Buchmesse "Niemand wird das Buch abschaffen"

Produktdesigner Mark Rolston über hässliche Lesegeräte, falsche Versprechungen und die Zukunft des gedruckten Wortes

Die ZEIT: Amazons Lesegerät Kindle ist hässlich wie die Nacht. Warum eigentlich?

Mark Rolston: Das würden wir alle gern wissen. Der Kindle ist ein seltsames Gerät, das die Technik sehr hervorhebt und dabei den Blick auf das verstellt, was wirklich gut daran ist. Er kann Bücher aus der Luft empfangen, das ist fantastisch. Man kann eine ganze Menge Bücher gleichzeitig bei sich haben. Das ist ein echter Durchbruch.

ZEIT: Aber der Kindle ist unförmig, hat eine Minitastatur und ein Rädchen zum Steuern. So etwas war doch in den Achtzigern modern.

Rolston: Ja, das trifft es ziemlich gut.

ZEIT: Im Internet tauchten jetzt Fotos auf, die angeblich das Nachfolgemodell zeigen. Der neue Kindle hat runde Konturen und Tasten, sieht ansonsten aber fast gleich aus. Was halten Sie davon?

Rolston: Wir sollten nicht darüber streiten, ob das nun gelungen ist oder nicht. Sie haben versucht, dasselbe Gehäuse etwas sanfter zu gestalten. Wenn sie eine große Zahl Menschen erreichen wollten, die gerade über elektronische Bücher nachdenken, dann haben sie eine Chance verpasst. Apple macht so etwas übrigens besser. Die gehen mit einem Produkt erst an den Markt, wenn sie die Vorteile für die Verbraucher ganz genau herausgearbeitet haben.

ZEIT: Wie sollte ein gutes Lesegerät denn aussehen? Wie ein richtiges Buch, faltbar in der Mitte, eine Seite rechts und eine links?

Rolston: Bücher sind viele Hundert Jahre alt, und mit diesem gewaltigen Vermächtnis muss man arbeiten. Man muss sie sehr behutsam neu interpretieren, ohne einfach nur die Vergangenheit zu kopieren. Auch beim Auto wurden anfangs viele Fehler gemacht, die ersten Modelle sahen aus wie eine Kutsche ohne Pferd.

ZEIT: Was sollte denn in jedem Fall bewahrt werden?

Rolston: Das Wunderbare am Buch ist seine einzigartige Verbindung zum Menschen. Es ist einfach und deutlich. Beim Lesen wird der vordere Teil dicker, während der hintere abnimmt. Das vermittelt ein starkes Gefühl von Fortschritt. Man muss versuchen, solche Gefühle in eine digitale Form zu überführen. Ein Lesegerät muss einem Buch sehr ähnlich sein, aber nicht im wörtlichen Sinn.

ZEIT: Werden Lesegeräte das Buch eines Tages ablösen? So wie es der iPod mit der CD macht?

Rolston: Die Idee vom Ende des Buches ist lächerlich. Niemand wird das Buch abschaffen. Bücher sind billig, sie sind zeitlos und unempfindlich gegenüber technischen Veränderungen. Wir müssen das Buch nicht abschaffen, sondern es ergänzen. Magazinen geht es ja auch einigermaßen gut, obwohl es das Internet gibt. Digitale Bücher werden neben den gedruckten existieren.

ZEIT: Welche Rolle spielt Design ganz allgemein für den Erfolg von Unterhaltungselektronik?

Rolston: Ohne gutes Design können Sie heute kein Produkt mehr erfolgreich auf den Markt bringen. Vor 20 Jahren ging es vor allem um die äußere Form eines Gegenstands. Heute ist wichtig, wie er mit den Konsumenten kommuniziert. Es gibt viele Produkte, die große Versprechungen machen, aber diese kaum einlösen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Rolston: Nehmen Sie den Microsoft Zune…

ZEIT: …den MP3-Player, mit dem Microsoft gegen Apples iPod antreten wollte.

Rolston: Er versprach, dass sich Menschen leicht verbinden und Musik tauschen konnten. Am Ende stellte sich das aber als sehr schwierig heraus. Teilweise aus rechtlichen Gründen, aber auch schon deshalb, weil es schwierig war, andere Zune-Besitzer zu finden. Ein weiteres Beispiel sind Handys, die angepriesen werden als Assistenten für das digitale Leben. Die meisten Menschen wollen aber nur telefonieren, weil es ihnen zu mühselig ist, mit einem Telefon eine E-Mail zu schreiben. Das galt zumindest, bis das iPhone rauskam.

ZEIT: Viele Geräte sind heutzutage ein Zwischending – halb Telefon oder Buch, halb Computer. Was bedeutet das für das Design?

Rolston: Software ist ein sehr bedeutender Teil unserer Arbeit. Jedes Produkt hat heutzutage neben seiner physischen auch eine virtuelle Seite. Software treibt die Entwicklung neuer Produkte voran. Sie ist der wichtigste Weg, um Kunden anzusprechen.

