Die Klassik-Platte Wie ein Meteor

Der frühe Klangpionier Charles Ives komponierte moderne Musik mit Durchschlagskraft

Was wäre dem alten Brahms zu diesen Klängen eingefallen, hätte er sie 1894 hören müssen? Man sieht ihn vor sich, wie er brummig über die spinnerten Kopfgeburten eines musikalischen Anarchisten lästert. Nur ein Wahnsinniger konnte auf die Idee kommen, einen Haufen armer Sänger minutenlang durch wüste Dissonanzen und in die hintersten Winkel eines chromatischen Labyrinths zu treiben, um dann wie zufällig in strahlendem C-Dur zu enden. Dieser Verrückte verschwendete keinen Gedanken daran, ob irgendjemand seine Psalmvertonungen überhaupt singen konnte.

Save me, O God, by thy name etwa, der 54. Psalm des amerikanischen Musik- und Klangpioniers Charles Ives, dürfte erstmals 1966, zwölf Jahre nach seinem Tod, erklungen sein. Dass Ives ihn Ende des 19. Jahrhunderts für eine mit Sicherheit hoffnungslos überforderte protestantische Gemeinde komponierte, zeigt, was der Mann von künstlerischen Kompromissen hielt. Ihm war es gleichgültig, dass seine frühen, zwischen 1894 und 1902 entstandenen Psalmen in seinem musikalischen Umfeld einschlagen mussten wie ein Meteor in einer Biedermeierstube. Jahrzehnte später schrieb er, es sei nicht entscheidend, dass die Musik gehört werde. »Wie sie klingt, muss ja nicht dem entsprechen, was sie ist.«

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Um 1900 glaubte Ives noch an eine Karriere als professioneller Komponist. Doch im Alter kommentierte er seinen Schwenk zum erfolgreichen Versicherungskaufmann, der nur noch in der Freizeit komponierte, mit der ihm eigenen Ironie: »Wenn ein Mann ohne Familie lebt, dann kann er Musik schreiben, die niemand spielen, veröffentlichen, hören oder kaufen muss. Doch wenn er eine feine Frau und feine Kinder hat, wie kann er es dann verantworten, dass seine Kinder möglicherweise an seinen Dissonanzen zugrunde gehen!« Ives wurde zu Lebzeiten so gut wie nicht gespielt. Als ihn die New York Times zum »Dichter, Visionär, Weisen und Seher« erhob, war er ein alter Mann, der seit Jahrzehnten nichts mehr geschrieben hatte. Nur die wenigsten konnten ihm auf seinem von Vierteltönen, bitonalen, polymetrischen und polyrhythmischen Schichtungen gepflasterten Weg folgen.

Doch Ives wollte keine »Betäubungsmittel« für »Schlappohren« komponieren, schon mit zwanzig nicht. Die in ihrer Kühnheit, Wucht und Eindringlichkeit großartigen, meist extrem schwierigen Psalmvertonungen – das SWR Vokalensemble Stuttgart intoniert sie unter Marcus Creed fantastisch – belegen das. Sie sind der erste Ausdruck dessen, was Ives musikalische Wahrheit nannte. Und hier lässt sich studieren, wo die Entwicklung begann, die in Werken wie der Concord-Sonate oder der Vierten Sinfonie gipfelte. Schon vor der Jahrhundertwende träumte der Urdemokrat Ives von der Gleichberechtigung aller Klänge, egal wie schön oder schräg sie immer sein mochten. Das machte ihn zu jenem Visionär, über den Strawinsky meinte, er habe sich in aller Ruhe darangemacht, »den zeitgenössischen Kuchen zu verzehren, ehe überhaupt sonst jemand am Tisch Platz gefunden hatte«.

Charles Ives: Psalms, SWR Vokalensemble Stuttgart; Leitung: Marcus Creed; hänssler classic

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 16.10.2008 Nr. 43
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    • Schlagworte Musik | Freizeit | Symphonie | Gleichberechtigung | New York | Stuttgart | Kinder
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