Medien Strick dir einen Ameisenbären

Junge Feministinnen machen ein neues Magazin. "Missy" will ganz anders sein

Die Künstlerin Valie Export mag es nicht, wenn Männer über Frauenkörper verfügen. Das macht sie lieber selbst. Sie stellt ihre Brüste in einem Karton aus und lässt sie begrapschen. Kann sie jungen Frauen ein Vorbild sein? Ja, findet das Missy Magazine und druckt ein Porträt der Künstlerin mit Löwenmähne und schwarzer Bluse auf eine Quartettkarte. Feministinnen zum Ausschneiden und Sammeln – das ist mal was anderes.

Unsere liebsten Feministinnen zeigt diese Rubrik der neuen Zeitschrift. Das Missy Magazine will »mit einer feministischen Haltung über Popkultur, Politik und Style« berichten. Das Heft, schreiben die Herausgeberinnen, soll »uns für voll nehmen, statt uns als Summe unserer Problemzonen zu behandeln«.

Der Anspruch macht neugierig. Seit zwei Jahren streiten landauf, landab junge Frauen für einen zeitgemäßen Feminismus. Ist nun die Stunde einer neuen Zeitschrift gekommen? Drei Frauen um die dreißig sind das Wagnis eingegangen. Sie schrieben ein Konzept, gewannen einen Förderpreis, bereiteten das erste Heft zehn Monate lang vor und geben es nun im Eigenverlag heraus. Von Montag an soll Missy an den deutschen Bahnhöfen und Flughäfen zum Verkauf liegen.

Das Magazin aus Hamburg sieht zunächst einmal sehr schick aus. Es wirkt wie der Katalog einer Kunstausstellung. Bilder strahlen inmitten breiter weißer Flächen oder breiten sich postergleich über die ganze Seite aus. Hochglanz, natürlich, aber darin geht es munter zu. Gezeichnete Stöckelschuhe spazieren um ein Fünfziger-Jahre-Foto. Eine Frau trägt Dutzende Einkaufstüten, die sie umringen wie ein Reifrock. Models posieren in gelber Häkelbluse oder verhüllen ihre Kurven unter einem Overall, der an eine Mönchskutte erinnert.

Der optische Auftritt ist stark; manchmal auf Kosten des Textes, wenn Buchstaben so blass und dürr über die Seite hasten, dass sie in der Kneipe oder im Café wohl kaum noch zu lesen sind. Immerhin: Wer dieses Heft neben seinen Latte macchiato legt, macht eine gute Figur.

Bei der Lektüre lässt die Begeisterung dann deutlich nach. Das Heft ist übervoll mit Rubriken, Formen, Sachgebieten, bietet hier ein Interview, dort eine Kolumne und zwischendrin jede Menge Film- oder CD-Kritiken. Die Fülle wirkt erschlagend. Da hilft es kaum, dass das Heft sich grob nach gängigen Ressorts wie Style, Sex und Politik gliedert.

Gute Einfälle gibt es durchaus. In How to knit your own Tierchen erfährt die Leserin, wie sie einen Ameisenbären strickt. Das parodiert hübsch die Strickmuster traditioneller Frauenzeitschriften und illustriert nebenher das Gespräch mit einer Künstlerin, die Stofftiere herstellt.

In dem Artikel Ich muss mir einen Vornamen machen schildert eine junge Libanesin, wie sie nach der Ermordung ihres Vaters seinen liberalen Zeitungsverlag in Beirut weiterführen will. Über diese Frau hätte man gerne noch mehr erfahren. Aber die Missy - Macherinnen wagen es nicht, ihren Leserinnen lange Texte zuzumuten.

Manchmal greift Missy einfach zu kurz. Da wird die erste Idee genommen, die nicht immer die beste ist. So testet die Sexredakteurin Liebesstellungen des Kamasutra, und eine Autorin beschreibt, wie sie schamesrot einen Vibrator kauft. Leben die Leserinnen denn in den fünfziger Jahren und haben weder Bravo gelesen noch Sex and the City je gesehen? Unter »Politik« folgt die 100. Reportage zur Genitalverstümmelung in Afrika, die aber daherkommt, als hätte Missy ein brandneues Thema entdeckt.

Das alles wäre nicht so schlimm, wären viele Autorinnen nicht so selbstzufrieden: Vor lauter Coolness vergessen sie, lustig und unterhaltsam zu sein oder hintergründig und schlau. Cool zu sein ist ja schön und gut, aber für einen so ambitionierten Auftritt nicht genug.

