Martenstein Der Besserverdienenden-Feminismus
Unser Kolumnist findet, Mächtige müssen das Lästern über sie ertragen – auch Frauen.
In jedem Büro wird über die Chefs gelästert. Ich halte das für typisch menschlich. Ich glaube, Lästern ist sogar eine Voraussetzung dafür, dass soziale Systeme funktionieren. Die Machtlosen entschädigen sich für ihre Machtlosigkeit, indem sie über die Mächtigen lästern, die weniger Schönen lästern über die Schönen, die Ungebildeten lästern über die Intellektuellen und so weiter. Diesen Preis müssen die Erfolgreichen halt zahlen. Es tut ihnen in den meisten Fällen auch nicht ernsthaft weh.
Man kann halt nicht alles haben, man kann nicht die anderen überflügeln und gleichzeitig erwarten, dass sie einen dafür lieb haben. Nur in Diktaturen ist es verboten, über die Herrschenden zu lästern.
Da es inzwischen sehr viel mehr mächtige, berühmte und gebildete Frauen gibt als vor 50 Jahren, betrifft dieses bekannte soziale Phänomen naturgemäß auch immer häufiger Frauen. Es hat mich fast vom Stuhl gehauen, als ich im ZEITmagazin gelesen habe, dass so etwas mal wieder eine männliche, frauenfeindliche Schweinerei sei, Denunziation, die sich in Wörtern wie "nervig" und "anstrengend" ausdrücke, die Männer und angeblich nur Männer für erfolgreiche Frauen verwendeten.
Erstens lästern auch Frauen über Frauen – aber hallo! Zweitens gibt es jede Menge erfolgreicher Männer, die als Zicken, anstrengend und Nervensägen gelten, ich nenne aus Platzgründen nur sechs: Otto Schily, Joschka Fischer, Götz George, Günter Grass, Ralph Giordano, Oskar Lafontaine. Ich habe übrigens Respekt vor diesen Typen, die haben alle Großes geleistet. Aber es sind Zicken.
Dieser Besserverdienenden-Feminismus geht mir auf die Nerven. Leute, die oben angekommen sind, durchaus zu Recht, und dann so tun, als seien sie Opfer. Falls das Wort "Frauensolidarität" etwas bedeuten würde, dann würden sie sich um die Frauen sorgen, die gesteinigt, zwangsverheiratet oder zwangsweise beschnitten werden, das gibt es ja alles noch, aber nein, am wichtigsten sind ihnen ihre kleinen Karriereprobleme.
Sie beklagen sich darüber, wie Jutta Ditfurth, dass Männer irritiert reagieren, wenn sie ihr Gegenüber im Gespräch nicht anlächeln – Frauen scheinen es offenbar zu mögen, wenn man sie nicht anlächelt. Sie klagen darüber, wie Susan Brownmiller, dass ein "Hang zu Macht, Status, Geld oder Ruhm" ihnen als irgendwie unsympathisch angekreidet wird. Es tut mir leid, aber Leute, die nicht zurücklächeln und hauptsächlich Macht, Status, Geld und Ruhm im Kopf haben, finde ich wirklich extrem unsympathisch, egal, welches Geschlecht sie haben.
Hillary Clinton, stand im ZEITmagazin, sei nicht Präsidentschaftskandidatin geworden, weil sie eine "unweibliche" Frau sei. Alice Schwarzers Probleme mit ihrer Nachfolge bei Emma würden nur deshalb kritisiert, weil sie eine Frau sei. Moment mal – Clinton ist unter einem Dutzend Kandidaten am Ende die Nummer zwei gewesen, gegen ein Jahrhunderttalent, oder? Der große Verleger Unseld ist wegen ähnlicher Nachfolgeprobleme in Dutzenden von Artikeln durch den Kakao gezogen worden, oder?
Ein Chef ist ein Chef. Ein Star ist ein Star. Ein Depp ist ein Depp, und eine Nervensäge ist eine Nervensäge. Emanzipation bedeutet, glaube ich, dass man, solange es nicht um Sexualität geht, in erster Linie nicht mehr als Frau oder als Mann wahrgenommen wird, sondern wegen anderer Eigenschaften. Das kann im Einzelfall auch bedeuten, dass man als ein kolossales Arschloch wahrgenommen wird. Da hilft Jammern wenig. Da ist dann auch nicht die Gesellschaft schuld.
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 18.03.2009 - 13:17 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.10.2008 Nr. 43
- Kommentare 8
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Ich hatte gehofft hier eine der unterhaltsamen Emanzipations Kommentarschlachten vor dem schlafen gehen lesen zu können, wurde aber erst in besagtem Artikel zu den Nervensägen fündig. Besserverdienender Feminismus hin oder her, Unterhaltung geht anders :(
nervende Vaginamonologe. Mit Yo! Majesty und somit "revolutionär" gesprochen: Fuck that shit!
Und, bevor der Zensor wieder zuschlägt: erst mal die Kommentare im verlinkten ZEIT-Artikel zu Yo! Majesty checken.
