Buchmesse Ich bin 200 Bücher

Wenn eine ganze Bibliothek in die Jackentasche passt: Neuartige Lesegeräte bedrohen die Geschäftsmodelle von Verlagen und Buchhändlern.

Jeff Bezos scheint wieder einmal den richtigen Riecher für ein gutes Geschäft zu haben. Wie damals, in den neunziger Jahren, als er erkannte, dass das Internet zum größten Marktplatz der Welt heranwuchs. Als er den Onlineversandhändler Amazon gründete, Bücher mit der Post verschickte und damit die heile Welt der Buchhandlungen erschütterte.

Jetzt schlägt Bezos erneut die Brücke zwischen der alten Welt des bedruckten Papiers und der neuen digitalen. Die Zeit sei reif, das Buch neu zu erfinden, glaubt er. Also ließ er ein kleines Lesegerät bauen, das, von der Bibel bis zu Horrorromanen, von Gedichtsammlungen bis zu Fachbüchern, alles speichern und darstellen kann. Kindle heißt das Gerät, übersetzt bedeutet das »anzünden, inspirieren, entflammen« – und genau darum geht es Bezos. Er will die Welt für eine neue Art des Lesens entflammen, sie für elektronische Bücher begeistern. Und diese Begeisterung soll sich wie ein Lauffeuer verbreiten.

Vor allem aber soll sie ein Kulturgut verschwinden lassen, das seit Jahrhunderten unseren Alltag prägt. Das Ende des gedruckten Buches soll eingeläutet werden.

Vom Physischen zum Digitalen heißt eine Veranstaltung von Amazon auf der gerade eröffneten Frankfurter Buchmesse, und konsequenterweise will Bezos nicht persönlich erscheinen. Die nötige Aufmerksamkeit ist seinem Unternehmen ohnehin gewiss, der kleine Kindle ist das große Thema. In den heiligen Hallen des Literaturbetriebs herrschen Furcht und Unsicherheit vor dem, was passiert, wenn eines der ältesten Kulturgüter der Menschheit im Zeitalter des Digitalen ankommt: Verliert das Buch seine Seele, wenn es seinen Körper verliert? An Schreckensszenarien herrscht kein Mangel: leere Bücherregale in den Wohnzimmern. Tanten rätseln, was sie ihren Nichten und Neffen zum Geburtstag schenken sollen. Verlage, Autoren und Buchhändler haben keine Ahnung, auf welche Weise sie künftig ihr Geld verdienen sollen.

Oder? Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Amazon einen ähnlich epochalen Wandel einleitet wie einst Johannes Gutenberg mit seiner Druckerpresse. Freilich könnte dieser Wandel auch ganz anders ausgehen als befürchtet. »Revolutionäres Potenzial« habe das elektronische Buch, schreibt die Technologieberatung Gartner – und meint das ausdrücklich hoffnungsfroh.

Als Amazon den Kindle im vergangenen Jahr in den USA auf den Markt brachte, war er schnell vergriffen. Vielleicht führt die Begeisterung also zu einer Neuentdeckung des Lesens. Gut möglich, dass Geräte wie der Kindle eine Generation für Poesie und Romane einnehmen, die vor allem vor Bildschirmen aufgewachsen ist. Und vielleicht können sie ja auch die schier unüberwindbare Kluft zwischen herkömmlichen und digitalen Medien auflösen.

Schon heute vereint der Kindle beide Welten: Seine Besitzer können sich aus einer riesigen Internetbibliothek mit Büchern, Zeitungen und Magazinen bedienen. Diese Bibliothek ist stets auf dem neusten Stand. Sie lässt sich wie eine Festplatte durchsuchen. In ihr ist nie ein Buch »vergriffen«. Und dennoch können Leser ihre Lektüre fernab von surrenden Computerlüftern und flackernden Bildschirmen genießen, auf dem Sofa, am Strand oder im Zugabteil.

