Als vor zwei Jahren der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk mit dem Nobelpreis geehrt wurde, schien es einen Moment lang so, als fiele die Schwedische Akademie mit ihrer Entscheidung den westlichen Zivilisationskommissaren in den Rücken. Hatte man nicht genug damit zu tun, die Barbaren – wie schon so oft – von Europa fernzuhalten? Doch glücklicherweise erwies sich der dekorierte Autor als scharfer und unbestechlicher Kritiker türkischer Zustände. Die Regierung machte ihm das Leben schwer, radikale Nationalisten und Islamisten wollten es gar auslöschen. Für viele war Pamuk der lebende Beweis für die unerträgliche Rückständigkeit der Türkei. Mit anderen Worten: Pamuk hatte das Zeug, unser Mann in Istanbul zu werden.

Als Anfang 2007 sein Freund, der Journalist Hrant Dink, ermordet wurde, sagte Pamuk umgehend seine angekündigte Lesereise nach Deutschland ab. Für ein ideologisches Leitmedium wie die Tagesschau war der Fall sofort klar: Pamuk muss vor seinen nationalistischen Häschern abtauchen. Das war – milde gesagt – passend erfunden. Es ist wahr, Pamuk muss seitdem von Leibwächtern geschützt werden. Aber der Grund für seine Absage lag ganz woanders: Pamuk hatte keinerlei Interesse, als Kronzeuge im europäischen Prozess gegen die Türkei aufzutreten. Ein kurzer Blick in seine Romane hätte genügt, um zu verstehen, dass Pamuk nicht taugt als Instrument europäischer Weltbeglückungsfantasien. Zeile für Zeile insistiert der Schriftsteller auf das Recht der Türkei, eine widersprüchliche, schwierige, »rückständige« Nation zu sein. Zeile für Zeile warnt er seine Landsleute vor den Verrenkungen der Demut und ermutigt sie, zu einem eigenen türkischen Selbstbewusstsein zu finden.

Sein neues Buch Das Museum der Unschuld ist ein wunderbarer Beleg dafür, wie man mit den Mitteln des Romans der Welt ihren Reichtum, ihre Komplexität, ihre schwierige Schönheit zurückgeben kann – jenseits der dümmlich ideologischen Raster der gängigen politischen Moralisierung und Kriminalisierung. Es erzählt davon, wie wir bis in unsere intimsten Regungen vergesellschaftet sind und doch nie weniger in der Lage waren, die Gesellschaft im Geflüster unserer Leidenschaften zu entdecken.

Sünden werden durchaus als Sünden erlebt

Im Istanbul der siebziger Jahre zerren zwei »Gesellschaften« am Leben der Bürger: die Moderne und die Tradition. In dieser Zeit lernen wir den Helden Kemal kennen. Er ist 1975 gerade dreißig Jahre alt, Sohn eines reichen Fabrikanten und selbstbewusster Vertreter der Istanbuler Jeunesse dorée. Die wunderschöne achtzehnjährige Füsun hingegen arbeitet als Verkäuferin in einem Handtaschenladen. Sie ist weitläufig mit Kemal verwandt. Die beiden verlieben sich ineinander. Der Stoff, aus dem die türkischen Filme jener Jahre gewebt sind. Das Problem besteht allerdings nicht nur in der Differenz von Arm und Reich, sondern vor allem darin, dass Kemal kurz vor der standesgemäßeren Verlobung mit Sibel steht. Überdies hat Kemal mit beiden Frauen geschlafen. Und der voreheliche Verlust der Jungfräulichkeit kann nach türkischen Vorstellungen allenfalls durch die Heirat kompensiert werden. Andererseits haben Kemal und Sibel lange Zeit im Ausland gelebt und fühlen sich modernen westlichen Vorstellungen sehr nahe.

Die »modernen« Türken jener Jahre gehören durchweg einer bestimmten Schicht an. Man begreift, dass die Entscheidung für die westliche Moderne weniger mit philosophischen Erörterungen über die bessere Zivilisation zu tun hat, sondern vielmehr mit handfesten Klasseninteressen. Doch während Kemal und Sibel ein scheinbar modernes, freies Leben führen, sind sie zugleich tief eingelassen in die Tradition ihrer Gesellschaft. Das heißt, sie erleben die Sünden, die sie begehen, durchaus als Sünden. Das ist das »Gesellschafts-Etwas« (Fontane) – das lässt sich nicht so leicht aufkündigen.