ZEIT: Also sind Designer auch Softwareexperten?

Rolston: Ich denke schon. Software ermöglicht so großartige Dinge wie das iPhone, dabei ist sie eigentlich immer noch recht primitiv. Für uns Designer ist das eine neue Erfahrung, ähnlich wie beim Industriedesign in den sechziger Jahren. Es kommt vor allem darauf an, eine Geschichte zu erzählen. Herkömmliches Design dreht sich darum, wie man Produkte benutzt. Bei einem Toaster muss ich beispielsweise erkennen, wie ich Brot hineinstecke, wie ich ihn einschalte und woran ich sehe, wann es fertig ist.

ZEIT: Und wo bitte ist da die Geschichte?

Rolston: Auch ein Toaster erzählt eine Geschichte. Warum Sie nämlich dieses Gerät kaufen sollen, wenn es neben anderen Geräten im Ladenregal steht.

ZEIT: Hmm.

Rolston: Aber sehen Sie sich moderne Mobiltelefone mit berührungsempfindlichen Bildschirmen an. Wenn die im Ladenregal liegen, verraten sie einem gar nichts darüber, was man alles mit ihnen machen kann. Als Designer müssen wir Hinweise schaffen, die diese Geräte in irgendeiner Weise mit den Kunden verbinden. Da kann man nicht so traditionell arbeiten wie beispielsweise mit Autos. Ein schnelles Auto sieht auch schnell aus, da kann man Anleihen bei manchen Tieren nehmen. Aber ein Mobiltelefon kann sich von einem Spielgerät in ein Handy für Geschäftsleute verwandeln, wenn man nur eine Software aufspielt. Diese Geschichte zu erzählen ist die wahre Herausforderung.

ZEIT: Und wie lautet die Geschichte zum elektronischen Buch?

Rolston: Wir dürfen uns nicht zu sehr dem echten Buch annähern. Kein simulierter Buchstabe kann so gut sein wie ein echter. Wir müssen zurücktreten und das Gerät selbst vergessen machen. Daran ist der Kindle gescheitert. Man denkt ständig, dass man gerade einen kleinen Computer benutzt.

ZEIT: Und wie wird das Buch in zehn Jahren aussehen? Digital, teils zum Lesen, teils zum Hören, teils mit Videos?

Rolston: Solche Dinge wird es sicher geben. Aber es gibt auch einen Grund dafür, dass das geschriebene Medium immer noch funktioniert. Das gedruckte Wort erlaubt es, Ihre Vorstellungskraft zu nutzen. Längst nicht jedes Buch wurde verfilmt, obwohl das technisch möglich wäre. Bei manchen Büchern würden Videoelemente sicher sinnvoll sein, etwa bei Gebrauchsanleitungen. Wenn man länger darüber nachdenkt, redet man aber letztlich nicht mehr nur über elektronische Bücher, sondern über einen universellen Computer für beliebig viele Zwecke.

ZEIT: Ein Gerät für alles?

Rolston: Die Frage nach der Zukunft der elektronischen Bücher ist zu kurz gegriffen. Software ist sehr flexibel und kann ein Gerät zu dem machen, was der Verbraucher gerade möchte, wann, wo und wie er will. Das treibt die Entwicklung voran und bestimmt, welche Geräte wir künftig nutzen werden. Und das werden nicht jene sein, die nur einen Zweck erfüllen.

Die Fragen stellte Marcus Rohwetter

Mark Rolston ist Kreativchef von Frog Design in San Francisco. Das Unternehmen wurde 1969 von dem Deutschen Hartmut Esslinger gegründet und ist heute eine internationale Designfirma mit mehr als 400 Mitarbeitern. Frog arbeitet unter anderem für Microsoft, Yahoo, Dell und Sony

 
Leser-Kommentare
  1. Auch ich war gestern wegen zweier Lesungen auf der Frankfurter Buchmesse. Angesichts der Prognosen der Verkaufszahlen vieler Verlage sollte man sich um die Zukunft des gedruckten Wortes keinerlei Sorgen machen. Während meine pubertierenden Kinder einerseits genau in die Zielgruppe der Lesegeräte-Anbieter gehören, mache ich hier seit geraumer Zeit aus, daß sie sich eher gegenläufig dieses so gefürchteten Trends bewegen. Wie sagte meine Tochter doch so schön: Papi, ich will das Umblättern der Seiten fühlen! Eine durchaus beruhigende Aussage einer 15-jährigen, der ich bisher die Elektrokaufsucht finanziere.
    Deshalb - gemach, gemach.

  2. für den Doppeltext, der mir leider unerklärlich ist. Vermutlich ein falsch gesetztes Zeichen. Eine Änderungsmöglichkeit ist mir nicht ersichtlich.
    Analogist

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service