Missy leidet an zwei Missverständnissen: Zum einen scheinen die Autorinnen zu glauben, sie seien schon frech, wenn sie Ausdrücke verwenden wie »völlig schnurz« oder »das ging in die Hose« oder wenn sie gar die »Power der Vagina« preisen. Aber schwerer noch wiegt der zweite Irrtum: dass es genüge, auf fast jede Seite das Wort »Feministin« zu schreiben; dass Analysen und Tiefgang dann entbehrlich wären.

Die Autorinnen erheben so manche starke Frau aus Musik und Kunst zum Rollenmodell, dabei stets andeutend, »wenn sie ein Mann wäre, wäre sie viel erfolgreicher und anerkannter«. Da sie aber kaum einmal Hintergründe oder Auswege aufzeigen, bleibt nach der Lektüre ein flaues Gefühl. Frauen erscheinen hier eben nicht als Powergirls, die durchs Leben stürmen im Gefühl, »alles erreichen zu können«, wie es das Editorial verspricht. Sie wirken wie verhuschte Opfer, die wehrlos bösen Mächten ausgeliefert sind. Das entwertet die feministische Kritik.

Das ist schade, da diese Zeitschrift eine Lücke füllen könnte. Gerne verspotten junge Feministinnen die Emma , die ihnen als verbissen, unsexy und humorlos gilt, allein auf die Debattenwelt der Alice Schwarzer ausgerichtet. Missy will sich unterscheiden, erschöpft sich aber in seiner Flottheit.

Mit der ersten Ausgabe gelingt es ihr nicht, einen Vorwurf der Emma- Generation zu entkräften: dass junge Feministinnen zwar gerne die älteren belächeln, aber bessere Ergebnisse doch schuldig bleiben. Die nächste Ausgabe wird zeigen müssen, ob die Macherinnen mit den Texten zum Niveau ihrer Bilder aufschließen können, ob sie Visionen eines zeitgemäßen Feminismus entwerfen – oder ob sie sich damit begnügen, eine coole Deko fürs Designerloft zu sein.

 
Leser-Kommentare
  1. so polemisiert MISSY gegen stillende (unhippe) Mütter.
    Zudem fordert Chefredakteurin Cris Köter eine Frauenquote in Musikredaktionsstuben deutscher POP-Magazine. Frauenquote – das ist ja wirklich mal was "anderes".

    Im nächsten Heft:
    "Klaus, pack die Eier aus und, rühr die Milch an!"

    Mehr ist nicht drin für Klaus und seinesgleichen (siehe MISSY-FAQ).

    Klarer Fall von Wellness-Feminasmus.

    @Redaktion: Nanu, Kommentare eingepackt?

  2. ist ja wirklich lustig, wie intensiv die neue "missy" auch hier rezipiert wird. Die Intensität der Debatte um ein neues Magazin lässt zum einen zwar darauf schließen, dass die Autorinnen mit ihrem Konzept recht behalten: Aufmerksamkeit wir auf jeden fall erzeugt. Zweitens aber liest sich die Kritik so verbissen, als wäre die "missy" als das absolute Heilversprechen zur Rettung der Identität als Frauen geborener Menschen angekündigt worden. man sollte sich hier mal kurz überlegen, das ein Magazin ein wachsendes Produkt ist, welches nie von Anfang an perfekt ist und sich erst über die Zeit entwickelt. Außerdem hat das Projekt ein Ausgangsbudget von läppischen 25.000 euro. Das ist so ziemlich nichts. Vielleicht würde in bisschen Demut bezüglich der eigenen Magazineinführung, des ZEITmagazinLEBEN, angebracht sein. Dieses Magazin ist mit einem fetten Budget ausgestattet und hat es noch nicht mal innerhalb von zwei Jahren geschafft, ein konkretes Profil für sich zu finden. Steht Gesellschaftsmagazin drauf, ist aber kein Gesellschaftsmagazin drin. Wie auch, interessiert sich die Redaktion wohl mehr für Einschulungssorgen von Prenzlauer-Berg und Charlottenburg Klientel statt für alles so im Rest der Republik. Dafür darf man dann im ZEITLeben mal lesen, welche Frauen auf jeden Fall darauf verzichten sollten, Hotpants zu tragen. Geschrieben, natürlich: von einer Frau. So wie diese Rezeption zur "missy" auch. Wäre auch schön, wenn ihr Frauen das erreichen würdet, was die Missy- Autorinnen schon längst begriffen haben: einen Redakteursposten in einer männlich dominierten großen Zeitung zu bekommen ist und bleibt schwierig! Also lieber mutiges diy mit einem Selbstanspruch, der mit Sicherheit schwierig zu halten und zu entwickeln ist, aber immerhin überfällig war, als die ewige Zweite. Macht weiter Missy, ich find euch cool.

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