Stanford/Kalifornien - Nach der schlimmsten Woche des Dow-Jones in seiner 112-jährigen Geschichte (minus 18 Prozent), nach dem höchsten Punktsieg aller Zeiten am Montag (plus 937) bleibt auf dem Weg ins Irrenhaus nur noch die Flucht in die "Rocksaum-Theorie". George Taylor, Professor an der Wharton Business School, hat sie 1926 erfunden, und sie besagt ganz schlicht: Kleiderlängen steigen und fallen mit dem Aktienmarkt.

Das sei nicht Zufall, sondern Schicksal. Mit Wohlstand kommen Zuversicht und Risikobereitschaft, folglich zeigen Frauen mehr Bein. Und umgekehrt. Die Goldenen Zwanziger? Kurz und kürzer (Charleston!). Nach dem Crash 1929 stürzt der Dow von 340 auf 40 und dümpelt dann bis Kriegsende um die 100 herum, der Rock fällt unters Knie. In der Wirtschaftswunderära nach 1945 gehen beide wieder nach oben. Als der Mini etwa 1965 die westliche Welt erobert, schießt der D-J zum ersten Mal auf 1000. Und fällt in den Siebzigern, als der Schlabberlook einzieht.

So weit, so gut. Nun nörgelt jeder Erstsemester-Statistiker: Was kommt zuerst, wer führt, wer folgt? Die Geschichte kennt die Antwort. Am "Schwarzen Montag", dem 19. Oktober 1987 (der Crash kommt gern im Herbst), stürzte der D-J um 507 Punkte auf 1738 ab – steiler als je zuvor, knapp 23 Prozent. Freilich berichtet die New York Times eine Woche später aus Paris und Mailand: "Der Modetrend in einem Wort? Kurz." Die Devise? "Weit übers Knie." Ergo: 15 Monate später war der Dow bei 2300. Die Mode blieb kurz, und der Index ging hoch und höher – bis auf knapp 12000, als die Dotcom-Blase Anfang 2000 platzte.

Und jetzt? Betrachten wir die Bilder von der Fashion Week Ende September in Mailand, als der Crash schon lief. Gucci: Zwei Drittel des Oberschenkels nur Haut. Cavalli: Rocksaum knapp unter dem Hüftknochen. Paris, 5. Oktober: Vuitton und Alaia schweben in halsbrecherischen Höhen. Sonia Rykiel: ganz feige – anderthalb Handbreit über dem Knie. Ein Blinder, wer jetzt keine Aktien kauft.

Natürlich kann man auch die dürren Zahlen betrachten. Die besagten am Ende der Horrorwoche, dass der Börsenwert von 876 US-Aktiengesellschaften unter dem Wert ihrer Aktiva lag. Und dass die Aktien von 3500 Unternehmen weniger als achtmal Dividende kosteten – also eine Jahresrendite von zwölf Prozent widerspiegelten. Derweil die Welt unterging, meldete IBM einen Gewinnsprung von 20 Prozent fürs dritte Quartal.

Wer also den Tod des Kapitalismus beweint (oder besingt), sollte sich die Realwirtschaft ansehen, die nur ein Valium mampfender Trader krank nennen würde. Und wer dem Markt nicht traut, darf Vater Staat umarmen. Zum ersten Mal seit der Geburt der G7 vor 33 Jahren handeln die großen Wirtschaftsmächte im Konzert. Und sie geben nicht auf. Als sie merkten, dass die reine Geld-Aufblähung nicht reichte, kauften die einen Anteile wankender Banken, garantierten die anderen Interbank-Darlehen, damit wieder Kredite fließen.

Doch wie solide die Wirtschaft, wie klug der Staat ist, wussten wir schon, als wir durch die Fashion Week von New York, Mailand und Paris schlenderten.