Le Clézio leidet. Man kann es deutlich sehen. Sehr gerade, fast unbeweglich sitzt er im roten Sessel des Fernsehstudios, an den Füßen trägt er Sandalen aus Leder, langsam presst er die Worte aus sich heraus. Hin und wieder hat man das Gefühl, wenn die Stimme zu flattern beginnt, dass er einer Ohnmacht nahe ist. Das täuscht natürlich. Aber es verrät: Jean-Marie Gustave Le Clézio ist kein Redner. Er ist Schriftsteller. Er hasst die Geschwätzigkeit. Nein, er sei nicht auf der Flucht, nur weil er so viel reise, in vielen Ländern lebe. Wovor und vor allem wohin solle er fliehen? Er versteht die Frage nicht.

Er sitzt da, in einer Rolle, die ihm nicht behagt, und muss sich Beiträge ansehen über seine schriftstellerische Karriere, sein nomadisches Leben. "Ein Aussehen wie ein Filmstar", heißt es immer wieder, wenn es um den jungen Le Clézio geht, der mit 23 sein erstes Buch veröffentlicht. Er muss diesen Vergleich schon oft gehört haben, verzieht keine Miene. Er ist jetzt 68 und sieht noch immer gut aus. Inzwischen bezeichnen sie ihn gern als Cowboy. Aber der Sam Shepard der Literatur mag noch immer keine Kameras.

Zufall sei es, behauptet sein Verlag Gallimard, dass Le Clézio ausgerechnet in diesen Tagen in Paris ist. Er, der dort nie anzutreffen ist, der sie meidet wie kein anderer, die Hauptstadt der Geschwätzigkeit. Kurzer Zwischenstopp nach Südkorea, vor der Weiterreise nach Kanada.

Zufall? Dass sein abendlicher Fernsehauftritt eingeplant ist, just an dem Tag, als der Literaturnobelpreis verkündet wird, voraussehend eingeladen als Gast der Literatursendung La Grande Librairie? Am Morgen saß Le Clézio bereits im Radiostudio von France Inter. Der Moderator beschoss ihn mit Fragen, was es denn für ihn bedeuten würde, den Nobelpreis zu erhalten, was er in seiner Dankesrede sagen würde? Le Clézio hätte sich das verbitten können. Zu viele Konjunktive. Aber er antwortete, still und unaufgeregt, als wüsste er längst, dass es sein Name ist, der drei Stunden später über die Agenturen gehen wird.

Le Clézios Leser wissen, dass er in einer Welt ohne Zufälle lebt. Inzwischen hat man auch in Stockholm zugeben müssen, dass es "undichte Stellen" gab. Er kam deshalb für die Franzosen nicht wirklich überraschend, dieser Literaturnobelpreis, aber er kam wie gerufen: "Enfin!", titelte Le Figaro, na endlich! Vor einem Jahr noch hat das amerikanische Magazin Time auf seinem Cover die Kulturnation zu Grabe getragen. Dead of French culture war der Titel dieser kalten Abrechnung. Die unglückliche Vermählung von Kultur, Geld und Politik, der Bling-bling-Präsident, die gehauchten Lieder der First Lady, der ganze französische Untergang, für einen Augenblick scheint all das überwunden. "Mit großem Paukenschlag", so ließ Premierminister François Fillon wissen, sei "die These vom angeblichen Niedergang der französischen Kultur widerlegt".

In Deutschland mag man das nicht, diese Naturprosa à la Le Clézio, seine Beschwörung anderer Welten. Sie wird als Eskapismus abgetan, als Wirklichkeitsflucht. In Frankreich hingegen versteht man ihn als Globalisierungskritiker avant la lettre. Le Clézio hat immer schon das antikapitalistische Grundgefühl der Franzosen bedient. Seine Auszeichnung im Augenblick, da die Finanzmärkte zusammenbrechen, dient als Bestätigung. Sie wird als politisches Symbol gelesen. Dieser Nobelpreis, so urteilt Le Monde, zeichne einen Mann aus, "der seine Wut im Schreiben beruhigt hat, ohne dass sein Blick dabei angesichts einer materialistischen Flucht nach vorn seine Schärfe eingebüßt hat".

Le Clézio ist kein Produkt des französischen Literaturbetriebs, ist kein Gewächs von Saint-Germain-des-Prés, er ist das genaue Gegenstück dazu. Keiner, der weiter entfernt wäre von der Nabelschau der Pariser Kollegen. Niemand, dem die Tyrannei der Intimität fremder wäre, der weniger zu tun hätte mit diesem Zirkus und seinen traurigen Clowns, den Houellebecqs und Lévys.