Jedenfalls finden Sibel, Füsun und Kemal keine angemessenen Antworten auf die Sünden, die sie begangen haben. Sie verirren sich im Tumult der Gefühle und der Gefühlsordnungen. Bald laufen die Dinge gewaltig aus dem Ruder. Kemal verlobt sich mit Sibel auf einem pompösen Fest im Istanbuler Hilton, obwohl er hoffnungslos in Füsun verliebt ist. Die läuft davon, versteckt sich einige Monate und präsentiert Kemal beim nächsten Wiedersehen einen Ehemann: ihre Notlösung. Doch auch wenn Sibel sich nach einer Weile still von Kemal trennt, ist nun noch lange nicht der Weg frei für Füsun. Stattdessen geraten die beiden in eine über acht Jahre währende Warteschleife. Und man hat kaum je Dramatischeres gelesen, obwohl fast nichts passiert – nur das ergreifende Drama des Ausharrens.

Wie so oft bei großen Liebesgeschichten in der Literatur möchte man die Tragöden wachrütteln, wenigstens wachküssen. Man schlägt das Buch zu ob der Raserei der Unvernunft. Dann öffnet man es rasch wieder, auf unnennbare Weise ergriffen von den ratlosen Helden – und ihrer Größe. Und was hier geschieht, ist weit größer, als der Geist der Vollendung wahrhaben kann oder will: das verwirrende Glück der Gefangenschaft.

Und dabei macht der Leser eine sonderbare Erfahrung, gewissermaßen tappt er in die Falle, die Orhan Pamuk ihm kunstvoll und hintersinnig gebaut hat: Jedes ›So werdet doch endlich modern!‹, das man den beiden zurufen könnte, bleibt uns im Halse stecken. Einfach weil es den beiden Liebenden nicht in den Sinn kommt und weil ihre Welt so nicht funktioniert – und wahrscheinlich überhaupt keine Welt. Natürlich enthält die Geschichte auch nicht die geringste Aufforderung, sich der Tradition zu beugen. Es ist eine Blockadezeit, eine Wartezeit, es ist keine verlorene Zeit, sondern aufgehobene Zeit.

4213 Kippen, die ihr schöner Mund berührt hat, zeugen von der Liebe

An endlos vielen Tagen besucht Kemal Füsun, die mit ihrem Gatten bei ihren Eltern in bescheidenen Verhältnissen lebt. Züchtig, keusch – alles unter der Kontrolle familiärer Zeremonien. Er schmachtet, er leidet, und er ist glücklich. Er macht es sich zur Gewohnheit, Gegenstände mitgehen zu lassen, die ihn an Füsun erinnern: 4213 Kippen, die Füsuns schöner Mund berührt hat, Porzellanhunde, die den Fernseher bewachen, Kinokarten, Ohrringe, Telefonjetons, eine Quittenreibe, ein Autowrack. Am Schluss hat er so viele Füsun-Memorabilien zusammen, dass ein ganzes Haus damit gefüllt werden könnte: ebenjenes Museum der Unschuld, das Kemal errichten will und dessen erzählten Katalog wir in den Händen halten. Kemal hat den Schriftsteller Orhan Pamuk, einen weitläufigen Bekannten seiner Familie, beauftragt, seine Geschichte aus seiner Perspektive zu erzählen.

Um die geschlossene Gesellschaft ihrer Liebe bildet sich ein Raum. Der Raum hat Fenster. Am Fenster vorbei schweben die Requisiten der realen, der großen Geschichte: Generäle, Detonationen von Attentaten, Inflationsraten, die Lemuren der Zensur. Der ganze Schlachtenlärm. Von dieser Geschichte haben sich Kemal und Füsun ausgeschlossen, scheinbar haben sie sich in eine andere Zeit begeben. Und doch versteht Kemal sein Museum der Unschuld als einen »politischen Akt«: »Die Türken sollen in ihren Museen nicht im Westen abgekupferte Bilder, sondern ihr eigenes Leben sehen. Und das wirkliche Leben soll es sein, nicht das vermeintlich westliche Lebensgefühl unserer Reichen.« So erläutert Kemal seine Vorstellungen seinem Ghostwriter Orhan Pamuk. »Dann werden die Besucher, die der Liebe von Kemal und Füsun ihre Achtung bezeugen, allmählich begreifen, dass es dabei (…) nicht nur um eine Geschichte von Verliebten geht, sondern um die Geschichte einer ganzen Welt, nämlich die Geschichte von Istanbul.«