In dem Artikel geht nach meinem Dafürhalten so einiges durcheinander. Wenn der Lehrer, von den Schülern befragt, warum heute wieder einmal Literatur oder auch Grammatik ansteht, zugibt, dass der unmittelbare Nutzen nicht auf der Hand liegt, man dies zum Geldverdienen nicht unbedingt benötigt, sondern der Mensch auch gern einmal Dinge aus reiner "Lust am Kapieren" macht, wie mein Germanistikprofessor zu sagen pflegte, ist dies nicht Ausweis einer "mangelnden Leistungsorientierung" oder gar eines "antiökonomischen Reflexes", sondern Beweis eines ausgereiften Bildungsbegriffs. Man mag die vormaligen "Lernziele" ganz im Stile der Orwellschen "Neusprache" durch "Kompetenzen" und das vormalige "Lernen" durch "Kompetenztraining" ersetzen und wertvolle Lehrerarbeitszeit für das Umschreiben der schuleigenen Lehrpläne in "Neusprache" beanspruchen, wichtiges Ziel gerade der geisteswissenschaftlichen Disziplinen in der Schule ist und bleibt Kritikfähigkeit. In einer Demokratie, zumal in einer, in der immer mehr Bereiche auch außerhalb der Wirtschaft in den Sog des Effizienzgedankens geraten, sind Bedenkenträger nämlich alles andere als lästig; Demokratie lebt geradezu von dem Konsens, der am Ende des Austauschs von Bedenken steht. Bedenkenlos "durchregiert" wird in anderen Staatsformen. Und Bedenken äußern zu lernen sollte vornehmstes Ziel von Schule sein; auch hierin ist der Lehrerberuf der vierten Gewalt nicht unähnlich, die Bedenken zu äußern zur journalistischen Tugend erhoben hat.

Marcel Haldenwang, Hückeswagen