In diesem Herbst erscheinen gute neue Bücher, die mit holzschnittartigen Weisheiten über das Land an Europas südöstlichem Rand brechen. Eine davon lautet: In der Türkei tobe ein Kampf von prowestlichen säkularen gegen islamistische Kräfte. Diesem Vorurteil entzieht Rainer Hermann in seinem Buch Wohin geht die türkische Gesellschaft? (dtv, München 2008; 315 S., 14,90 €) die Grundlage. Souverän beschreibt er, wie die alte kemalistische Elite, Armee und Bürokratie versuchen, den Aufstieg einer neuen Elite von Geschäftsleuten und gläubigen Türken aus Anatolien zu verhindern. Hermanns Buch ist Pflichtlektüre, um das politische Kräftespiel in der Türkei zu verstehen. Wider erstarrte Türkeibilder erzählt Jürgen Gottschlich (Türkei. Ein Land jenseits der Klischees; Links Verlag, Berlin 2008; 216 S., 16,90 €) mit viel persönlicher Erfahrung mitten aus dem Leben über die türkische Gesellschaft und Familie, das Sozial- und Bildungssystem, das Klima und die reiche Kulturszene des Landes. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Cem Özdemir (Die Türkei. Politik, Religion, Kultur; Beltz Verlag, Weinheim 2008; 255 S., 19,90 €), der das Land seiner Vorfahren in Gegensätzen erklärt: Türken und Deutsche, Frauen und Männer, Meinungsfreiheit und Staatsgewalt, Tourismus und Umwelt. Eine Liste von Wörtern verschiedener in der Türkei gebräuchlicher Sprachen rundet das Buch ab. Halil Gülbeyaz (Türkei wohin? Parthas Verlag, Berlin 2008; 200 S., 19,80 €) hat Türken und Deutschtürken in Interviews über die Modernisierung der Türkei und ihren Weg in die EU befragt. Herausgekommen ist ein anregendes Mosaik der Meinungen von teilweise sehr konträr denkenden Künstlern und Intellektuellen. Annette Großbongardt (Istanbul Blues; Rowohlt Berlin, Berlin 2008; 219 S., 17,90 €) hat ein Reportagebuch vorgelegt, das vom engagierten Blick der Autorin lebt. Sie beschreibt die tiefe Identitätskrise des Landes, die chronische Verwirrung der Koordinaten, welche die Türkei dem Betrachter und sich selbst zumutet. Gerhard Schweizer fasst diese Identitätskrise in einem gut lesbaren Buch über die gesellschaftlichen Hauptströmungen zusammen: Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus (Klett-Cotta, Stuttgart 2008; 352 S., 19,90 €).Günter Seufert (Von der Saat der Worte; Verlag Hans Schiler, Berlin 2008; 184 S., 24,– €) hat den Nachlass des 2007 von Nationalisten ermordeten armenischen Publizisten Hrant Dink geordnet und ins Deutsche übertragen. Vielleicht erlaubt sein Buch den sinnlichsten Einblick in die Türkei. Hrant Dink plädierte dafür, der Versöhnung von Armeniern und Türken Priorität vor der "offiziellen Anerkennung des Genozids" von 1915 einzuräumen. Doch gerade weil er für Verständigung eintrat, fühlte er sich wie eine Taube in der Stadt – "immer ein bisschen ängstlich, doch dafür immer auch ein bisschen frei".Michael Thumann

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