Es war ein bezeichnender Augenblick. Auch: ein peinlicher Moment. Pressekonferenz während des jüngsten Afghanistanbesuchs des Bundesverteidigungsministers. Frage eines Journalisten: "Sind wir hier im Krieg?" Franz-Josef Jung, emphatisch: "Wir befinden uns nicht im Krieg!" Der neben ihm stehende Isaf-Kommandeur, der amerikanische Viersternegeneral David McKiernan, der viele Jahre in Deutschland gedient hat und mit einer Deutschen verheiratet ist, fixiert den Fragesteller. Ungerührt, militärisch knapp formuliert er seine gegenteilige Ansicht: "Of course, we are at war."

Der Amerikaner hat recht: Wir befinden uns im Krieg am Hindukusch. Die 3500 deutschen Soldaten, die im Norden Afghanistans Dienst tun, sehen es genauso. Sie sind nicht nur bewaffnete Entwicklungshelfer, sie stehen im Kampf, werden beschossen, werden auch "angesprengt", wie es im Bundeswehrjargon heißt, und haben bittere Verluste, 26 Tote und ein Lazarett voll Verwundeter. Wenn sie tagsüber Patrouillen fahren, um Präsenz zu zeigen oder auch Stärke zu demonstrieren, oder wenn sie im Nachteinsatz durchs Gelände robben, kommt keiner auf den Gedanken, es wäre nicht Ernst.

Wer da weiterhin behauptet, wir stünden in Afghanistan nicht im Krieg, macht sich der Wirklichkeitsverdrängung schuldig. Es ist kein klassischer Krieg, bei dem ein Botschafter in Frack und Zylinder förmlich die Kriegserklärung überreicht hätte. Gleichwohl ist es ein Krieg. Ein asymmetrischer Konflikt, ein Guerillakonflikt, den der Gegner mit primitiven Waffen führt, Minen, Mörsern, Raketen, Sprengfallen, Selbstmordattentätern. Die Soldaten, die nicht Stabsdienst tun, Instandsetzungsarbeit leisten, den Nachschub am Laufen halten oder die Aufklärungsfotos unserer Tornados auswerten, setzen Tag für Tag, Nacht für Nacht ihr Leben ein. Aber auch im Feldlager kann keiner sich seines Lebens sicher sein.

In Masar-i-Scharif habe ich gleich am ersten Tag einer achttägigen Expedition an den Hindukusch einen Raketenangriff erlebt nach einem Besuch bei dem starken Mann der Provinz Balkh, dem ehemaligen Mudschahedin-Kommandeur und nunmehrigen Gouverneur Mohammed Atta.

Der deutsche Verantwortungsbereich im Nordosten Afghanistans umfasst neun der 34 Provinzen des Landes, ist 160000 Quadratkilometer groß (fast halb so groß wie die Bundesrepublik), beherbergt 30 bis 40 Prozent der afghanischen Bevölkerung, die zahllosen Stammesverästelungen in 64 verschiedenen ethnischen Gruppen angehören; und grenzt an Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Pakistan und China (am Pamir hat Deutschland eine 76 Kilometer lange Militärgrenze mit der Volksrepublik).

Die Bundeswehr hat es in ihrer area of responsibility mit drei Kriegsherren zu tun, ehemaligen Mudschahedin jener Nordallianz, die Ende der 1980er die Sowjets aus dem Lande trieben und dann, Ende der 1990er, der Herrschaft der Taliban ein Ende bereitete: dem Usbekengeneral Raschid Dostum im Westen, dem mit Dostum verfeindeten Tadschikengeneral Mohammed Atta in der Mitte und Burhanuddin Rabbani im Osten (er starb vor wenigen Tagen). Keiner von ihnen hat je eine Kriegsakademie von innen gesehen; ihre Generalsterne haben sie sich im Kampf gegen die Russen und die paschtunischen Taliban erworben. Von Kabul, der Regierung des Präsidenten Hamid Karsai, halten sie herzlich wenig.

"Ich bin glücklich, dass sie hier sind. Sie bombardieren keine Zivilisten"

Mohammed Atta residiert hinter hohen Mauern in seinem schwer gesicherten Palast im Zentrum von Masar-i-Scharif. Der Gouverneur legt Wert auf seine goldenen Sterne: "Full rank General Atta Muhammad Noor" steht auf seiner Visitenkarte. Doch tritt er mir in seinem Amtszimmer, das eher einem schwülstig möblierten Salon gleicht, in Zivil gegenüber. Maßgeschneiderter Anzug, handgenähte Lackschuhe, eine teure Uhr am Handgelenk – mit seinem dunklen, sorgfältig gestutzten schwarzen Bart und seiner tiefen Stimme ist der Gouverneur eine eindrucksvolle Erscheinung. Aber auch eine zwielichtige Figur. In den Drogenhandel sei er verwickelt, heißt es in den Büros der internationalen Gemeinschaft.

Weltmännisch dankt Atta zunächst den Deutschen: "Ich bin glücklich, dass sie hier sind. Sie bringen humanitäre Hilfe und Sicherheit. Sie arbeiten mit uns. Sie bombardieren keine Zivilisten."