Jö, dachte ich, ganz der Wiener, der ich bin, nachdem ich Botho Strauß’ Besprechung des einundachtzigsten Bandes der Heidegger-Gesamtausgabe gelesen hatte, jö, der deutsche Geist hat eine innere Uhr, und die zeigt auf die dreißiger Jahre. Ich bin auch oft vom deutschen Geist übermannt und helfe mir dagegen zum Beispiel mit Balzac. Johannes Willms zitiert am Anfang seiner Balzac-Biografie Goethe, der Balzac Übertretungen, Unvollkommenheiten und Extravaganzen vorwarf, und zwar mehr davon, "als es brauchte, um ein gutes Buch zu ramponieren, aber dennoch ist es unmöglich, darin nicht das Werk eines über den Durchschnitt gelegenen Talents zu erkennen und es nicht ohne Interesse zu lesen".

Nach Willms hätte dieses ambivalente Urteil "Balzacs Ruf bis heute verdunkelt". Ich glaube, dass Goethes Urteil ruhig stimmen mag, ohne dass es einen Ruf verdunkeln müsste: Dieses Unvollkommene in der Kunst macht vieles von dem aus, was man an der Moderne schätzen kann. Die Lage des Autors ist in der Moderne so prekär, wie sie es vorbildlich bei Balzac war: je weniger Geld, umso größer die Visionen und die Hoffnungen, die man erst im Rückblick vom Wahnsinn unterscheiden kann. Aber es ist nicht das Biografische, das Balzac beispielhaft macht. Nach Baudelaire verfügt Balzac über eine Methode, "die ihm gestattet, die pure Trivialität mit unfehlbarer Sicherheit in Licht und Purpur zu kleiden". Damit ist nicht die Verklärung des Trivialen gemeint, sondern die genaue Durchleuchtung der Trivialität, die in der Moderne das Leben der Menschen zumeist regiert. Der alt-deutsche Geist tut sich schwer damit; er glaubt, er kriegt die Trivialität los, indem er sie vor Publikum verachtet. Wenn irgendetwas Balzacs Ruf in der deutschen Kultur verdunkelt, dann ist es diese Verachtung der Moderne.

Der Diogenes Verlag tut vieles gegen die dunklen Seiten der deutschen Kultur. Das Baudelaire-Zitat steht in Claudia Schmölders/Daniel Keel (Hrsg.): Balzac (Leben und Werk; detebe 22661; Diogenes Verlag, Zürich 2007; 503 S., 12,90 €). In dem Band kann man – neben Texten von Victor Hugo, Oscar Wilde, Georges Simenon, Friedrich Dürrenmatt und anderen – auch einen Aufsatz von Hofmannsthal aus dem Jahre 1908 lesen, der so etwas Seltsames versucht, wie Balzac großartig zu finden und zugleich Goethe zu dienen. Ich habe nicht das Gefühl, dass der eine den anderen benötigt, aber Hofmannsthal will auf seinen Goethe nicht verzichten, wenn er klug von Balzac schreibt. Bei Goethe nämlich, so Hofmannsthal, ist schon der erste Vers, den man aufschlägt, etwas Wundervolles, während man bei Balzac "leicht auf drei oder vier langweilige, ermüdende Seiten" stößt. Ich muss zugeben, die Ambivalenz gegenüber Balzac hat ein Franzose, und zwar einer, der die Moderne an erster Stelle verkörpert, am schärfsten ausgesprochen – Flaubert: "Er suchte den Ruhm, aber nicht das Schöne." Und ist das nicht beispielhaft für das Leben in modernen Zeiten?

Nächste Woche erscheint an dieser Stelle "Kriminalroman" von Tobias Gohlis

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