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Murathan Mungan ist einer der populärsten türkischen Autoren. Der Riss zwischen Orient und Okzident geht durch sein Herz und Werk

© Foto: Moritz Stipsicz (Markt der Buchantiquare); aus ''Die Basare Istanbuls"; Christian Brandstätter Verlag
Sahaflar Carsişi, der Buchbasar Istanbuls, handelt seit Jahrhunderten mit Gedrucktem
Wer in den letzten Wochen Zeitung gelesen und Radio gehört hat, könnte glauben, die Türkei sei ein Land, in dem die Damen ihre Nachmittage über französischen Garten- und Einrichtungsmagazinen verträumen, bevor sie am Abend mit ihren heimlichen Liebhabern auf die Satinkissen sinken und mit den Perlenohrringen klappern. Das Gastland der in dieser Woche abgehaltenen Frankfurter Buchmesse – aber dafür kann der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk nichts – schien sich literarisch mehr und mehr in einen noblen Vorort von Paris zu verwandeln, in ein bis in die feinste Maserung der Istanbuler Damenhandtaschen bereits für den EU-Beitritt literarisch gerüstetes Terrain. Jeder weiß natürlich, dass das nicht stimmt. Oder nur für Orhan Pamuk, den Sohn der frankophilen Istanbuler Oberschicht, stimmt, in dessen Museum der Unschuld die Familiengeschichten und Memorabilien aus der westeuropäischen Vergangenheit der Türkei ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Nein, über Orhan Pamuk will Murathan Mungan nun wirklich nicht reden. Wir sitzen in einem Café in Istanbul, vor uns Schiffe, Meer, eine mehrspurige Schnellstraße, ein Grünstreifen, auf dem die Istanbuler Jugend sich wie überall in der westlichen Welt beim Laufsport ertüchtigt – weit hinten im Dunst der asiatische Kontinent. Mungan hat sich warm angezogen. Er trägt ein schwarzes Hemd, eine schwarze Lederjacke, einen silbernen Piratenohrring, Stiefel im heißen Spätsommer.
In der Türkei ist Murathan Mungan genauso populär wie Orhan Pamuk. Seine Romane sind Bestseller, seine Gedichte werden von Popmusikern vertont, seine elfstündigen Theaterstücke werden von den türkischen Staatstheatern ungekürzt aufgeführt. Er ist 53 Jahre alt und hat 53 Bücher veröffentlicht. Wenn Pamuk der Autor der behaglichen Melancholie und der alten Zeit ist, dann ist Mungan der Autor einer atemlosen Verlorenheit und zerbrechenden Gegenwart. Pamuks Leser sind vermutlich all jene, die das Istanbul der französischen Gartenzeitschriften und des hüzun – das ist die schlechte Laune der gut verdienenden türkischen Leute, eine nebelverhangene Istanbuler Variante des Pariser Ennui – noch aus erster Hand kennen. Mungans Leser dürften erheblich jünger sein und sind unter anderem auch deswegen so zahlreich, weil unglaubliche 65 Prozent der türkischen Bevölkerung jünger als dreißig Jahre alt sind.
Unser Istanbuler Treffen wird eskortiert wie eine diplomatische Enquete. Murathan Mungan hat zwei, ich habe eine Übersetzerin mitgebracht, jeder aus der berechtigten Sorge, wir könnten bei unserem deutsch-türkischen Kaffeekränzchen schnell stumm in den Tassen rühren. Ich spreche schließlich kein Kurdisch, kein Türkisch, kein Arabisch. Mungan kein Deutsch, kein Englisch, kein Französisch. Kurdisch war seine Kindersprache in Mardin, einer aramäisch-arabisch-kurdisch-türkisch bevölkerten Stadt im Südosten der Türkei, nicht weit von der syrischen und der irakischen Grenze. Mit seiner Großmutter hat er arabisch gesprochen. Mit seinem Kindermädchen kurdisch. Türkisch war die Sprache des Staates, die Sprache seines arabischen Vaters und des sozialen Aufstiegs. Das Türkische, sagt er, ist seine Waffe. Er sagt auch, dass er sich für einen der wenigen lebenden türkischen Autoren hält, die die türkische Sprache beherrschten.
Das kann ich ihm nur glauben. In der schönen, schlichten deutschen Übertragung seines gerade auf Deutsch erschienenen kleinen Romans Tschador durch den Pamuk-Übersetzer Gerhard Meier klingt Mungans Sprache leer geräumt und apokalyptisch, ein bisschen nach Albert Camus, ein bisschen nach Maurice Blanchot. Diese Schlichtheit, sagt Mungan, ist schwer zu haben. Das ist wie in historischen Filmen, in denen man die Kostüme kunstvoll so lange bearbeitet, bis sie aussehen, als hätte man sie gerade aus der Erde ausgegraben. So möchte er klingen: wie gerade aus der Erde ausgegraben. Seine Themen sind immer modern. Seine Sprache ist es nicht. Mungans Sprache will »essenziell« sein, sagt unsere erste Übersetzerin. Sie will »schlicht und alt« sein, sagt die zweite. Die Sprache will »ur« sein, eine »Ursprache«, sagt die dritte Übersetzerin an diesem Morgen im türkischen Kaffeehaus. Wiederholen wir das noch mal. Die Themen sind modern, also kompliziert. Die Sprache soll sowohl einfach als auch kompliziert sein. Einfach kompliziert? Kann man das so sagen? Ja, so kann man das wohl sagen.
