Eine Botschaft, die das Neue Testament erzählt, geht so: Lahme, Taube, Stumme werden auf ein einziges Wort des Gottessohns hin gesund. 2000 Jahre später reichen Spritzen, um einen Patienten zu heilen, der an unerklärlichen Krämpfen in der Hand leidet. Die Rede ist von der Genesung des amerikanischen Pianisten Leon Fleisher. Und von Botox, einem Gift, das sonst die Reichen benutzen, um sich ihre Gesichter straffen zu lassen.

Fleisher galt als eins der größten Klaviertalente der Nachkriegszeit, bis er 1963, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, von einer seltsamen Irritation befallen wurde. Eines Tages konnte er den vierten und fünften Finger seiner rechten Hand nicht mehr richtig bewegen, sie krümmten sich nach innen, krampften und schleppten hinter den anderen her. Am schlimmsten war es, wenn Fleisher kleine, schnelle Bewegungen ausführte, Triller oder Repetitionen. Erste Zeichen hatten sich schon Monate früher bemerkbar gemacht, der Pianist hatte immer schärfer gegen sie antrainiert, als seien Willens- und Muskelkraft dienliche Rezepte gegen die Erlahmung der Mechanik. Sie blieben unwirksam.

Fleisher haderte mit allen und allem, mit den Ärzten, mit ihren Therapien, mit dem Schicksal und zuletzt mit sich selbst. "Ich versuchte alles von A bis Z", schrieb er, "von Aromatherapie bis Zen-Buddhismus." Vergeblich. Schließlich machte es der verzweifelte Fleisher ähnlich wie der Romantiker Robert Schumann, der als hoffnungsvoller Pianist in Jugendjahren irgendwann seinen rechten Mittelfinger nicht mehr hatte gebrauchen können, eine Schlinge für ihn konstruierte und nach vergeblicher Leidensmüh ein Stück komponierte, in dem dieser Finger nicht benötigt wurde. Fleisher war brutaler und konsequenter: Er spielte nur noch Musik für die gesunde Hand. Davon gab es genug, beispielsweise Maurice Ravels raffiniertes Konzert für die linke Hand .

Schumann und Fleisher, zwei Pianisten, dieselbe Krankheit: fokale Dystonie. Der amerikanische Neurologe Oliver Sacks hat den Fall Fleisher in seinem neuen Buch Der einarmige Pianist beschrieben; die Musikmediziner Eckart Altenmüller und Hans-Christian Jabusch aus Hannover kennen viele solcher Leiden, nicht nur aus der Musikerbranche: "Der sogenannte Schreibkrampf ist eine verwandte Störung." Aber bei Pianisten hört man die Fehler. "Bestimmte Akkorde, die vorher sicher beherrscht wurden, werden plötzlich falsch gegriffen, etwa als Septime statt als Oktave", sagt Altenmüller. Zunächst dachte die Fachwelt, muskuläre Defizite in den Extremitäten seien verantwortlich. Doch bei der neuroradiologischen Analyse stellte sich heraus, dass die Katastrophe im Kopf stattfand: Der Musikerkrampf war Folge einer Anomalie im Gehirn. Vermutlich spielen bei der fokalen Dystonie genetische Komponenten eine Rolle, außerdem, so vermuten Altenmüller und Jabusch, "perfektionistische Tendenzen" und eine psychische Disposition. Einen Auslöser gab es bei Fleisher allerdings doch: 1963 übte er einmal Schuberts Wanderer-Phantasie neun Stunden lang – und am übernächsten Tag begannen die Krämpfe.

Seit Fleisher mit kleinsten Dosen Botox behandelt wird, dem Gift, das Nerven lähmt, kann er sich wieder als vollständiger Pianist fühlen. 1993 gab er ein umjubeltes Auferstehungskonzert in der New Yorker Carnegie Hall, und heute mutet er sich fast wieder das alte Pensum eines pianistischen Schlachtrosses zu. Trotzdem ist er vorsichtig bei der Auswahl virtuoser Literatur, denn von fokaler Dystonie kann man nicht geheilt werden, man kann nur die Symptome lindern. "Wenn die Götter es auf dich abgesehen haben", erzählte er Sacks, "wissen sie genau, wo sie dich treffen können."

So haben sich nicht nur die Auftritte, sondern auch die Rituale verändert. Neben den Injektionen, die er regelmäßig bekommt, führt Fleisher vor jedem Spielen ein ausgedehntes Stretching durch. Seine alten Fingersätze hat er längst geändert und macht sich das pianistische Leben so komfortabel wie möglich. Er weiß, was er verlieren kann. Indes hat er die Zeit der Einarmigkeit nicht als Verlust, sondern als Segen empfunden. Eines Tages betrachtete er die Krankheit gar als Geschenk, das ihn tiefer den Grund von Musik erkennen ließ. Er begann zu dirigieren, blickte auf Noten mit einem größeren Gefühl von Zeit und Versenkung und lernte jenseits der Materie die Substanz zu lieben.

Das hört man. Vergleicht man seine frühe, geradezu steile Aufnahme von Schuberts B-Dur-Sonate D 960 aus dem Jahr 1956 (united archives CD UAR021) mit derjenigen auf seiner CD Two Hands von 2004 (Vanguard Classics CD ATM 1551), so fällt die weit größere Ruhe und Gelassenheit auf, mit der Fleisher jetzt, in seinem dritten Leben, das Werk durchmisst. Man hat den Eindruck, als meditiere er beim Spielen. Und selbst wenn man einräumt, dass jeder Hörer der neuen Platte angesichts der wundersamen Heilung intuitiv gerührt ist, so sind Differenziertheit und poetische Anmut des alten jungen Fleisher unbestreitbar. So lauter und behutsam, so innerlich strahlend und perspektivisch einfach spielen dieses Werk nur wenige Pianisten. Weinerlich-träge ist dieses Musizieren in keiner Sekunde. Übrigens kommen die Kopfsatz-Triller im Bass jetzt so gleichmäßig heraus wie nie: Vierzig Jahre lang stand seine Welt auf links. Einen Querschnitt seiner kompletten Karriere inklusive der Zeit des Handicaps bietet das neue Album The Essential Leon Fleisher mit Werken von Mozart, Brahms, Grieg, Beethoven, Ravel und anderen (Sony BMG, 2 CDs, 88697221152).