Diese Geschichte beginnt mit den Zweifeln eines der mächtigsten Männer der Finanzwelt. Es ist der Montag dieser Woche, und an der Wall Street brennen die Börsenhändler gerade ein Kursfeuerwerk ab. Der Dow-Jones, der wichtigste Aktienindex der Welt, steigt unaufhörlich, genauso wie Stunden vorher bereits die Börsenkurse in Asien und Europa zugelegt haben. Der Mann führt eine der größten US-Banken, und den ganzen Tag über haben seine Mitarbeiter Szenarien durchgerechnet, immer wieder haben sie die Folgen der weltweiten Rettungspakete für die Finanzindustrie analysiert.

Der Mann sagt, er sei froh, dass jetzt endlich etwas geschehe. Dass die Regierungen aufgewacht seien. Jetzt, da die Börsen bereits die Rettung der Welt feiern, soll er die entscheidende Frage beantworten: ob seine Bank nun auch wieder Kredite an andere Banken vergebe? "Wir fangen damit in der Sekunde an, in der ich zu der Überzeugung gelange, dass ich mein Geld zurückbekomme", sagt der Mann. "Aber ich bin noch nicht endgültig überzeugt."

So hängt die Rettung der Welt nun davon ab, ob Leute wie er sich in den nächsten Tagen überzeugen lassen.

Es ist die größte Wette überhaupt. In einem gewaltigen Kraftakt bieten die führenden Industrienationen und eine Reihe kleinerer Länder alles auf, was sie haben, um die internationale Finanzkrise zu stoppen. Ihre Wirtschaftskraft. Ihr politisches Kapital. Vor allem aber ihre Glaubwürdigkeit. Gemeinsam spannen sie einen globalen Rettungsschirm für das Finanzsystem auf, der von den USA bis Australien reicht, von Saudi-Arabien bis Schweden. Auf einmal spricht in der Bankenwelt die Politik ein gewichtiges Wort mit. Regierungen halten Anteile an den Perlen des Kapitalismus: an Barclays und Lloyds TSB in London; an JP Morgan und an Goldman Sachs in New York; an Fortis und Dexia in Kontinentaleuropa.

Niemand mag sich in diesen Tagen ausmalen, was geschehen könnte, wenn die Wette nicht aufgeht – wenn sich die Märkte nicht dauerhaft beruhigen. Kein Banker mag öffentlich darüber nachdenken, kein Politiker darüber sprechen. Denn es gibt nicht mehr viel, was die Staatengemeinschaft dann noch tun könnte.

Die Wette läuft, und es ist ein Spiel unter höchst ungleichen Partnern. Auf der einen Seite stehen die Staaten. Sie gebieten über Etats und Armeen, Zinssätze und Aufsichtsbehörden. Aber sie müssen sich abstimmen, mit Interessengruppen und Parlamenten. Das macht sie schwerfällig. Die andere Seite umfasst Millionen von Bankern, Investoren und Sparern, die über die ganze Welt verstreut sind. Sie können innerhalb von Sekunden handeln, per Knopfdruck Milliarden bewegen, Aktienkurse und Währungen abstürzen lassen.

Dass es überhaupt so weit kommen musste, hat viel mit dem 15. September zu tun. Die Investmentbank Lehman Brothers kämpft an jenem Tag um ihre Existenz. Konservative US-Politiker drängen Finanzminister Henry Paulson, einmal nur ein Exempel zu statuieren, einmal nur eine große Bank pleitegehen zu lassen. Paulson gibt nach, Lehman meldet Konkurs an – und danach spielen die Märkte verrückt. Die Banken bunkern nun Geld; nicht mal solide Institute bekommen von anderen noch etwas geliehen. Ganze Volkswirtschaften wanken. Island kämpft gegen den Staatsbankrott, der Internationale Währungsfonds verhandelt mit der Ukraine und Ungarn, denen ein ähnliches Schicksal droht. Eine Abwärtsspirale erfasst die Welt.