Sprechen mit der Wucht der Offenbarung

Nâzm Hikmet und Ahmet Hamdi Tanpnar, die beiden Klassiker der türkischen Literatur der Moderne, sind endlich auch in Deutschland zu entdecken Von Stefan Weidner von Weidner

Es dürfte nicht viele große Dichter geben, die in der internationalem Aufmerksamkeit so hoch gestiegen und dann so rasch vergessen worden sind wie Nâzm Hikmet. Der späte Ruhm aufgrund einer Vereinnahmung durch die Kommunisten hat ihm mehr geschadet als genützt. Höchste Zeit, ihn wiederzuentdecken. Denn die scheinbar ausgestorbene Spezies des sozialistischen Dichters erweist sich ja gerade in diesen Tagen als überraschend lebendig.

Der 1902 geborene Nâzm Hikmet hat in seiner Zeit und ihren politischen Überzeugungen gelebt wie nur wenige Autoren seiner Größe. Sechzehn Jahre seines 62-jährigen Lebens verbrachte er im Gefängnis, mindestens dreizehn Jahre als Exilant in Osteuropa. In Nâzm Hikmet vereinen sich Mystizismus und Kommunismus in einer Weise, wie sie nur im Orient denkbar ist. Die liedhafte, immer zur Rezitation drängende klassische Sprache der mystischen Dichtung des Orients, die Nâzm als Kind ins Blut überging, findet sich noch in jenen Versen, die sonst keine Affinitäten zur osmanischen Tradition aufweisen. Der Mystizismus erlaubt dem Dichter die pantheistische Feier der Schöpfung und zugleich ein kosmisches Mitgefühl mit allen Geschöpfen. Es ist dieses Mitgefühl, das die Mystik Nâzms anschlussfähig macht an den Sozialismus.

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Die Begegnung mit der brodelnden Intellektuellenszene im Moskau der zwanziger Jahre ließ den klassisch gebildeten, empfindsamen jungen Mann zum Erneuerer der türkischen Lyrik werden. Innerhalb von wenigen Jahren zerfiel die osmanische Diwan-Dichtung zu Staub, zermahlen von der Ästhetik der Futuristen, die Hikmet mit der überlieferten türkischen Sprachmelodie neu auflud: "Nicht drei oder vier / Nicht fünfzehn – / Dreißig Millionen / Hungernde /Haben wir // Wir haben sie! / Sie / Haben uns! / Das Meer / Hat Wogen! / Wogen haben das Meer!"

Man könnte Nâzm einen Brecht nennen – einen mit heißblütiger Seele

Nâzm Hikmet zu lesen kommt mit der Wucht einer Offenbarung über den Leser. Stimmt, erinnert man sich, es gab einmal Engagement, ein höchst berechtigtes sogar! Und es gab einmal eine Sprache dafür, die nicht nur echte Lyrik sein wollte, sondern eine Aussage hatte, kämpferisch war, die Menschen ansprechen konnte. Man könnte Nâzm einen Bert Brecht nennen, aber er ist ein besserer Brecht, mit einer heißblütigeren und ebendarum poetischeren Seele. Von reiner Propaganda ist in dieser Ausgabe nichts zu spüren. Stattdessen finden wir auch unpolitische Texte, in denen Nâzms Beobachtungsgabe mit seiner melodischen, mit häufigen Wiederholungen arbeitenden lyrischen Technik eine hochemotionale Verbindung eingeht, die, nicht zuletzt dank der Nachdichtung von Gisela Kraft, heute noch lehren kann, was Lyrik vermag.

Es gibt mehr von Hikmet als "nur" die Gedichte. Kurz vor seinem Tod hatte er einen autobiografisch geprägten Roman vollendet. Das Buch, jetzt wieder aufgelegt, ist ein Jahrhundertbuch. Es entführt uns an drei Orte, in drei Zeiten und Lebensphasen zugleich. Die Kapitel werden anhand der "Striche" gezählt, die der Erzähler Ahmet (alias Ismail) in die Mauern seiner Gefängniszellen sowie in die Tür der Hütte ritzt, in der er sich versteckt, um die Inkubationszeit einer befürchteten Tollwut abzuwarten.

