Daniel Kehlmann Hilfe, ich werde porträtiert!Seite 5/5
Dann, eine Stunde war bereits vergangen, die Eröffnungsrede. Daniel Kehlmann trat im schwarzen Anzug auf die Bühne, blickte ernst und selbstbewusst ins Publikum, sagte mit fester Stimme, Brecht habe, er wolle es in Erinnerung rufen, dem Massenmörder Stalin gehuldigt. Und welches Glück wir doch alle hätten, dass die Welt nicht so geworden sei, wie er sie sich gewünscht habe, denn die seine würde keine freien Wahlen kennen und keine Meinungsfreiheit. Brecht sei nicht – eine unverhohlene Anspielung auf die Veranstaltung – das literarische Äquivalent zum Che-Guevara-Shirt. Warum stecke eigentlich, fragte er eindringlich ins Publikum hinein, bis heute so wenig Glorie darin, Anhänger der Demokratie zu sein?
Stürmischer, lang anhaltender Applaus. Ovationen. Albert Ostermaier stand von seinem Sitz in der ersten Reihe auf, wandte sich zum Publikum und strahlte, allerheftigst klatschend, in die Ränge, eine junge Frau eilte auf die Bühne und reichte Kehlmann einen knolligen Blumenstrauß. In der bald darauf folgenden Pause versammelte sich eine Traube von Theaterleuten und Zuschauern um Kehlmann. Kehlmann signierte Bücher, nahm von allen Seiten Glückwünsche zur Rede entgegen. Und eher zu sich selbst, wie im ironischen Scherz, nämlich recht fröhlich, sagte er, dass in der Kulturwelt niemand mehr irritiert werde und kein Skandal mehr möglich sei. Allgemeine Heiterkeit. Jemand umfasste seinen Oberarm, ein älterer Herr mit lauter Stimme. Er sei Augsburger! Und ein Bewunderer Brechts! Und ein Bewunderer Kehlmanns! Eine wunderbare Rede! Ob er sich vorstellen dürfe usw.
Mittlerweile hatte Daniel Kehlmann sein Buch Ruhm abgeschlossen. Ein Roman in neun Geschichten heißt es im Untertitel. Neun in sich geschlossene Geschichten, die doch miteinander verzahnt sind: Der Schriftsteller Leo Richter hält auf Auslandsreisen seine ihm peinvollen Lesungen ab. In einer anderen Geschichte rückt eine seiner literarischen Figuren ins Zentrum. Sie diskutiert lebhaft mit ihrem Schöpfer Leo Richter und wünscht sich einen anderen Handlungsverlauf. Es spukt in diesem Buch, selten nur wissen die Protagonisten, in welcher Wirklichkeit sie sich eigentlich befinden, doch sie ahnen, sie überschreiten beständig Schwellen, sie sind mal Erzählergott, dann wieder drohen sie in die Haut einer geknechteten Marionette zu fahren, einer literarischen Figur.
Daniel Kehlmann hat oft darüber gesprochen, dass er kein rechter Freund der deutschen Nachkriegsliteratur sei, sie habe stets gependelt zwischen sozialem Engagement und Lautpoesie. Er indes wolle nicht die Syntax brechen, sondern die Wirklichkeit, wie die Erzähler Südamerikas, wie Borges oder García Márquez, die an Kafka anknüpften und die Grenzen zwischen Tages- und Nachtwirklichkeit auflösten.
Ruhm ist eine unterhaltsame Fantasie über Struktur, ein Buch, das durch unerwartete Zusammenhänge eine Gesamtkomposition enthüllt und eine Welt, die fragil ist wie der Ruhm, von dem es handelt. Ein Schauspieler, weltberühmt, wird eines Tages von seinem Publikum nicht mehr erkannt, eine Schriftstellerin verschwindet in den Weiten Asiens. Letztlich sind dies Glücksmomente. Glück blitzt an Stellen in den Werken Daniel Kehlmanns und Leo Richters auf, wenn ihre Figuren mit all ihrem unstillbaren Begehren sich auflösen.
»Dieser Ehrgeiz überall, dieser Kampf, dieser Gestank nach Ehrgeiz!«, heißt es in Mahlers Zeit. »Man sollte rechtzeitig aufgeben. Darauf kommt alles an: rechtzeitig aufzugeben.« Der von Geltungssucht getriebene Reporter Sebastian Zöllner aus Ich und Kaminski blickt, nach den heftigsten Schicksalsschlägen, am Ende der Geschichte aufs Meer hinaus: »Der Himmel war niedrig und weit, allmählich löschten die Wellen meine Spuren aus. Die Flut kam.«
Daniel Kehlmann sagte während unserer ersten Begegnung im Kreuzberger Restaurant Grünfisch, dass Ruhm nur dann erträglich sei, wenn er, wie Misserfolg, mit Gleichmut behandelt werde. Vielleicht ist dies das heimliche Zentrum seines neuen Buchs. Und damit, so absurd es klingt, wäre ein funkelndes, ein wunderbar verspieltes Alterswerk gelungen, das sich über die Gier der Jugend erhebt und das vom Kampf gegen die Angst handelt, nur die Spielfigur im parasitären Blick eines anderen zu sein. Die Geliebte von Leo Richter fleht ihn, den Autor, an: »Mach dir kein Bild von mir. Steck mich nicht in eine Geschichte.« – »Aber das wärst ohnehin nicht du«, erwidert dieser. »Doch. Auch wenn es nicht ich bin, bin es ich. Das weißt du genau.«
Daniel Kehlmann gelang mit dem Roman "Die Vermessung der Welt" eines der erfolgreichsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. Es verkaufte sich weltweit rund zwei Millionen Mal. Im Januar erscheint sein neuer Roman, Ruhm.
- Datum 17.10.2008 - 15:57 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 16.10.2008 Nr. 43
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren