Auf der Fähre von Asien in den europäischen Teil Istanbuls wird es meist recht eng, weshalb private Telefongespräche hier etwas Öffentliches haben. Das muss nicht, kann aber gefährlich werden. Wie an diesem Sonntagnachmittag auf dem Bosporus. An seinem Mobiltelefon spricht ein Mann über die vergangene Nacht. Da habe er eine Frau verführt, hört man, und dann habe er das gemacht und dann auch noch das andere. Eine alltägliche Episode aus dem türkischen Matratzenheldentum.

Mitgehört hat auch eine Frau um die vierzig, rot gefärbtes Haar, Nasenpiercing, mittelgroß, sportlich. Das Boot legt an, die Menge drängt über die kleine Brücke an Land. Da stellt die Rothaarige den Mann mit Bauchansatz und keift ihn an: "Was war das für eine Unterhaltung?!" Dass er sich nicht schäme! Sie zeigt auf seinen Ringfinger: Er sei ja wohl verheiratet. "Und überhaupt, was fällt Ihnen ein, hier so vulgär herumzuprahlen!" Dann holt sie mit ihrem Laptop aus und schlägt den Mann zu Boden. Er liegt gekrümmt auf dem Beton des Anlegers. Neben seinem Gesicht steht sie mit ihren bedrohlichen Stiefeln und poltert: "Du Zurückgebliebener! Du redest wie von vorgestern." Dann hebt sie noch mal drohend den Laptop hoch. Benommen rappelt sich der Mann wieder auf. Kaum steht er, rennt er, so schnell sein Bauch erlaubt. Eingegriffen hat übrigens niemand. Nicht weil die Istanbuler Kavaliere ein Handgemenge für eine hilfebedürftige Frau scheuen würden. Doch als sie sahen, dass die Rothaarige ganz gut allein zurechtkam, ging jeder seiner Wege.

Schottland ist tot – lang lebe die Königin! Nicht irgendeine Königin, sondern Maria Stuart. Eigentlich gründet sich moderner schottischer Nationalstolz nicht auf die Monarchie, sondern auf die Bank of Scotland und die Royal Bank of Scotland. In den Boomjahren verwandelten sie Edinburgh in das viertgrößte Finanzzentrum Europas. Beide Geldinstitute fielen der Kreditkrise zum Opfer, das verhasste England verleibt sie sich ein. Lloyds TSB übernimmt die Bank of Scotland, die Royal Bank wurde verstaatlicht. Der aufgeblasene Nationalistenführer Alex Salmond, der früher Ökonom bei der Royal Bank war und noch vor wenigen Wochen der schottischen Unabhängigkeit entgegenträumte, steht auf einmal als Braveheart ohne Kleider da.

Zum Glück wartete eine Parteigenossin mit einem glänzenden Einfall auf: Die sterblichen Überreste der letzten schottischen Königin sollen aus der Westminster Abbey nach Edinburgh umgebettet werden. Das Schicksal der Monarchin ist jedem Gymnasiasten aus Schillers Tragödie vertraut. Auf dem Schafott hüllte sie sich in ein rotes Gewand als Symbol ihres angeblichen Martyriums für den Katholizismus. Tatsächlich sei Maria eine ikonische Figur der schottischen Geschichte und das Opfer einer englischen Verschwörung gegen ihr Heimatland, begründete die Parlamentarierin ihre Kampagne. Sie rekrutierte einen Geschichtsprofessor, der ihr bestätigte, dass die Königin auf keinen Fall in England begraben bleiben dürfe. Das klingt wie ein fairer Tausch – zwei pleitegegangene Großbanken gegen eine fünf Jahrhunderte alte Leiche.