In Bhalaswa, einem Slum am Rande der indischen Hauptstadt Neu-Delhi, bezogen 100 Familien Anfang Oktober neue solide Steinhäuser. Bei der feierlichen Einweihung dankten sie herzlich dem Co-Sponsor ihrer neuen Heime: Richard S. Fuld Jr., bis vor Kurzem Chef von Lehman Brothers. 50000 Dollar hatte die Investmentbank nach Indien gespendet. Am Tag der Schlüsselübergabe in Bhalaswa saß Fuld vor einem Kongressausschuss in Washington und musste aufgebrachten Abgeordneten erklären, wie er innerhalb von acht Jahren eine halbe Milliarde Dollar verdienen und dann die gesamte Bank in den Bankrott habe führen können. »Wenigstens das Wohnprojekt in Delhis Hinterhof hat Lehman noch hinbekommen«, schrieb die Tageszeitung Indian Express.

Nun muss man sich um Fulds materielle Zukunft offensichtlich keine Sorgen machen. Wirklich bedrohlich ist die Finanzkrise für die Menschen in den Entwicklungsländern, jenen Regionen also, die am stärksten von den anderen beiden großen Krisen betroffen sind: Erderwärmung und Hunger. Was also bedeutet der Einbruch auf den Finanzmärkten für die Bekämpfung der Armut und des Klimawandels?

Die Angst hat sich inzwischen von den Börsen auch auf Hilfs- und Umweltorganisationen ausgeweitet. Die Vereinten Nationen, das Internationale Rote Kreuz, Oxfam, Brot für die Welt – sie alle warnen vor einem drastischen Einbruch bei Spenden und Hilfsgeldern. Private Großspender wie Lehman Brothers, dasvergangenes Jahr noch 40 Millionen Dollar an soziale Projekte in aller Welt verteilte, sind inzwischen pleite. Regierungen kündigen, nachdem sie gigantische Rettungspakete für die Banken geschnürt haben, mehr Sparsamkeit bei der Entwicklungspolitik an. »Wer jetzt noch mehr Geld für Entwicklung verspricht«, erklärte Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner bei der UN-Generalversammlung Ende September, »der lügt.«

Ähnliches fürchten Umweltexperten. Klimaschutz ist langfristig die lohnendste Investition überhaupt – kurzfristig aber ist er teuer.

Offen sagen würde es keiner, aber tatsächlich kommt manch einem die Finanzkrise durchaus gelegen; allen voran den europäischen Industrieverbänden. Die mobilisieren seit Wochen schon gegen die EU-Klimapolitik und den europaweiten Emissionshandel, den die EU-Kommission einführen will, um den CO₂-Ausstoß Europas zu verringern und so die Klimakatastrophe zu verhindern. In diesen Tagen sollen entsprechende Gesetzesvorschläge vom EU-Parlament und dem Rat verabschiedet werden.

Spätestens im Dezember, so der optimistische Plan, könnten die Europäer ein wirksames Konzept verabschieden und damit bei den UN-Klimaverhandlungen 2009 den Ton angeben und auch andere Länder zum Handeln drängen. Doch der Zeitplan ist knapp bemessen, und genau da setzt die Salamitaktik der Industrieverbände an. Sie hoffen darauf, die Entscheidungen vertagen zu können. Und dafür liefert ihnen die Aktualität zusätzliche Argumente. »Gerade vor dem Hintergrund der Finanzmarktkrise muss alles unterlassen werden, was Jobs gefährdet. Der Vorschlag der Kommission kostet Hunderttausende Arbeitsplätze«, wettern der Bundesverband der Deutschen Industrie und sein italienischer Partner Confindustria.

Zwar werden die Horrorzahlen nicht belegt. Doch wen kümmert das in derart unruhigen Zeiten? »Die Vorstellung, dass der europäische Emissionshandel verschoben werden könnte, ist gruselig«, warnt Klaus Milke von der Klimainitiative Germanwatch und plädiert: »Wir sollten viel mehr aus der Finanzkrise lernen, das nächste Risiko frühzeitiger zu beseitigen. Denn von allein verschwindet es ja nicht.«