Er hat ja recht: Die Gala zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises anzuschauen war in etwa so unterhaltsam, wie einer Schüssel Frittenfett beim Kaltwerden zuzusehen, und die Trophäe haben die Preisverleiher ARD, ZDF, RTL und Sat.1 offenbar günstig bei Rudis Resterampe erworben. Doch darüber hinaus ist Marcel Reich-Ranickis Generalkritik des Fernsehens genauso plump, wie es viele seiner TV-Urteile über Bücher waren.

Aber warum sollte man auch einem TV-Kritiker trauen, der zum Schluss seiner Philippika dem größten Widersacher das Du anbietet? Denn wenn einer den angeblich so beklagenswerten Zustand des Fernsehens perfekt verkörpert, ist es Thomas Gottschalk. Die Zeitungen sind noch nicht im Altpapiercontainer, in denen der Moderator für seine letzte Wetten, dass ..?- Sendung als blondierter Herrenwitz geprügelt wurde. Die größte Prüfung bei der Kölner Preisgala waren auch nicht der Auftritt der von Reich-Ranicki so geschmähten Köche, sondern Gottschalks Laudatio auf den Ehrenpreisträger, bei der man mit dem Fremdschämen gar nicht hinterherkam. Wenn dies das Fernsehen ist, dem der große Alte den Ritterschlag seiner Gunst erweist, muss man seine weiteren Einlassungen auch nicht ernst nehmen.

Damit könnte die Sache erledigt sein – wenn sich in den kulturell verbrämten Attacken auf das Fernsehen nicht ein seltsam bildungsautoritärer, von keiner genauen Kenntnis des Mediums getrübter Gestus Bahn brechen würde. Die Handbewegung, mit der Reich-Ranicki zum TV-Star wurde, ist das wilde Herumfuchteln mit dem erhobenen Zeigefinger. Er missversteht das Fernsehen als Bildungsanstalt der Nation, in der er der Unterschicht die Leviten liest. Doch das Medium hat sich von solchen volkspädagogischen Vorstellungen, die es in seiner Frühzeit mal befeuert haben, längst emanzipiert. Zum Glück. Im Jahre 24 nach der Erfindung des Privatfernsehens ist die Macht über das Programm längst in den Händen der Zuschauer, die mit jedem Drücken der Fernbedienung ihr Geschmacksurteil fällen. In anderen Zusammenhängen nennt man das Demokratie.

Nach dem simplen Gesetz von Angebot und Nachfrage bekommt jeder das Programm, das er verdient. Deshalb gibt es das Fernsehen genauso wenig wie das deutsche Fernsehen. Es ist eine Grabbelkiste, vollgestopft mit Produkten made in USA und vielen anderen Ländern, in der sich unterschiedlichste Zielgruppen mitunter wahllos bedienen. Natürlich gibt es darin erbärmliche Ramschware – wie in jedem anderen Supermarkt auch. Aber daneben findet sich auch mehr Hochwertiges, als man je schauen könnte, Serien (vor allem die aus Amerika!), Filme, Dokumentationen, die eine Schule des Sehens sind in den Fächern Witz, Dramaturgie, Schauspiel und sogar Gesellschaftskunde.

Bei dieser Vielfalt führt eine simple Schwarz-Weiß-Kritik wie gut – schlecht, anspruchsvoll – blöd zu gar nichts. Wer die Qualität einer Sendung beurteilen will, braucht zunächst einmal sinnvolle Kriterien, und da ist die Quote nur eines unter vielen (für das öffentlich-rechtliche Fernsehen sollte sie eigentlich gar keines sein, aber das ist ein anderes Thema). Dieter Bohlen hätte in der Tat was falsch gemacht, wenn Marcel Reich-Ranicki seine Sendung gut fände. Das sagt aber gar nichts über die tatsächliche Güte von Deutschland sucht den Superstar. Denn in der als »Migrantenstadl« liebevoll verspotteten Castingshow erfährt man mitunter mehr über die Sehnsüchte und Lebenswirklichkeiten in diesem Land als in manchem Politmagazin. Man muss das nicht mögen, gut gemacht ist es trotzdem. Das kann man von den wenigen Kultursendungen im deutschen Fernsehen zum Beispiel nicht ohne Weiteres behaupten – weil sie ihrem eigenen Gegenstand oft misstrauen und keine TV-taugliche Form für dessen Sperrigkeit suchen. Heraus kommt ein Etikettenschwindel, der auf beiden Seiten die Preise verdirbt: Die echte Kultur-Aficionado fühlt sich veralbert, und der Kulturferne merkt gleich, dass ihm hier ein Kuckucksei untergeschoben werden soll.