfort neue Dschihadisten in das geplagte Land.

Ist dieser Krieg überhaupt zu gewinnen? Wenn ja, in welcher Zeitspanne – in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren? Und um welchen Preis?

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Leser-Kommentare

  1. "Anders als die Amerikaner im Süden, schießt die Bundeswehr nicht blindlings drauflos."

    Ist die ZEIT jetzt mit der "Jungen Welt" fusioniert?

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    dann hätten Sie keine Zweifel, daß die Amis WIRKLICH blindlings drauflos schießen.
    Das steht übrigens nicht nur in der "Jungen Welt" sondern geht sinngemäß aus der seriösen Berichterstattung fast aller Tageszeitungen hervor, und zwar auch der US-Presse.
    Nur daß die meisten Kommentatoren keine solch drastischen Formulierungen wählen.
    Langsam wird es wirklich Zeit, daß wir diesen Irrsinn beenden - etwa indem wir unserem Bundestagsabgeordneten darüber informieren, daß er, wenn er für die Mandatsverlängerung stimmt, nicht damit rechnen darf, von uns (noch einmal) gewählt zu werden.

  2. dann hätten Sie keine Zweifel, daß die Amis WIRKLICH blindlings drauflos schießen.
    Das steht übrigens nicht nur in der "Jungen Welt" sondern geht sinngemäß aus der seriösen Berichterstattung fast aller Tageszeitungen hervor, und zwar auch der US-Presse.
    Nur daß die meisten Kommentatoren keine solch drastischen Formulierungen wählen.
    Langsam wird es wirklich Zeit, daß wir diesen Irrsinn beenden - etwa indem wir unserem Bundestagsabgeordneten darüber informieren, daß er, wenn er für die Mandatsverlängerung stimmt, nicht damit rechnen darf, von uns (noch einmal) gewählt zu werden.

    Antwort auf "Unglaublich ..."
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    Wahl, Auswahl   soylentyellow

    "daß er, wenn er für die Mandatsverlängerung stimmt, nicht damit rechnen darf, von uns (noch einmal) gewählt zu werden."

    Ist gar nicht so einfach wenn Die Linke die einzige Partei ist die konsequent gegen den Afghanistan Einsatz stimmt. Noch nicht einmal auf die ehemals (?) pazifistischen Grünen ist Verlass...wenn nur Die Linke nicht diese belastete Vergangenheit hätte...

  3. Ich habe jetzt klären können, warum der Artikel so ist, wie er ist.
    Kurze Recherche über den Autor klärt woher sein Feindbild kommt ...
    Wikipedia:
    "Theo Sommer (* 10. Juni 1930 in Konstanz) ist ein deutscher Journalist.
    Sommer wurde als Sohn Berliner Eltern in Konstanz am Bodensee geboren. Nach seiner Zeit als Schüler der Adolf-Hitler-Schule auf der Ordensburg Sonthofen (August 1942 bis Mai 1945) legte Theo Sommer 1949 in Schwäbisch Gmünd die Abiturprüfung ab."

    (entfernt. Bitte verzichten Sie auf derlei implizite Unterstellungen. Die Redaktion/jk)

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    ...propagierendes Aufklärungsgehabe ist, wenn man aus einer Informationsquelle die Informationen verwendet, die der eigenen Argumentation als nützlich erscheinen, den Rest allerdings stillschweigen fallend lässt.

    So gibt es bei Ihrem Wikipedia.de - Auszug zum Autor direkt angegliderten Abschnitt:

    "Anschließend studierte er Geschichte und politische Wissenschaften, an der Åsa Folkhögskola, Schweden, an der Universität Tübingen, am Manchester College in Indiana, USA, und an der University of Chicago. Sommer promovierte bei Hans Rothfels in Tübingen zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Deutschland und Japan zwischen den Mächten, 1935–1940. Anschließend, im Sommer 1960, nahm er an Henry Kissingers Internationalem Seminar an der Harvard-Universität teil."

    Tja, dass der Mann seine höchsten akademischen Würden und Erfahrungen in den Staaten sammeln konnte passt dann doch nicht so recht in diese seltsame Argumentation Ihrerseits.

    (entfernt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen dieser Art. Die Redaktion/jk)

    Und das geht so:
    Wenn man nicht mehr weiter weiß, verkürzt man einfach seine Perspektive immer weiter, bis man im eigenen Hirn angekommen ist. Dort nimmt man dann ausschließlich sich selber wahr. Und projiziert fortan.
    Die Nazis, die man dann sieht, stammen allesamt aus der eigenen Birne.
    Guck mal genau hin!
    (Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/jk)

  4. ignoriert den mehrheitlichen Willen der Bevoelkerung. Wer Soldaten in ein Land schickt zum Schutz von Aufbauprojekten und dann ploetzlich erklaert, man solle sich doch bitte nichts vormachen, natuerlich sei das ein Krieg, was denn sonst, der betruegt die Soldaten und das Parlament. Wer betruegt und den Willen der Bevoelkerung irgnoriert, wird zur Verantwortung gezogen werden.

