Endlich eine beruhigende Nachricht. Die Umsätze des deutschen Einzelhandels hätten sich positiv entwickelt, berichtete das Statistische Bundesamt genau zu jener Zeit, als die Schreckensszenarien auf den Finanzmärkten immer düsterer wurden. Doch die frohe Botschaft verlor schnell ihre Wirkung. Das Plus im August sei ein "Ausreißer", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Aufs gesamte Jahr betrachtet, werden die Umsätze des Einzelhandels schrumpfen. Nur wie kräftig, das ist derzeit noch die Frage.

Die Händler hoffen und bangen. Schon seit Jahren dümpeln ihre Umsätze vor sich hin. Immer wieder aber schöpften Konzern- und Ladenbesitzer neue Hoffnung: auf das nächste Weihnachtsgeschäft und – wenn das nicht lief – auf das nächste Jahr. 2008 sollte endlich die Wende bringen. Doch selten haben sich Ökonomen so verschätzt wie bei der Entwicklung des privaten Konsums. Er will einfach nicht anspringen. Hinzu kommt jetzt die Bankenkrise, von der noch niemand zu sagen vermag, ob und wie stark sie die reale Wirtschaft mit in den Abgrund reißen wird. Geben die Deutschen künftig noch weniger Geld aus als bislang schon, droht dem Handel als einem der größten Arbeitgeber im Lande ein Desaster.

Schon in den ersten acht Monaten schrumpfte der Umsatz der Branche im Vergleich zum Vorjahr – um nahezu ein Prozent. Fast keine Sparte blieb verschont. Wohl am heftigsten hat es den Modehandel getroffen. Woche für Woche dominieren im Fachblatt Textilwirtschaft die tiefroten Balken. Es geht bergab. Allein im September schrumpfte der Umsatz um drei Prozent. Und damit seien die Händler noch "glimpflich" davongekommen, kommentieren die Handelsexperten. Auch der Absatz von Schuhen leide unter der Konsumzurückhaltung in Deutschland, meldete der zuständige Branchenverband: "Daran ändern weder Lohn- und Gehaltszuwächse noch der Abbau der Arbeitslosigkeit etwas."

Besser erging es auch den Möbelhändlern nicht. Die verzeichneten im August das bisher schlechteste Geschäft im gesamten Jahr: minus sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Selbst das erfolgsverwöhnte Möbelhaus Ikea verlor in Deutschland an Schwung. Wegen sinkender Einkommen, steigender Energiekosten und Lebensmittelpreise gäben die Kunden inzwischen auch für die Einrichtung weniger Geld aus, begründete Petra Hesser, Geschäftsführerin von Ikea Deutschland, das geringere Wachstum.

Selbst der Bierkonsum ist drastisch gesunken

Sogar beim Einkauf von Lebensmitteln, die in Deutschland so günstig zu haben sind wie in keinem anderen Land Europas, sparten die Deutschen noch stärker als zuvor schon. Sie legten Margarine statt Butter und H-Milch statt der teureren Frischmilch in den Warenkorb. In Super- und Verbrauchermärkten brach der Umsatz im August um satte 4,5 Prozent ein, in Fachgeschäften sogar um 7,4 Prozent, berichtet das Statistische Bundesamt. Besonders bemerkenswert: Selbst der Bierkonsum ist drastisch gesunken. Und wer glaubt, dass wenigstens des Deutschen liebstes Gerät, das Auto, dem Sparzwang entkommt, der irrt. Inzwischen sind acht Millionen Fahrzeuge mit "gravierenden Mängeln unterwegs", teilte die Gesellschaft für Technische Überwachung jüngst mit. Der Zustand vieler älterer Pkw sei erschreckend.

Was ist los mit den Konsumenten? "Sie sparen wegen der Kostensteigerungen bei Energie, Benzin und Lebensmitteln stärker als je zuvor. Anderseits haben sie Zukunftsängste wegen der Rentensicherheit und der Gesundheitskosten", sagt Gerd Pieper, Präsident der Vereinigung der Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen. Direkte Auswirkungen der Finanzkrise seien im Handel derzeit aber noch nicht zu spüren. Das Wichtigste sei jetzt, Vertrauen zu schaffen. Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, lobt: "Die Konsumenten verhalten sich rationaler als viele Banker." Noch. Die Händler hätten Glück im Unglück, wenn sie das gesamte Jahr mit einem Minus von nur einem Prozent abschließen könnten.