Auf den ersten Blick hat der Kindle so viel Seele wie ein Waffeleisen. Das Gerät steckt in einem billigen, weißen Plastikgehäuse, wiegt knapp 300 Gramm und ist kaum größer als ein Taschenbuch. Links ist der Kindle dicker als rechts, und wer ihn in der Hand hält, fühlt einen gummiartigen Bezug auf der Rückseite. Zwei große Tasten an den Seiten sollen ermöglichen, was man bisher »Umblättern« nannte. »Ein seltsames Gerät«, sagt der amerikanische Designer Mark Rolston. Kein Zufall, dass Amazon gerade an einem etwas gefälligerem Nachfolgemodell arbeitet. Auf dem Bildschirm erscheint die Liste der jeweils gespeicherten Titel. Bis zu 200 digitale Romane, Sachbücher, Lexika und sogar Zeitungen. Klick: Die Leiden des jungen Werthers. Klick: Der Da Vinci Code. Klick, klick, klick.

Auf den zweiten Blick wartet der Kindle mit einer technischen Revolution auf: Der Bildschirm besteht aus elektronischem Papier und lässt sich genauso gut lesen wie eine Buchseite – scharf und ohne Flimmern. Anders als ein Computermonitor braucht er keine Beleuchtung. Das spart so viel Strom, dass man tagelang lesen kann, ohne den Kindle an die Steckdose hängen zu müssen. Erfunden wurde das elektronische Papier von einem Forscher am Massachusetts Institute of Technology, jetzt erobert es erstmals den Alltag.

Dabei ist die Idee des elektronischen Buches keineswegs neu. Vor zehn Jahren stellte eine US-Firma auf der Buchmesse das Rocket-eBook vor. Die etwas pummelig aussehende Lesehilfe entsprach dem Zeitgeist, das Wörtchen »papierlos« war soeben zum Inbegriff des technischen Fortschritts avanciert. Doch nur wenige Verlage boten Bücher im Digitalformat an, und wenn sie es taten, mussten sich Leser die Dateien erst umständlich auf ihren Computer laden und von dort über ein Kabel auf das Lesegerät übertragen. Weil es einen herkömmlichen Bildschirm verwendete, machte der Akku des Rocket-eBook zudem schon nach wenigen Stunden schlapp.

Der zweite Anlauf scheint nun viel erfolgversprechender. Zwar verrät Amazon bislang keine Verkaufszahlen, unter Beobachtern geht aber die Schätzung um, die Firma könne bis Jahresende in den USA eine halbe Million Geräte verkauft haben. »Die Leistung des Unternehmens war es nicht allein, den Kindle auf den Markt zu bringen, sondern auch die Verlage davon zu überzeugen, ihr Programm über den Kindle-Store zu verkaufen«, sagt Allen Weiner von der Beratungsfirma Gartner. Kindle-Besitzer können mittlerweile mehr als 185.000 elektronische Bücher, Magazine und Zeitungen aus dem Onlineladen beziehen. Ob Indignation von Philip Roth oder Last Lecture, die Lehren des jüngst an Krebs gestorbenen Professors Randy Pausch – selbst Spitzentitel von der Bestsellerliste der New York Times kosten in der elektronischen Fassung umgerechnet nur gut sieben Euro, weniger als hierzulande ein Taschenbuch.

Zudem nutzt Amazon neue Mobilfunktechnik, um Bücher auszuliefern. Kunden können jederzeit in der Onlinebuchhandlung stöbern und in weniger als einer Minute einen neuen Titel herunterladen – egal, wo sie sich gerade aufhalten. Die Kosten dafür sind bereits im Buchpreis enthalten. All das funktioniert bislang freilich nur in den Vereinigten Staaten, denn nur dort ist der Kindle zu haben, für 359 Dollar. Wann Amazon auch Europa beliefern will, ist unklar. Gerüchte, pünktlich zur Buchmesse solle der Verkaufsstart in Deutschland bekannt gegeben werden, kommentiert Amazon nicht.

Selbst wenn der Kindle scheitern sollte, wird ein anderes Unternehmen die Neuentdeckung des Lesens vorantreiben. Der Elektronikkonzern Sony zeigte auf der Funkausstellung in Berlin kürzlich ein eigenes Lesegerät. Die Firma Polymer Vision will bald das handliche Readius verkaufen, dessen Display ebenfalls aus elektronischem Papier besteht, das sich sogar einrollen lässt. Plastic Logic entwickelt ein Gerät, das sich besonders für Zeitungsseiten eignet. Und die Deutsche Telekom testet unter dem Namen News4Me derzeit, wie sich Zeitungsartikel am besten übertragen lassen. »Wir wissen zwar, dass die Digitalisierung der Printmedien irgendwann kommen wird«, sagt Peter Möckel, Chef der Telekom-Forschungseinheit T-Labs. »Was die Leser von einer elektronischen Zeitung erwarten, müssen wir aber noch herausfinden.«

All diese Firmen haben jedoch ein großes Problem: Anders als Amazon haben sie keine Erfahrungen im Buch- oder gar Zeitungsgeschäft. Sie müssen erst eine passende Onlinebibliothek aufbauen und Verträge mit Verlagen schließen. Andererseits müssen auch Kindle-Besitzer mit drastischen Einschränkungen leben: Sie können neue Bücher bloß bei Amazon bestellen und auch nur auf dem Kindle lesen. Sollten sie sich eines Tages für ein anderes Gerät entscheiden, müssten sie sich ihre gesamte elektronische Bibliothek neu kaufen.

Die Technikdebatte übersieht, dass Bücher immer eine Sonderstellung hatten. Sie sind Wirtschafts-, vor allem aber Kulturgut. Wer sich auf eine Erzählstruktur oder Argumentationsfolge einlassen will, kann auf die Volltextsuche verzichten und wird die guten Seiten des klassischen Buches nach wie vor zu schätzen wissen. Allerdings ändert sich das persönliche Leseverhalten schon jetzt. Wer stärker auf Informationssuche ist, für den wird deshalb vermutlich der Kindle wichtig werden. Viele dürften künftig sowohl elektronische wie auch herkömmliche Bücher lesen. Auf Reisen etwa könnte schon das Gewicht herkömmlicher Bücher für die elektronische Variante sprechen. Die Entscheidung für oder gegen ein gedrucktes Werk wird wohl in Zukunft je nach Situation ganz unterschiedlich ausfallen.

Eines aber scheint sicher: Mit der Digitalisierung des Buches geht ein Zauber verloren, der seit Jahrhunderten wirkt. Oft nahm er grundlegenden Einfluss auf Gesellschaften. Wissen verbreitend, stürzte das Buch Herrschaftsverhältnisse um. Gedanken ausfaltend, änderte es Überzeugungen. Emotionen transportierend, ließ es schon immer Bilder im Kopf entstehen, wurde deswegen sogar selber zur Metapher des Lebens und zum Gegenstand der Literatur.

Francesca und Paolo können erzählen, was ein Buch vermag. Dantes Göttliche Komödie hat sie um 1320 als ein Paar ins Werk gesetzt, das beim gemeinsamen Lesen eines Buches über die Liebe auf den Geschmack kam: »Wir lasen eines Tages, uns zur Lust…« Um es abzukürzen: Schon bald wird viel geküsst, und verständlicherweise gerät das Buch bald zur Nebensache: »Wir lasen weiter nicht in jener Stunde.« Anselm Feuerbach hat diesen Zusammenhang mehr als ein halbes Jahrtausend später gemalt und dabei ins Bild gesetzt, was ein Buch ist. Die Finger von Francescas rechter Hand hat der Maler wie neugierige Lesezeichen zwischen die Seiten des Buches gesteckt, das aufgeschlagen auf beider Schoß liegt. Francescas Hand hat schon weit nach vorn geblättert, den Inhalt des Buches vorwegnehmend: Wie mag das nur ausgehen? Paolos Arm ist um sie gelegt, aber noch berühren seine Finger sie nicht. Die Szene ist aus einer Gegenwart der Erwartung in eine offene Zukunft hin ausgespannt. Ebenso wie Dantes Werk zeigt das Gemälde, dass die individuelle Geschichte und die eines Buches aufeinander einwirken, sich gegenseitig spürbaren Sinn geben.

Die Verbindung zwischen Menschen und Büchern ist auch sehr handfest. Als Alltagsgegenstand ist das Buch allgegenwärtig. Jeder Kaffeefleck auf einer Seite kann von einer persönlichen Erinnerung zeugen. Jeder Student kennt die Ikea-Besuche zum Kauf von Billy-Regalen, in die er Bücher stellen wird, teils als Schmuckstück, teils als Trophäensammlung des angelesenen Wissens. Wer hat sich noch nie gefragt, welches Buch man am besten dem neuen Kollegen schenken solle, wie teuer es denn sein dürfe und ob der neue Roman von Uwe Tellkamp nicht doch übertrieben wäre. Oder doch lieber auf Nummer sicher gehen, mit Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt, die sich 1,4 Millionen Mal verkauft hat?

In der Geschichte des Buches und des Lesens hat es jedenfalls immer eine besondere Rolle gespielt, dass ein Buch einem physisch so nahe kommt. Das hat viel mit seinem Material und Format, mit seiner Ästhetik zu tun. »Von allen Buchformaten waren zu allen Zeiten die am beliebtesten, die man bequem in der Hand halten konnte«, schreibt Alberto Manguel 1996 in seiner preisgekrönten Geschichte des Lesens. Leser möchten entweder »das ganze, physische Gewicht des Wissens in den Händen wiegen, die Pracht großzügiger Illustrationen bewundern oder aber ein handliches Taschenbuch bei sich tragen und mit ins Bett nehmen«. Buchformen, die körperlich den Bedürfnissen der lesenden Seele entsprächen, schreibt Manguel, hätten historisch Bestand. Aber natürlich kannte er den Kindle nicht. Und so stellt sich die Frage neu, was ein Buch eigentlich ausmacht.

Der Frage nach dem Wesen des Buches kann man sich auch vom Wahrnehmungsvorgang aus nähern. Etwas zu begreifen, das ist zwar zunächst geistig gemeint, aber das Wort spielt auf die Hände und Finger an, also auf etwas sehr Physisches. Es ist kaum erforscht, was beim Lesen eines herkömmlichen Buches im Kopf des Lesers geschieht. Fast scheint es, als wolle sich das Wesen des Buches der harten wissenschaftlichen Forschung entziehen.

Der Münchner Neurowissenschaftler Ernst Pöppel hat über die Neurobiologie des Lesens publiziert. Von der Wirkung des Buches aufs Gehirn, sagt er, verstehe er wenig, aber seine Überlegungen gestatten dennoch eine Annäherung, die sogar Dante verblüffend nahekommt. »Es gibt verschiedene Formen des Lesens«, meint Pöppel. Eine wäre etwa die pure Entnahme von Informationen aus einem Lehrbuch. Ein ganz anderer Prozess aber, sagt Pöppel, sei im Gehirn das Lesen, bei dem im Individuum innere Bilder entstehen, ein emotionaler Bezug, eine Nähe zum Ich. »Ich begreife vor allem dann, wenn diese Nähe hergestellt wird, wenn das Buch ein Teil meiner selbst wird.« Das kann man als eine Art Einverleibung durch Anfassen, Wahrnehmen, Deuten bezeichnen. Auf diese Weise, hat Pöppel beobachtet, könne beim Lesen eine individuelle Geschichte entstehen: die jeweils eigene Geschichte. Alle Sinne lesen mit. »Das gesamte Sensorium«, sagt Pöppel, werde angesprochen. Die Augen, natürlich. Aber ein Buch hat auch einen Geruch. Es liegt in den Händen. Sein Papier macht unter den Fingern Geräusche, und es bietet Widerstand. Das Buch hat, wenn es aufgeschlagen ist, zwei symmetrische Seiten, durch einen Satzspiegel gegliedert, der dem »natürlichen Atem der Seele« entspreche, den jeder Setzer kenne.

Das heißt nicht, dass die Bücherwelt immun ist gegen die Digitalisierung. Um die gedruckte Variante herum ist ein Kosmos entstanden, in dem selbst viele Buchfreunde offenbar auf das Physische verzichten können. Das illustriert etwa die Erfolgsgeschichte des Hörbuchs. Nahezu jeder neue Titel erscheint mittlerweile auch in einer hörbaren Fassung, ebenso wie zahlreiche Klassiker. Selbst ein so umfangreiches Werk wie die Buddenbrooks von Thomas Mann kann man sich anhören – ungekürzt auf 22 CDs. Das Internet entwickelt sich zu einem wichtigen Absatzkanal für Hörbücher. Im vergangenen Jahr haben die Deutschen dort 700.000 Hörbücher heruntergeladen, 53 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

»Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert«, sagt Karsten Weide von der Marktforschungsfirma IDC. Die Musik beispielsweise hat diese Entwicklung schon hinter sich. Schnell lernten die Menschen die neue Bequemlichkeit zu schätzen, die der technische Fortschritt brachte. MP3 ist heute das Standardformat für Musik. »Die Buchverlage sollten sich davor hüten, die gleichen Fehler zu machen«, sagt Tim Renner. Als ehemaliger Chef von Universal Music Deutschland hat er miterlebt, wie seine Branche den Einstieg in das Geschäft mit digitaler Musik verschlafen hat. Lange hätten sich Musikfirmen gegen legale Onlineangebote gewehrt, anstatt neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und als sie dann doch endlich Musik über das Internet verkauft haben, hätten sie ihren Kunden das Leben mit Kopierschutzsystemen und verschiedenen Dateiformaten schwer gemacht. »Das hat natürlich die Piraterie befeuert«, sagt er, »und das droht auch den Verlagen, wenn sie nicht mutiger sind.« Mutiger sein, das könne etwa bedeuten, elektronische Bücher auch kapitelweise anzubieten, vielleicht sogar noch, bevor sie gebunden erscheinen.

Und noch etwas können die Verleger aus den Fehlern der Musikfirmen lernen: Mach dich nie von einem Partner abhängig, sonst wirst du erpressbar. Die Musikbranche hat sich am Anfang allein auf Apple und seinen iTunes Store verlassen und sich damit einen mächtigen Partner geschaffen, der schnell die Preise diktieren konnte. Gegenwärtig ist Amazon auf dem besten Weg, sich zumindest in den USA eine ähnliche Stellung zu erarbeiten.

»Eine weitere zentrale Frage ist, ob elektronische Bücher in Deutschland ebenso wie in den USA zu einem deutlich niedrigeren Preis als die gedruckte Version angeboten werden«, sagt Berater Weide. »Bestehen die Verlage auf einer Buchpreisbindung für elektronische Bücher, könnte das die Entwicklung erheblich bremsen.« Das Gesetz schreibt vor, dass ein Buch in Deutschland überall zum selben Preis verkauft werden muss. Längst aber tobt ein Streit darüber, ob diese Vorschrift auch für elektronische Bücher gilt. Und, wenn ja, ob die digitalen Versionen nur untereinander oder auch im Verhältnis zu den gedruckten Ausgaben denselben Preis haben müssen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels will es notfalls auf ein Gerichtsverfahren ankommen lassen, um die Preisbindung für elektronische Bücher zu halten.

Helge Malchow, Verlegerischer Geschäftsführer bei Kiepenheuer & Witsch, fordert gebundene und identische Preise für alle Varianten, bis sich die hohen Investitionen amortisiert hätten, die der Aufbau eines neuen Marktes mit sich bringe. Derweil schaffen andere Fakten. Der Freiburger Herder Verlag bietet seit Mittwoch einige Dutzend elektronische Bücher für jeweils 1,19 Euro an. Bei dem auf Philosophie spezialisierten Felix Meiner Verlag aus Hamburg kostet die elektronische Version eines Buches 15 Prozent weniger als die gedruckte. Ob das zulasten der klassischen Exemplare gehe? Irgendetwas bleibe zwangsläufig auf der Strecke, sagt Verleger Manfred Meiner, »über kurz oder lang wird die Buchproduktion zurückgehen, so leid mir das tut«. Völlig freie Preise für elektronische Bücher dürften diesen Prozess beschleunigen. Aber können sich Einzelne dagegen wehren? »Es wäre falsch, den Markt über günstigere Preise öffnen zu wollen«, sagt Thomas Carl Schwoerer vom Campus Verlag. »Besser wäre es, die Vorteile des elektronischen Mediums hervorzuheben, etwa die bequeme Auslieferung oder Volltextsuche. Dann sehe ich die Chance, dass Verlage bis 2015 zehn Prozent ihres Umsatzes mit elektronischen Büchern machen.«

Der Bedarf ist jedenfalls vorhanden. Der prominente US-Ökonom Paul Krugman, der am Montag mit dem Nobelpreis für Wirtschaft geehrt wurde, hatte beispielsweise seinen Kindle dabei, als er im Frühjahr Europa bereiste. Die Bibliothek begleitet den Wissenschaftler – eine großartige Vorstellung für alle, die viel lesen und viel reisen. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch (an dem die Verlagsgruppe Holtzbrinck beteiligt ist, zu der auch die ZEIT gehört) hat bereits mehr als ein Dutzend Lektoren und andere Mitarbeiter mit Sony-Lesegeräten ausgestattet, um sie von den Papiermanuskripten zu befreien. Genauso könnten Lesegeräte eines Tages den Alltag von Schülern erleichtern, die bislang schwere und oft veraltete Bücher zwischen Schule und Zuhause hin- und herschleppen.

Forscher, Lektoren, Schüler. Sie stellen die Zielgruppe für elektronische Bücher und Lesegeräte dar, das lässt sich auch aus einer Umfrage des Springer Wissenschaftsverlages an mehreren Universitäten und Bibliotheken ableiten. Und sie werden auch die Grenze verschwimmen lassen zwischen Büchern und anderen Medien, die in erster Linie Informationen transportieren. Kein Zufall, dass sich unter den 20 meistverkauften Kindle-Titeln gleich zwei Zeitungen befinden: Die New York Times und das Wall Street Journal werden jeden Morgen digital ausgeliefert. Viele andere Magazine und Zeitungen erwägen ebenfalls eine elektronische Version für den Kindle, auch in Deutschland. Für sie geht es um einen neuen Vertriebsweg. Bisher war das Sache der Austräger, Kioskbesitzer – und Buchhändler.

Was aber wird dann mit den Buchhändlern? Die Preisbindung schützte die kleinen Händler vor den großen Ketten, die sie mit Dumpingpreisen spielend leicht aus dem Markt drängen könnten. Aber sie schützte auch die großen Ketten vor den neuen Konkurrenten aus dem Internet. »Wegen der Preisbindung haben die Kunden keinen finanziellen Vorteil, wenn sie im Internet kaufen«, sagt Nina Hugendubel. »Viele kommen sogar mit einer ausgedruckten Internetliste zu uns und schauen sich die Titel hier in der Buchhandlung erst mal an.«

Nina Hugendubel ist eine typische Großbuchhändlerin. In den späten Siebzigern kamen die Hugendubels auf die Idee, Sitzecken zum Schmökern in die Läden zu stellen. Damit setzten sie Maßstäbe, gleichwohl ist eine solche Großbuchhandlung auch nichts anderes als ein konventioneller Riesenschuhladen. Hier zählt Masse, aber wie lange noch? »In 50 Jahren gibt es keine Buchläden mehr«, behauptete knapp jeder vierte Fachbesucher auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr. Die neuen Lesegeräte kannten sie da noch nicht.

»Vor Amazon habe ich keine Angst, der Kindle wird den Buchhandel nicht in Schwierigkeiten bringen«, antwortet Hugendubel. »Neue Techniken haben uns immer bereichert, denken wir an Hörbücher oder die Verfilmungen vieler Bücher. Auch die Digitalisierung wird das gedruckte Buch nicht abschaffen.« Es klingt mehr nach Hoffnung als nach Überzeugung. Denn selbst wenn Hugendubel recht hätte, werden sich die Händler mit der neuen Technik auseinandersetzen müssen. Im vergangenen Jahr machten elektronische Bücher bereits zwei Prozent aller Neuerscheinungen auf der Frankfurter Buchmesse aus, in diesem Jahr dürften es deutlich mehr sein. »Die Buchhandlungen haben die Chance, ihre Stärken besser auszuspielen und sich zum Beispiel stärker auf Beratungen und Lesungen zu konzentrieren«, sagt Matthias Koeffler vom Branchenmagazin buchmarkt. Das Erlebnis, dem Autor persönlich zuzuhören, lässt sich nicht digitalisieren – in der Krise der Musikindustrie erfuhren schließlich auch Konzerte eine Renaissance. Der Kindle kann keine Autorenlesung simulieren, und selbst wenn Amazons Computer noch so genau wissen, was ein Kunde gern kauft: Wie sollen sie uns raten, was wir am besten unserer Großmutter schenken?

