Kompliment vorweg: Das Krisenmanagement, das die CSU seit ihrer historischen Niederlage bei den bayerischen Landtagswahlen an den Tag gelegt hat, kann sich sehen lassen. Nach einem solchen Tiefschlag hätte in München leicht auch das volle Chaos ausbrechen können. Stattdessen hat die CSU ohne großes Tamtam die so nahe liegenden wie tief greifenden Entscheidungen getroffen. Das glücklose Führungsduo Huber/Beckstein, dem niemand mehr die Kraft zu einem Neubeginn zutraute, wurde zum Rückzug gedrängt. Und mit Horst Seehofer wurde einer zur künftigen Zentralfigur erkoren, der mit seiner politischen Erfahrung wie seinem Charisma die Partei aus der Krise führen könnte.

Erinnert man sich daran, was bei Edmund Stoibers Sturz in der CSU los war, ging es beim aktuellen Revirement fast schon gelassen zu. Der Kontrast zwischen der spektakulären Niederlage und den vernünftigen ersten Schritten zu ihrer Bewältigung bleibt bemerkenswert. Nach der Phase ihrer Desorientierung schien die Partei endlich wieder zur Vernunft zu kommen.

Diesen Eindruck dementiert die CSU inzwischen nach Kräften. Politisch setzt sie in den letzten Tagen ein abwegiges Zeichen nach dem anderen. Da plädiert der ehemalige Gesundheitsminister Seehofer unter dem Motto "leben und leben lassen" für eine weitgehende Lockerung des bayerischen Rauchverbots. Landesgruppenchef Ramsauer erklärt die Skepsis der Bevölkerung beim Afghanistaneinsatz zur maßgeblichen Orientierungsgrundlage der CSU. Bei der Erbschaftsteuer setzt die Partei auf demonstrative Obstruktion, als könnte sie sich nur so ihrer eigenen Existenz versichern. Da war es schon nicht mehr überraschend, dass sich die CSU auch beim Rettungspaket der Bundesregierung zur Bankenkrise erst einmal querlegte.

Stoiber in seinen besten Tagen hätte das Feld wohl kaum der Kanzlerin und ihrem Finanzminister überlassen. Er wäre selbst in die Rolle eines Krisenmanagers geschlüpft. Stattdessen erschöpfte sich die erste wahrnehmbare Einlassung der CSU-Spitze zur Finanzkrise in einem "Nein": Bayern rettet nur bayerische Banken! Als würde nicht auch Bayern vom nationalen Krisenpaket profitieren. Ihre bornierte Position werden weder der alte noch der neue Parteichef am Ende durchhalten. Doch schon der Reflex ist symptomatisch: Auch in der globalen Krise bleibt die Partei ihrem regionalen Horizont verhaftet.

Nichts wird für die CSU mehr sein, wie es einmal war – so hat man den 29. September erlebt. Nur die CSU scheint die Zeitenwende verdrängen zu wollen. Sie bleibt die Alte: Immer die bayerischen Sonderwünsche im Auge, ist der Bund vor allem Erfüllungsgehilfe ih- rer eigenen Interessen. Das Verantwortungsbewusstsein der CSU für das Ganze ist stark unterentwickelt. Nur wenn es um Macht und Einfluss geht, dreht sie am ganz großen Rad. Es ist dieser Widerspruch, mit dem sich die Partei in die Krise manövriert hat. Es ist unwahrscheinlich, dass sie auf diesem Wege aus der Krise wieder herauskommt.

Immer wurde behauptet – vorweg von der CSU selbst –, dass ihre Dominanz in Bayern die Grundlage ihres nationalen Einflusses sei. Aber nun, da die Wähler der CSU diese Grundlage entzogen haben, vergisst sie ihre frühere Einsicht. Nun, wo die urbayerische Kraftquelle nicht mehr sprudelt, glaubt die Partei umso drastischer – notfalls auch destruktiver – auftreten zu dürfen, ja zu müssen, um ihren nationalen Anspruch zu verteidigen. Frei nach dem Motto: Der Mythos ist tot, es lebe der Mythos!

Allzu lange schon hat die CSU davon profitiert, dass ihr Machtgebaren aus Gründen historischer Reminiszenz für bare Münze genommen wurde, dass Schein und Sein so schwer auseinanderzuhalten waren. Doch auch hier hat das bayerische Wahlergebnis für Klarheit gesorgt. Weder mit ihrem alten Stil noch mit ihren Rachegelüsten gegen eine Kanzlerin, die sich den bayerischen Erpressungsversuchen nicht fügt, wird die Partei aus der Krise finden. Die CSU muss neu beginnen. Sie muss in Bayern beweisen, dass sie auch in einer Koalition vernünftig regieren kann. Und sie muss im Bund verantwortungsbewusst handeln.