Erzählung Sein PorträtSeite 5/5

Rabenwall stand noch immer dort. Leo sprang auf und trat zu ihm.
»Haben Sie getrunken?«, fragte Rabenwall. »Passt gar nicht zu Ihnen. Kommt das jetzt öfter vor?«
»Was mache ich falsch?«, fragte Leo.
Rabenwall zog die Brauen hoch.
»Was stimmt nicht?«, hörte sich Leo fragen. Der Raum drehte sich langsam um ihn; teils um sich festzuhalten, teils um ihn am Weggehen zu hindern, griff er nach Rabenwalls Oberarm. »Was kann ich tun?«
Rabenwalls Brauen wanderten höher in seine Stirn, er wollte zurückweichen, aber Leo hielt ihn fest.
»Ich glaube nicht, dass ich das Recht habe, Ihnen –«
»Sie wissen doch jetzt alles. Sie wissen mehr als irgendjemand. Was habe ich falsch gemacht?«
Rabenwall blickte forschend auf ihn herab. Seine Augenbrauen sanken auf die normale Höhe. »Nun, ich könnte allenfalls bemerken, dass Sie –«
»Herr Richter, vielen Dank! Das war wunderbar.«

Leo ließ Rabenwall los. Neben ihm standen zwei Damen vom Büchereiverband. Die eine hielt ihm einen knolligen Blumenstrauß hin.
»Sehen Sie«, sagte Rabenwall.
»Was denn?«, fragte Leo. »Wieso?«
»Eben«, sagte Rabenwall mit dünnem Lächeln und wich zurück, Leo wollte ihm nach, aber die beiden Frauen verstellten ihm den Weg, und er musste erst Antwort auf die Fragen geben, ob er vorhabe, auch einmal etwas Längeres zu schreiben, und ob er tagsüber arbeite oder nachts. Sie nickten, bedankten sich, ließen ihn ziehen, und Rabenwall war nicht mehr zu sehen. Der Fußboden schlingerte, die Blumen in Leos Händen dufteten süßlich.

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Auf der Heimfahrt überlegte er, ob er daraus eine Geschichte machen könnte. So hatte er es schließlich immer gehalten: Um mit den Dingen fertig zu werden, hatte er sie erfunden. Er lehnte den Kopf an die Fensterscheibe und starrte in die vorbeifliegende Dunkelheit. Am anderen Ende des Waggons stand ein dicker Mann und sah herüber. Leo war sich ziemlich sicher, dass es derselbe war wie vorhin; als wäre das hier ein Film mit geringem Budget oder als gingen seinem Erfinder schon die Ideen und das Interesse aus. Eine Geschichte darüber, wie es war, wenn einer ein Porträt über einen verfasste… Aber nein, Unsinn, darüber konnte er doch nicht schreiben, es lag zu nahe, bot keine Möglichkeit zur Umschöpfung, und außerdem: Wer würde so etwas schon drucken, wer würde es lesen wollen!

Daheim, jetzt schon halb nüchtern, öffnete er noch einmal die Fragenliste. Gegen Ende wurde sie immer wunderlicher: Es schien, als hätte Rabenwalls Neugier sich zuletzt auf sich selbst gerichtet, als wäre sie in eine Schleife geraten.

82) Als wir uns gegenübersaßen, dort im Kaffeehaus, warum missfiel Ihnen die Lage?
83) Weshalb haben Sie bis hierher gelesen?
84) Finden Sie mich sympathisch? Wenn ja, warum, wenn nein, warum eigentlich nicht?
85) Interessieren Sie sich auch für mich? Mein Leben war so uninteressant nicht, würde es Sie stören, hypothetisch gefragt, wenn ich Ihnen davon erzählte?
86) Halten Sie es auch manchmal für möglich, dass Sie selbst ein Platzhalter sind, ganz wie jene Platzhalter, die Sie sich aus der Not schaffen, um es dann Kunst zu nennen?
87) Ist Kunst immer eine solche Platzhalterschaft, oder gibt es auch eine substanziell andere?

Verwirrt ging Leo zu Bett. Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht von Karin, aber er rief nicht zurück, er war noch zu wütend. Wie hatte sie mit Rabenwall sprechen können, ohne ihn vorher zu fragen? Wie von selbst strich er mit der Hand über seinen Nacken. Doch da klebte kein Kaugummi, da würde nie wieder Kaugummi sein. Wenigstens das hatte er erreicht.

Fast schon im Schlaf kam ihm eine Erkenntnis, verschwommen bloß und halb schon geträumt. Dann wurde er für ein paar Sekunden wach, und was ihm eben noch wie die Auflösung aller Fragen vorgekommen war, sah jetzt aus wie Traumgewirr ohne Bedeutung. Er sank wieder hinab, und eine Frau, deren Gesicht er im Schatten nicht sehen konnte, hielt ihm ein Buch hin und bat: »Schreiben Sie: ›Für Leo Richter‹!« Aber noch während er gehorsam danach griff, dachte er, dass dies nun endgültig zu viel Spiegelung war: Schreiben, ja, aber nicht über mich, und keine Porträts, die davon handeln, wie ich schreibe, und schon gar nicht Geschichten, in denen ich Porträts erfinde, die von mir handeln, und für einen langen Moment fühlte Leo sich jenem Wesen nahe, das ihn und Rabenwall und viele andere zu Zwecken, die er nicht kannte, geschaffen hatte; dann wieder, im Auf und Ab des Einschlafens und wohl auch wegen eines draußen aufheulenden Motors, kam er erneut an die Oberfläche, verstand nicht mehr, was er gerade gedacht hatte, und wusste nur, dass er Karin am Morgen zurückrufen musste. Vielleicht würde er es schaffen, diesmal keine Fehler zu machen, vielleicht würde es mit ihr gelingen.

Dann kam ihm eine Idee, die so stark war, so ungewöhnlich, dass sich auf ihr wohl ein Roman aufbauen ließ, aber er war zu müde, um Licht zu machen und sie zu notieren, und sie erschien ihm so gut, dass er sich noch am nächsten Tag an sie erinnern würde – und doch wusste er schon halb, dass das nie so war und dass alle Einfälle des Halbschlafs nur für den Moment sind und am nächsten Morgen dahin. Er hörte sich noch etwas murmeln, aber er verstand es nicht mehr, denn nun hatte sein schon im Tageslicht nicht eben fest umrissenes Ich sich aufgelöst. In Dunkelheit und Schlaf. Leo Richter hatte endlich aufgehört zu sein.

 
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