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Lesen Sie in der neuen Ausgabe von ZEIT Wissen ein Interview mit dem Musikmanager Tim Renner über die Chancen der Digitalisierung für die Buchverlage

 
Leser-Kommentare
    • Kokaid
    • 18.10.2008 um 19:31 Uhr

    ....und ein digitaler Profektor etwas anderes. Ich konnte diesen Artikel leider nicht zuende lesen da ich das Gerede über die Ästetik des Lesens und den besonderen Zauber des gebundenen Buches nicht ertragen habe. Dabei möchte ich diesen nicht anzweifeln, ich selbst liebe es ein Buch in die Hand zu nehmen und mich in den Geschichten darin zu vertiefen und die Realität zu vergessen.

    Es wird die Praxis sein die über Erfolg bzw. Mißerfolg eines solchen Gerätes entscheidet. Mal angenommen dass die Projektion wirklich so fortschrittlich ist, also dass der Bildschirm nicht flackert, die Anzeige nicht ruckelt beim Umblättern (so wie es selbst auf dem schnellsten Rechner in den gängigen Textformaten noch der Fall ist) und aus jedem Winkel gleich aussieht, so fallen mir auf Anhieb zig Argumente ein warum dieses Gerät kein Buch ersetzen kann. Zunächst einmal benötigt es Energie und wenn die Reise nur lang genug ist wird der Akku leer, dies kann mir mit einem Buch nicht passieren. Das Gerät wird anfällig gegenüber Stößen, Heißgetränken (was gibt es schöneres als Kaffeeflecken im Buch ;-) ) und Sand sein (wer liest nicht gerne am Strand ?)

    Im wissenschaftlichen Bereich könnte es interessant sein, wer jedoch wirklich mit Fachbüchern arbeitet kennt die Situation dass man vor drei verschiedenen Büchern sitzt und simultan mit den drei arbeiten und in einem noch ständig auf der Suche nach Formeln hin und herblättern muss. Ich bezweifel dass dies mit solch einem Gerät mit der gleichen Effizienz möglich ist. Ein Gerät dass es dann auch noch erlaubt schnell Anmerkung an den Rand zu schreiben... kennen wir schon, es nennt sich laptop bzw. netbook.

    Nun wird es bestimmt auch Vorteile haben, Fernfahrer z.Bsp. könnten mehr Literatur mitnehmen und man kann sich schnell neue Literatur besorgen, jedoch glaube ich kaum das die Menschen Lust haben, bevor sie sich mit ihrer Lektüre aufs Sofa legen, erst einmal das Ladegerät zu suchen...

    • Anonym
    • 18.10.2008 um 20:20 Uhr

    Es geht um die Inhalte - und ob diese auf Zellstoff gedruckt oder auf einem sogenannten ePaper abgebildet werden ist im Prinzip egal. Anstatt diese Technologie als Chance zu begreifen, ganz neue Dienste anzubieten die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können und die so selbstverständlich sein könnten wie der Kauf von Musik über's Internet heute, wird gebibbert. Nun ist der Literaturbetrieb bekannt dafür aus Herren mit schwarzen Rollkragenpullovern zu bestehen die den Wandel generell eher befürchten als begrüßen aber die sind dann selber schuld wenn sie diese Chance nicht ergreifen aus einem Verlag mehr zu machen als eine Setzstube die Bücher drucken lässt und dann an den Handel ausliefert. Selbiges gilt für Buchhändler. Lesen ist, so seltsam das klingt, etwas sehr soziales. Leser tauschen sich gerne über Bücher aus, treffen sich. In den USA ist das eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Und wer an die beinahe hysterisch zelebrierten Verkaufsstarts der Harry Potter Bände denkt wird sich des Eindrucks nicht erwehren können dass Bücher bei der heutigen Jugend eher beliebter sind als bei der vorherigen Generation (was übrigens auch die Zahlen der Branche belegen). Es gibt also keinen Grund für Unkenrufe. Die Buchhandlungen könnten also von einem reinen Lagerverkauf mit Kassierer zu einem sozialen Treffpunkt werden.