  5. ...propagierendes Aufklärungsgehabe ist, wenn man aus einer Informationsquelle die Informationen verwendet, die der eigenen Argumentation als nützlich erscheinen, den Rest allerdings stillschweigen fallend lässt.

    So gibt es bei Ihrem Wikipedia.de - Auszug zum Autor direkt angegliderten Abschnitt:

    "Anschließend studierte er Geschichte und politische Wissenschaften, an der Åsa Folkhögskola, Schweden, an der Universität Tübingen, am Manchester College in Indiana, USA, und an der University of Chicago. Sommer promovierte bei Hans Rothfels in Tübingen zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Deutschland und Japan zwischen den Mächten, 1935–1940. Anschließend, im Sommer 1960, nahm er an Henry Kissingers Internationalem Seminar an der Harvard-Universität teil."

    Tja, dass der Mann seine höchsten akademischen Würden und Erfahrungen in den Staaten sammeln konnte passt dann doch nicht so recht in diese seltsame Argumentation Ihrerseits.

    Antwort auf "Geklärt."
  6. Und wie weiter? Sollte man nach so einer Zustandsbeschreibung vielleicht noch ein paar Fragen stellen (außer der nach der geschätzten Dauer und den Kosten)?
    1. Die Beendigung der Balkankrise hat zu einem schlimmen Trugschluß geführt. Nämlich den, daß (West-) Europa und die USA jeden Konfliktherd dieser Welt mit der bewährten Mischung aus militärischem, diplomatischem, finanziellem und humanitärem Engagement erfolgreich bekämpfen können.
    Dies kann, muß aber nicht richtig sein. Gegen Afghanistan war Yugoslavien eine Kurzgeschichte der Weltpolitik, kein Vergleich!
    2. Welcher europäische Staat wäre alleine auf die Idee gekommen, militärisch in Afghanistan einzugreifen, wenn G.W. Bush nicht zur Atacke geblasen hätte?
    3. Ist das Feindbild Taliban nicht eine grobfahrlässige Vereinfachung der Problemlage in der Region?
    4. Wie gelingt es, die Tatsache, daß sich über 3000 deutsche Soldaten in einem Kriegs- oder kriegsähnlichen Einsatz befinden, weitestgehend aus der öffenffentlichen Wahrnehmung fernzuhalten? Wer hat daran ein Interesse, warum spielen die Medien wieder so perfekt mit
    5. usw.,usw., ....
    Also, Hr. Sommer, eigentlich sollte Ihr Artikel da anfangen wo er aufhört!

  7. "daß er, wenn er für die Mandatsverlängerung stimmt, nicht damit rechnen darf, von uns (noch einmal) gewählt zu werden."

    Ist gar nicht so einfach wenn Die Linke die einzige Partei ist die konsequent gegen den Afghanistan Einsatz stimmt. Noch nicht einmal auf die ehemals (?) pazifistischen Grünen ist Verlass...wenn nur Die Linke nicht diese belastete Vergangenheit hätte...

  8. ...oder ein sog. Erlebnisbericht wie er früher mal den Schulen üblich war..."Mein schönstes Erlebnis"...?

    Es folgen die Schilderungen der tapferen Kameraden, die Beschreibung ihrer Kameradschaft...zusammengeschweisst durch das gemeinsame Erleben der täglichen Gefahren.

    Das Anlegen der schusssicheren Weste, das Mitfahren im Panzer...den afghanischen Staub auf den Zähnen...der Autor zeigt Mut und damit auch Empathie für den schweren Job, den unsere Soldaten dort zu erledigen haben. Beinahe schwelgerisch muten die Beschreibungen der gehabten gefährlichen Erlebnisse an.

    Keinesfalls will ich den Einsatz der Bundeswehr dort klein reden oder gar lächerlich machen. Der Job ist anstrengend und gefährlich.

    Nur: Was wollen wir (die Bundesrepublik) dort ?
    Für wen und was riskieren unsere Soldaten dort ihr Leben bzw. ihre Gesundheit?

    Dazu konnte ich in dem Artikel nichts finden.

    Die Bundeswehr, gedacht als Verteidigungsarmee für die Verteidigung Deutschlands im Falle eines Angriffs von aussen, hat dort nichts zu suchen.

    Der Afghanistan-Konflikt ist letztlich nichts anderes als ein klassischer Kolonialkrieg zur Unterdrückung des legitimen Widerstandes der einheimischen Bevölkerung gegenüber einer Besatzungsmacht.

    Nach allem was man weiss, sind die USA dort engagiert, um langfristig die Errichtung einer strategisch wichtigen Pipeline der betreffenden US-Unternehmen sicherzustellen.

    Deutschland wird am Hindukusch verteidigt?

    Dann wüsste unsereiner doch gerne mal, wo und wann welche Afghanen die deutschen Lande angegriffen haben.

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  • Von Theo Sommer
  • Datum 19.2.2009 - 18:12 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 16.10.2008 Nr. 43
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  • Schlagworte Afghanistan | Bundeswehr | Auslandseinsatz
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