Die Lektüre des hochaktuellen Interviews mit Prof. Kalisch erinnerte mich an den Titel des Artikels auf der vorangehenden Seite derselben Ausgabe zu dem isländischen Erdwärme-Projekt: Energie aus Teufels Küche. Die Parallelen zwischen einem riskanten und teuren, aber wissenschaftlich herausfordernden geologischen Vorhaben dort und einer religiös-wissenschaftlichen Aufklärungsarbeit hier sind unübersehbar. Denn eine Religion soll den Gläubigen (Lebens-)Energie spenden, ohne deren Verstand im Rauch und Feuer unreflektierter und verbissen verteidigter Dogmen zu ersticken. Der Glaube soll eine Stütze des kritischen Verstandes sein und keine Gipsform zum abermaligen Abguss geistiger Einzeller. Auch im religiösen Bereich bewegt man sich meist am Rande des Vulkans, sowohl theologisch als auch wissenschaftlich. Wie im Christentum stehen auch im Islam die Fundamentalisten Gewehr bei Fuß, um die Unbotmäßigen zu bekämpfen, welche sich erdreisten, die sogenannte "endgültige Wahrheit" anzuzweifeln. Jenseits der spezifischen Charakteristika einzelner Religionen geht es einmal mehr darum, ein gesundes Gleichgewicht zwischen den (historisch nicht wirklich hieb- und stichfesten) überlieferten Texten und ihrem heutigen dogmatischen Gewicht zu etablieren. Wie der Koran enthält auch die Bibel eine Fülle von veralteten und heute eher schädlichen denn nützlichen Informationen, nicht nur rein historischen, sondern auch gesellschaftlich-theologischen Charakters. Dennoch wird oftmals an dem festgehalten, was den damaligen Bräuchen und dem damaligen Wissensstand entspricht, zum Nachteil der heutigen Christen. Prominentestes Beispiel: Jesu sandte wohl keine weiblichen Apostel, ergo dürfe es auch heute keine weiblichen Priesterpersonen geben (Katholizismus und die Ostkirchen). Dass damals in einer genuin patriarchalischen Gesellschaft die Entsendung weiblicher Apostel gar keinen Sinn gemacht hätte, im Gegensatz zu heute, interessiert nicht. Wie eine lebendige Religion hier und heute zu sein hat, darüber wird man sich nicht nur im Islam immer mehr Gedanken machen müssen.

Dr. Irena Doicescu, Stadtsteinach (Oberfranken)