    Sobald die Geräte ausgereift und solide genug sind dass man nicht alle 2 Jahre ein neues kaufen muss leg ich mir sowas zu. Den raumgreifenden Bücherregalen trauere ich gewiss nicht nach.

    • Rellem
    • 18.10.2008 um 21:11 Uhr

    Hi @ll
    Das Ding hat seinen Reiz, aber ein paar handfeste Nachteile die da wären
    -DRM, wer garantiert das ein elektronisches Buch lange lebt?
    -Format, welches Datei-Format wird genutzt
    -ist dieses Format kompatibel?
    -ist es frei übertragbar?
    -kann ich E-Books frei verkaufen?
    Solange das nicht geklärt ist, keine Option für mich.
    Wünschen würde ich mir folgendes
    -dem gedruckten Buch liegt eine CD/whatever bei, die das E-Book enthält
    Das würde es mir erlauben das Buch zu kaufen und zu Hause zu lassen während ich die E-Version unterwegs lese.
    Gruss
    Rene

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    Solange die Verlage oder Buchhändler wie Amazon auf proprietäre Formate und DRM setzen werde ich mir kein E-Book kaufen.
    Man kann nur hoffen, dass es nicht genauso lange wie bei der Musikindustrie dauert bis die Vernunft einsetzt...

    Solange die Verlage oder Buchhändler wie Amazon auf proprietäre Formate und DRM setzen werde ich mir kein E-Book kaufen.
    Man kann nur hoffen, dass es nicht genauso lange wie bei der Musikindustrie dauert bis die Vernunft einsetzt...

  1. Ein Buch würde ich so nicht lesen wollen. Bei Fachbüchern mache ich gerne Notizen in die Bücher. Aber es gibt eine ganze Menge Dokumentation die nur als .pdf-Datei verfügbar ist. Mir ist es ein Grauen diese am PC lesen zu müssen. Gerade dafür erscheint mir so ein Gerät toll. Es macht Dokumente, die man sonst nur ortsgebunden lesen kann portabel.

  2. Solange die Verlage oder Buchhändler wie Amazon auf proprietäre Formate und DRM setzen werde ich mir kein E-Book kaufen.
    Man kann nur hoffen, dass es nicht genauso lange wie bei der Musikindustrie dauert bis die Vernunft einsetzt...

    Antwort auf "Ergänzung"
  3. Für mich hat dieses Gerät garkeinen Reiz. Ich bin 22 Jahre und will mit eine eigene Bibliothek aufbauen. Bücher haben einen ganz eigenen Charme, besonders antiquarische Bücher. Das kann kein digitales Buch bieten. Einzig für eine Reise stell ich es mir sehr praktisch vor aber es wird wohl eine ganze Zeit dauern, bis auch alte Werke digitalisiert sind. Dann könnte es für die Reise ganz nett sein aber sonst auf garkeinen Fall!!!!!!!!!!!!!!!

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    Da die alten Werke keinem Copyright unterliegen, sind sie schon lange digitaliserit: Googeln Sie nach "projekt gutenberg"

    Da die alten Werke keinem Copyright unterliegen, sind sie schon lange digitaliserit: Googeln Sie nach "projekt gutenberg"

    • Tomy
    • 18.10.2008 um 22:52 Uhr

    Ich liege abends im Bett und lese. Der Geruch der Druckerschwärze umspühlt meine Nase. Das Gefühl, von Papier, melden mir meine Finger, wenn ich um blättere, das Bändchen, was mein Lesezeichen ist, fühlt sich gut an. Alles das soll ich eintauschen? Nein, danke. Tomy.

  4. Da die alten Werke keinem Copyright unterliegen, sind sie schon lange digitaliserit: Googeln Sie nach "projekt gutenberg"

    Antwort auf "Keinen Reiz"

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