Es dürfte nicht viele große Dichter geben, die in der internationalem Aufmerksamkeit so hoch gestiegen und dann so rasch vergessen worden sind wie Nâzm Hikmet. Der späte Ruhm aufgrund einer Vereinnahmung durch die Kommunisten hat ihm mehr geschadet als genützt. Höchste Zeit, ihn wiederzuentdecken. Denn die scheinbar ausgestorbene Spezies des sozialistischen Dichters erweist sich ja gerade in diesen Tagen als überraschend lebendig.

Der 1902 geborene Nâzm Hikmet hat in seiner Zeit und ihren politischen Überzeugungen gelebt wie nur wenige Autoren seiner Größe. Sechzehn Jahre seines 62-jährigen Lebens verbrachte er im Gefängnis, mindestens dreizehn Jahre als Exilant in Osteuropa. In Nâzm Hikmet vereinen sich Mystizismus und Kommunismus in einer Weise, wie sie nur im Orient denkbar ist. Die liedhafte, immer zur Rezitation drängende klassische Sprache der mystischen Dichtung des Orients, die Nâzm als Kind ins Blut überging, findet sich noch in jenen Versen, die sonst keine Affinitäten zur osmanischen Tradition aufweisen. Der Mystizismus erlaubt dem Dichter die pantheistische Feier der Schöpfung und zugleich ein kosmisches Mitgefühl mit allen Geschöpfen. Es ist dieses Mitgefühl, das die Mystik Nâzms anschlussfähig macht an den Sozialismus.

Die Begegnung mit der brodelnden Intellektuellenszene im Moskau der zwanziger Jahre ließ den klassisch gebildeten, empfindsamen jungen Mann zum Erneuerer der türkischen Lyrik werden. Innerhalb von wenigen Jahren zerfiel die osmanische Diwan-Dichtung zu Staub, zermahlen von der Ästhetik der Futuristen, die Hikmet mit der überlieferten türkischen Sprachmelodie neu auflud: "Nicht drei oder vier / Nicht fünfzehn – / Dreißig Millionen / Hungernde /Haben wir // Wir haben sie! / Sie / Haben uns! / Das Meer / Hat Wogen! / Wogen haben das Meer!"

Man könnte Nâzm einen Brecht nennen – einen mit heißblütiger Seele

Nâzm Hikmet zu lesen kommt mit der Wucht einer Offenbarung über den Leser. Stimmt, erinnert man sich, es gab einmal Engagement, ein höchst berechtigtes sogar! Und es gab einmal eine Sprache dafür, die nicht nur echte Lyrik sein wollte, sondern eine Aussage hatte, kämpferisch war, die Menschen ansprechen konnte. Man könnte Nâzm einen Bert Brecht nennen, aber er ist ein besserer Brecht, mit einer heißblütigeren und ebendarum poetischeren Seele. Von reiner Propaganda ist in dieser Ausgabe nichts zu spüren. Stattdessen finden wir auch unpolitische Texte, in denen Nâzms Beobachtungsgabe mit seiner melodischen, mit häufigen Wiederholungen arbeitenden lyrischen Technik eine hochemotionale Verbindung eingeht, die, nicht zuletzt dank der Nachdichtung von Gisela Kraft, heute noch lehren kann, was Lyrik vermag.

Es gibt mehr von Hikmet als "nur" die Gedichte. Kurz vor seinem Tod hatte er einen autobiografisch geprägten Roman vollendet. Das Buch, jetzt wieder aufgelegt, ist ein Jahrhundertbuch. Es entführt uns an drei Orte, in drei Zeiten und Lebensphasen zugleich. Die Kapitel werden anhand der "Striche" gezählt, die der Erzähler Ahmet (alias Ismail) in die Mauern seiner Gefängniszellen sowie in die Tür der Hütte ritzt, in der er sich versteckt, um die Inkubationszeit einer befürchteten Tollwut abzuwarten.

Der Prosatext steht an Dichte Hikmets Lyrik in nichts nach, erzählt aber deren Hintergründe. Das Leben der ersten kommunistischen Gaststudenten in Moskau erinnert an Benjamins Moskauer Tagebuch. Die Katastrophen deuten sich an: die Ungewissheit nach dem plötzlichen Tod Lenins, an dessen Leichnam Hikmet Wache steht, und die Bedrohungen, welche die jungen Sozialisten nach der Rückkehr in die Heimat erwarten.