Nach Meinung von Herrn Dräger führen Studiengebühren nicht zu sozialer Selektion; es bestehe ein Darlehenssystem, und außerdem hätte er gerne noch mehr Bildungsaufsteiger. Hat Herr Dräger, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung und als Vorstandsmitglied der Bertelsmannstiftung zuständig für den Bereich Bildung, den Bezug zu den realen Lebensverhältnissen verloren? Für viele Studenten nämlich hat sich der finanzielle Druck deutlich verschärft. Studiengebühren belasten das Budget von Familien und Studenten zusätzlich. Nur ein Viertel der Studenten erhalten Bafög, da die Einkommensgrenzen der Eltern viel zu niedrig angesetzt sind, und vor teuren Krediten schrecken viele Studenten zurück, um sich nicht haushoch zu verschulden. Viele sind daher gezwungen zu jobben, statt zu studieren, um wenigstens auf Sozialhilfeniveau zu leben.

Auch das Deutsche Studentenwerk kritisiert, dass Studiengebühren insbesondere Menschen aus einkommensschwächeren Familien von einem Studium abschrecken und so "die ausgeprägte soziale Selektivität des deutschen Hochschulsystems noch verstärken". Trotz der vehementen internationalen Kritik an der mangelnden Bildungsgerechtigkeit in Deutschland sind es vor allem die pädagogischen Leitungskräfte aus Hochschule und Gymnasien, die den Status quo einer privilegorientierten Bildungspolitik aufrecht erhalten wollen.

Sollten nicht Begabung und Talent entscheiden anstatt die soziale Herkunft? Ein erster Schritt in diese Richtung wäre die sofortige Abschaffung der Studiengebühr und die Einführung eines elternunabhängigen Bafögs.

Michael Hemm, Strullendorf