Der Prosatext steht an Dichte Hikmets Lyrik in nichts nach, erzählt aber deren Hintergründe. Das Leben der ersten kommunistischen Gaststudenten in Moskau erinnert an Benjamins Moskauer Tagebuch. Die Katastrophen deuten sich an: die Ungewissheit nach dem plötzlichen Tod Lenins, an dessen Leichnam Hikmet Wache steht, und die Bedrohungen, welche die jungen Sozialisten nach der Rückkehr in die Heimat erwarten.

Während die Dreiecksgeschichte zwischen Ahmet, der Studentin Anuschka und dem Chinesen Si-ya-u die Fieberträume des Helden in der Hütte durchzieht, erzählt der Roman von Folter, politischer Verfolgung, Armut und Hunger: "Die Adams und ein paar Bauern in Lumpen lagen auf allen vieren neben den Gefängnismauern. Sie aßen das Gras. Aber nicht, indem sie es mit den Händen ausrissen, sondern indem sie es wie Tiere mit dem Mund rupften. Ohne einander zu berühren, ganz still, grasten sie wie traurige Tiere."

Dies ist das eine Gesicht, Ende der dreißiger Jahre, der von Atatürk in die Moderne geschleuderten Türkei. Es ist unvollständig ohne das andere: das bürgerliche. Sein herausragender Chronist ist Ahmet Hamdi Tanpnar, dessen Lebensdaten (1901 bis 1962) mit denen Hikmets fast identisch sind; aber sonst unterscheidet sie alles. Ist Hikmet für die Literaturinteressierten immerhin ein Name, den man schon einmal gehört hat, ist der andere überragende Klassiker der türkischen Moderne erst seit diesem Herbst richtig zu entdecken. Gleichzeitig sind seine beiden Hauptwerke auf Deutsch erschienen, und man weiß nicht, welches von beiden man eher empfehlen soll; beide sind großartig, und beide so unterschiedlich, als stammten sie von verschiedenen Autoren.

Das Umkehrbild zu Hikmets unverträumtem Realismus in den Romantikern ist Tanpnars 1949 erschienener Roman Seelenfrieden. Der Titel täuscht natürlich. Wer am Anfang des Buchs seinen Frieden noch hat, insbesondere der junge Akademiker Mümtaz, wird ihn bis zum Ende verlieren. Dazwischen entfaltet sich auf 550 Seiten ein Gesellschaftspanorama, das seinen Vergleichsmaßstab nur an Proust, Thomas Mann oder Musil findet. Laut Orhan Pamuk ist Seelenfrieden der "bedeutendste Roman, der je über Istanbul geschrieben wurde".

Tatsächlich spielt die vom Sultan verlassene, immer ungeschützter den Stößen der Moderne ausgesetzte Metropole die heimliche Hauptrolle. Mümtaz kultiviert ein geradezu erotisches Verhältnis zu der sich besonders dem Blick aus den Fähren und Ausflugsbooten preisgebenden Stadt. Im Rausch seiner Liebe zu der geschiedenen Nuran wird Istanbul einen Sommer lang der Kraftort einer pantheistische Beseligung.

Tanpnars metaphernreiche Beschreibungskunst raubt einem den Atem. Dies allein würde das Buch zu einem Meisterwerk des literarischen Impressionismus machen, aber es ist weit mehr. Es ist im selben Atemzug eine Hommage an die sufistisch inspirierte türkische Musik (die der Liebhaberei der Figuren für die europäische Musik nicht entgegensteht) und ein Zeitroman, der in tiefsinnigen Gesprächen die Identitätssuche türkischer Intellektueller jenseits ideologischer Festlegungen beschreibt. Nicht Kemalismus und Kommunismus sind die Bezugspunkte, sondern Hegel, Nietzsche und die islamische Mystik.

Tanpnar richtet einen kalten Blick auf eine schöne Gefühlsseligkeit

Weit weg scheinen die Folterungen in den Gefängnissen, die Hikmet schildert. Und doch kann wie in einem verspäteten Fin de Siècle auch diese Gesellschaft ihre Identitätskrise nur noch durch einen übersteigerten Ästhetizismus verschleiern, der von Tanpnar zu einem letzten Höhepunkt geführt und dadurch zugleich entlarvt wird. In der Fülle seiner Gefühle und durch die hypertrophe Sensibilität seiner Wahrnehmung verliert Mümtaz die nötige Entschlossenheit, um Nuran aus den sie umgebenden gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Wenn am Ende das Radio den Beginn des Zweiten Weltkriegs verkündet, manifestiert sich der seelische Unfrieden der Figuren auch in der Außenwelt, und fast ist das, bei aller Trauer, auch eine Befreiung.