Einfach kompliziert wie alles in dieser Stadt, in der verschleierte Frauen wie flügellose Tauben vor ihren Hauseingängen hocken und die Läuferinnen am Bosporus in kurzen Turnhosen ihre Bahnen ziehen. Wo es noch immer Straßenzüge gibt, in denen keine Frau sich blicken lässt, Kaffeehäuser, die noch nie eine Damenhandtasche aus der Nähe gesehen haben. Der sagenumwobene Spagat zwischen Orient und Okzident, der mitten durch diese Stadt geht und viele Beine bricht, soll in den einfach komplizierten Büchern Murathan Mungans ausbalanciert werden. So wie das Land sich ausbalancieren will. Nach Westen öffnen, ohne westlich zu werden. Im wirklichen Leben hat das noch keiner geschafft. Aber was ist Wirklichkeit? Mungan lacht. Die Wirklichkeit, ist das nicht so ein schlechter amerikanischer Film?
Sein Roman Tschador jedenfalls spielt nicht in der Wirklichkeit. Ein junger Mann, Akhbar, kommt nach irgendeinem Krieg, nach irgendeinem Regierungssturz in sein Land zurück, und alles ist wie in einem schlechten islamischen Film. Er kommt in die Stadt seiner Kindheit zurück, und seine Familie ist verschwunden. Niemand weiß, wo seine Mutter geblieben ist. Die Vorstädte sind zerstört. Die Jahre, die Kindheit, die alten Wege, alles ist »wie bei einem Sandsturm von einem riesigen Himmelsschlauch aufgesaugt und verschlungen worden«. Er klopft an viele Türen. Überall öffnen tief verschleierte Frauen, die ihn durch das Sichtgitter der Burka hindurch in müdem Kummer anstarren. Es ist ein orientalisches Heimkehrerdrama, eine Geschichte von einer Stadt ohne Frauen, einem Land ohne Bilder, in dem »Soldaten des Islam« die verödeten Straßen bewachen und sich die Moskitonetze auf den Dächern sanft im Nachtwind blähen. Das sind archaische Bilder, gemacht aus Sand, Staub und einer zähneklappernden Einsamkeit.
Mungan sagt: Er hat sich verspätet in der westlichen Kultur. Er sagt auch: Er ist ein Spieler. Aber einer, der um echten Einsatz spielt. Er liest die Autoren der westlichen Moderne. Er beherrscht die Spielregeln. Aber da ist noch etwas. »Ihr«, sagt Mungan, »seht mich wie einen einzelnen Baum auf freiem Feld. Ich bin aber der Teil eines Waldes.« Er kramt einen braunen Zettel aus seinem Aktenkoffer hervor und schreibt auf: Halid Ziya Uşaklgil, Ahmet Hamdi Tanpnar, Abdulhak Șnasi Hisar, Oğuz Atay, Sevim Burak, Nahit Srr Örik, Bilge Karasu. Das sind die Autoren und Autorinnen, deren Porträts auf seinem Schreibtisch stehen. Das ist sein Wald, das sind die Namen, die man kennen muss, um zu verstehen, wie er das meint: eine Literatur, wie frisch aus der Erde ausgegraben.
Wie kann man das jetzt zusammenfassen? Vielleicht so: Es gibt die westliche Wirklichkeit, die mehr und mehr einer wertlosen Spielmarke ähnelt. Und es gibt den Sandboden unter den Füßen, die Wüstenrose in der Hand, die uralte Währung des Menschlichen. Und was ist dazwischen? Dazwischen ist vielleicht das Meer, das Istanbul in zwei Hälften teilt. Dazwischen sind diese Schnellstraße und die Schiffe auf dem Meer, dazwischen sind wir und diese aus den aktuellen westeuropäischen Üblichkeiten vollkommen herausfallende betörende Mondstaub-Prosa. Und all das muss einen neuen Zusammenhang ergeben. Geht es darum?
Ja, darum geht es, sagt die erste Übersetzerin. Darum geht es, sagt die zweite Übersetzerin. Darum geht es, sagt die dritte Übersetzerin. Und wir verabschieden uns in dem schönen Gefühl, dass der Orient und der Okzident durchaus miteinander reden können.
- Datum 17.10.2008 - 14:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.10.2008 Nr. 43
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