Kein Zweifel: Ulrich Ladurner stellt in seinem Artikel Der abstrakte Krieg (ZEIT Nr. 42/08) überzeugend dar, weshalb derzeit in Afghanistan statt einer Verstärkung des militärischen Nato-Engagements das Disengagement angezeigt ist, also die Reduzierung der Truppen und deren planmäßiger Abzug – zugunsten der Verstärkung des zivilen Wiederaufbaus.

In diesem Zusammenhang allerdings hängt Ladurner bedauerlicherweise dem verbreiteten Vorurteil an, der Rückfluss von angeblich 40 Prozent der Wiederaufbaumittel werde dem Wiederaufbau in Form von Unternehmensprofiten und Expertengehältern entzogen. Nun ist es ja nicht so, dass die 15 Milliarden, die bislang aufgebracht wurden, sozusagen bar an afghanische Bedürftige auszuzahlen waren. Vielmehr werden vor allem Güter (Baumaterialien, Medikamente) und Dienstleistungen (Gehälter!) bereitgestellt, die im Land selbst (noch) nicht verfügbar sind. Dass beides zum großen Teil importiert werden muss, hängt mit der Wirtschafts- und Versorgungssituation in Afghanistan zusammen. Und dass mit der Lieferung von Zelten und Decken für die Notunterbringung (oder von Straßenbaumaschinen) deren Hersteller Profite machen und etwa die ausländischen NGO-Fachkräfte ein Gehalt beziehen, ist banal: Entscheidend ist, dass die Hilfe (nicht das Geld!) rechtzeitig und für die Hilfsbedürftigen zugänglich bereitgestellt wird.

Der Vorwurf Ladurners jedenfalls erinnert an einen schlicht gestrickten Vorwurf von Rupert Neudeck in den achtziger Jahren: In einem Werbespot zur Somalia-Hilfe ließ der gelernte TV-Journalist Neudeck zunächst einen Zeltfabrikanten zu Wort kommen, der sich lobend über die Käufe seiner Zelte durch das Rote Kreuz äußert, und stellte ihm dann eine Cap-Anamur-Helferin gegenüber, die vor der Kamera eine Geldspende entgegennimmt, um das Geld angeblich direkt vor Ort an die Hilfsbedürftigen auszuteilen. Ganz so schlicht ist Ladurners Argument nicht, aber es zielt in dieselbe Richtung. Und das ist dem ansonsten gut recherchierten Artikel abträglich.

Bernd Leber ist Berater für Entwicklungspolitik und ZEIT-Leser in Tostedt

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