Für die Medizin gilt seit einiger Zeit das Diktat der Effizienz. Wer nach einer Operation halbwegs gehen kann, muss raus aus dem Krankenhaus. Und auch in der Psychotherapie sind kurze Verfahren favorisiert. Was schnell vorbei ist, ist günstig und gilt als gut.

Nun veröffentlicht ein Autorenteam von der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Gießen und dem Institut für Medizinische Psychologie der Universität Hamburg eine Studie wider den Zeitgeist. Im Journal of the American Medical Association kommen Falk Leichsenring und Sven Rabung zu dem Ergebnis, dass in bestimmten Fällen lange andauernde Psychotherapien besser wirken als Kurztherapien.

Die beiden Psychologen hatten weltweit zum ersten Mal im Rahmen einer Metaanalyse 23 Arbeiten zur Wirksamkeit der psychodynamischen Langzeitpsychotherapie zusammengetragen und ausgewertet. Im Fokus standen Therapien, die mindestens ein Jahr oder 50 Therapiesitzungen umfassten – im Extremfall sogar bis zu 642 Sitzungen. Die untersuchten 1053 Patienten litten unter anderem unter chronischen Ängsten, gepaart mit chronischen Depressionen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen.

»Letzteres ist eine der schwersten und am schwersten zu behandelnden Persönlichkeitsstörungen«, sagt Falk Leichsenring, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie bei der Bundespsychotherapeutenkammer. »Die Patienten haben Schwierigkeiten, dauerhafte Beziehungen aufzubauen. Und sie tun impulsiv Dinge, die ihnen und anderen schaden: zu schnelles Autofahren, Alkohol- oder Drogenmissbrauch.« Patienten mit dieser Störung und solche mit mehreren psychiatrischen Diagnosen profitierten von der Langzeittherapie.

Der Veröffentlichungszeitpunkt für die Studie ist optimal. Im Moment stehen die psychotherapeutischen Behandlungsverfahren auf dem Prüfstand des Gemeinsamen Bundesausschusses. Er soll darüber entscheiden, ob die Behandlungskosten für bestimmte Therapieverfahren auch in Zukunft noch von den Kassen übernommen werden. Es geht um die meist kürzer andauernde Verhaltenstherapie sowie die längere psychoanalytische und die tiefenpsycholgisch fundierte Psychotherapie. Die Verhaltenstherapie bearbeitet scharf umrissene psychische Probleme wie spezifische Ängste; die psychodynamischen Verfahren hingegen dringen tiefer in die Vergangenheit des Klienten vor und zielen damit auf die Hintergründe der Probleme.

Ihm gehe es nicht darum, einen alten Grundsatzstreit darüber aufzuwärmen, ob Verhaltenstherapien oder psychodynamische Verfahren besser seien, betont Leichsenring. Ihm sei an der angemessenen Therapiedauer für den individuellen Fall gelegen. Bei Persönlichkeitsproblemen zum Beispiel profitierten über 60 Prozent der Patienten nicht von einer Kurztherapie. »Ich vermute, dass eine Langzeitbehandlung auch in der Verhaltenstherapie komplexer Störungen wirksamer ist als eine Kurztherapie.«

Eine Langzeittherapie weckt in vielen das Klischee von der psychoanalytischen Therapie, wie sie Woody Allen so oft in seinen Filmen inszeniert hat. Ist diese Therapieform nur Intellektuellen zugänglich? »Man braucht dafür, salopp gesagt, kein großes Latinum«, sagt Leichsenring. »Ich zum Beispiel arbeite gern mit Nichtakademikern, weil die nicht so verkopft sind – vorausgesetzt, es existiert ein grundsätzliches Interesse an psychischen Vorgängen.«