Dies ist nun bereits der zweite Artikel im Themenbereich Gender, bei dem ich mich frage was mit Ihrem sonst guten Reflexionsvermögen passiert ist. Vielleicht sollten Sie in Zukunft lieber die Finger von diesen Themen lassen. Populistische Abhandlungen zu diesem Themengebiet gibt es m.E. schon zur Genüge.
"Zielgruppe des Populismus sind in der Regel soziale Schichten und gesellschaftliche Gruppen, die sich durch die bestehende gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Ordnung oder ihre Entwicklung benachteiligt sehen."
Wer ist das in der Regel? Richtig: Nervensäge Frau.
"Zielgruppe des Populismus sind in der Regel soziale Schichten und gesellschaftliche Gruppen, die sich durch die bestehende gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Ordnung oder ihre Entwicklung benachteiligt sehen."
Wer ist das in der Regel? Richtig: Nervensäge Frau.
"Zielgruppe des Populismus sind in der Regel soziale Schichten und gesellschaftliche Gruppen, die sich durch die bestehende gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Ordnung oder ihre Entwicklung benachteiligt sehen."
Wer ist das in der Regel? Richtig: Nervensäge Frau.
aus platzgründen die aufzählung, wen ich alles als 'kolossales Arschloch' wahr-nehme. wäre auch viel zu langweilig. für mich.
also: als 'kolossales Arschloch' wahrgenommen werden gehört zum geschäft. und gelegentlich auch zum sex/geschlecht. alles klar? - alles klar!
Frauen in besserbezahlten Positionen fühlen sich ob des Lästerns, das sie über sich ergehen lassen müssen, benachteiligt, das ist die Quintessenz der Problemstellung, mit der sich Harald Martenstein auseinander gesetzt hat.
Die Fragestellung, die sich auch nach der Lektüre der vorzüglichen Kolumne noch anbietet, ist jedoch folgende:
WIESO fühlen sich die Karriere-Frauen benachteiligt??
Der "beleidigende" Begriff scheint es nicht allein zu sein, der ihnen übel aufstößt, vielmehr scheint es so, als herrsche eine gewisse Dünnhäutigkeit bei den geschätzten Damen vor.
Und, nicht dass es diese weinerliche Art in irgendeiner Art rechtfertigen könnte, aber ist diese Dünnhäutigkeit nicht irgendwie auch verständlich??
Schließlich sind Führungsetagen von ihrem Ton her ehr zugig, ein Bereich, der bis vor 15 Jahren komplett in Männerhand war neigt nicht zwangsläufig zu freundlichen Umgangsformen, für Frauen ein ungewohntes Terrain, besonders wenn man zuvor keine direkten Konfrontationen gewohnt war.
Frauen geben, das ist zumindest meine Erfahrung, viel Wert auf Höflichkeit und sagen selten offen und ehrlich ihre Meinung, ob aus Berechnung oder Angst davor jemanden zu verletzen, vermag ich nicht zu sagen, vielleicht ist es auch eine Mischung.
Wenn nun also ein Mann konstatiert, er halte seine Gesprächspartnerin für eine Nervensäge, so kann man sich ungefähr vorstellen, wie diese Bemerkung bei ihr ankommt. Watzlawick hat einfach Recht!!!
Offenbar ist die weibliche Taktik nun dem Mann immer ähnlicher zu werden, indem sie auf Lächeln verzichten, wie ich zu meiner Verwunderung lesen musste.
Ich muss gestehen, dass sich mir der Sinn dessen nicht ganz erschließt, im Allgmeinen werden sich die Karrierefrauen damit nur das eigene Leben vermiesen und mit spätestens 50 an Endorphinmangel sterben, aber nun gut.
Frauen, die werden, wie wir Männer mal waren, braucht auf dieser Welt sowieso keiner...
Da sind mir Frauen, die zwar nerven und meckern, aber Frauen bleiben, irgendwie schon lieber :-)
(planet-of-prophets.blogspot.com)
geschrieben hat. irgendwas mit lächeln..
sie lächelt? - is falsch
sie lächelt nicht? - is auch falsch.
vielleicht hat sie ihre tage?
vielleicht hat sie nicht ihre tage?
vielleicht zwickt ihn auch die prostata?
oder er hat sich sonstwie nen wolf geritten?
sie könnte so werden wie er ist?
sie könnte so werden wie er war?
sie könnte weder-noch werden?
wieso glauben männer, karriere-frauen fühlten sich benachteiligt? weil sie nicht dann lächeln, wenn die knödels glauben sie sollten? oder umgekehrt?
ja, ich habe über'n ollen Marty gelächelt. weil er sich so dolle mühe gibt... das gehört zu sex/gender von "kolossales arschloch". das drüber lächeln meine ich.
Hallo liebe Zeit.
ist Dir schon mal aufgefallen, dass immer dieselben Ihren Senf abllassen und dies ziemlich intollerant?
[Anm.: Sie sind herzlich eingeladen, sich ich sachlicher und konstruktiver Weise an den verschiedenen Diskussionen zu beteiligen. /Die Redaktion pt.]
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