Wie anders dagegen das zweite, postum erschienen Großwerk Tanpnars! Ist Seelenfrieden der türkische Zauberberg, so ist das Das Uhrenstellinstitut der türkische Mann ohne Eigenschaften. Romantik und Gefühlsseligkeit, die das Vorgängerbuch so reich und zerbrechlich machen, weichen einem gnadenlosen, fast zynischen Blick auf eine Gesellschaft nach dem Verfall aller Werte. Der Roman ist eine Abrechnung mit der schönen neuen Welt, freilich ohne dass etwas jenseits davon die ihrer Wurzeln beraubten Menschen noch halten könnte. Das Resultat ist eine der abgefahrensten Grotesken der Weltliteratur, ein Werk, das in dem halben Jahrhundert seit seinem Entstehen zu seiner ganzen Bedeutungsfülle regelrecht nachgereift ist.

Das Uhrenstellinstitut symbolisiert die aus dem Nichts geborene, nur sich selbst verpflichtete und perpetuierende Idee, es ist das Substrat aller selbstgefälligen modernen Ideologien, eine Ausgeburt eigenmächtiger Bürokratie, ausgestattet wie ein Ministerium und allein damit beschäftigt, immer nur seine eigene Notwendigkeit zu begründen. Halit Ayarc, der Leiter und Erfinder des Instituts, ist die reinste Verkörperung eines Spindoktors. Als Hayri Irdal, der skeptische und ebendeswegen lebensunfähige stellvertretende Direktor des Instituts auf Halits Vorwürfe wegen seines mangelnden Enthusiasmus verzweifelt antwortet: "Ich tue doch alles, was sie sagen, wozu muss ich auch noch glauben?", entgegnet Halit ohne jeden Anflug von Ironie: "Tun Sie lieber gar nichts und glauben Sie nur. Das würde uns schon reichen."

Hayri ist der Erzähler der Geschichte – im gleichzeitig erschienenen Hörbuch leiht ihm der Schauspieler Dietmar Mues die Intensität seiner brüchigen, die permanente Fassungslosigkeit ausstrahlenden Stimme. Man glaubt Hayri vom Pech verfolgt, aber als Halit Ayarc in sein Leben tritt, kehrt sich alles auf die verblüffendste Weise um: Es kommt nicht darauf an, wie etwas in Wirklichkeit ist, sondern nur darauf, wie wir es verkaufen.

Ahmet Hamdi Tanpnar hat mit dem Uhrenstellinstitut eine Großparabel geschaffen, die einen Schlüssel zur Deutung nicht nur der modernen Türkei, sondern der ganzen, dem schönen Schein und der fixen Idee verfallenen Welt liefert. Natürlich platzt das Uhrenstellinstitut am Ende genauso wie unserer Tage die Blase an den Börsen. Aber keine Sorge, auch dann sind, vergleichbar beflissenen Notenbankchefs, die Halit Ayarcs zur Stelle: "Ich habe den Auflösungsbeschluss korrigieren lassen. Die Auflösung als solche bleibt bestehen, doch damit sie sich ordnungsgemäß vollzieht, wurde eine permanente Auflösungskommission gegründet, in der alle Anwesenden eine Aufgabe erhalten."

Nâzm Hikmet: Hasretlerin Adi/Die Namen der Sehnsucht

Gedichte; Türkisch und Deutsch; aus dem Türkischen und mit einem Nachwort von Gisela Kraft; Ammann Verlag, Zürich 2008; 360 S., 29,90 €

Nâzm Hikmet: Die Romantiker

Roman; aus dem Türkischen von Hanne Egghardt; BS, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006; 267 S., 16,80 €

Ahmed Hamdi Tanpnar: Das Uhrenstellinstitut

Roman; aus dem Türkischen von Gerhard Meier; Hanser Verlag, München 2008; 428 S., 24,90 €

(Als Hörbuch bei HörbuchHamburg, Hamburg 2008, gesprochen von Dietmar Mues, 6 CD, 443 Minuten, 24,95 €)

Ahmed Hamdi Tanpnar: Seelenfrieden

Roman; aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann; Unionsverlag, Zürich 2008; 571 S., 22,90 €

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